Kirchenratspräsident Cyrill Bischof von der Landeskirche Thurgau
Schweiz

Cyrill Bischof: «Ich glaube nicht, dass es im Thurgau zu einer Situation wie in Luzern kommt»

Nächste Woche entscheidet die Thurgauer Synode, ob sie die Auszahlung der Kirchensteuern an Reformbedingungen knüpft. Kirchenratspräsident Cyrill Bischof erwartet kein «Luzern 2.0». Der Geldhebel sei der falsche Weg. «Wir alle leiden schon genug.» Man solle «einander nicht plagen», sondern im Dialog überzeugen. Druck sei wichtig, um Reformen voranzubringen, aber die Medien hätten in der Vergangenheit «die rote Linie einige Male überschritten».

Annalena Müller

Herr Bischof, im grössten Schweizer Bistum ächzt das duale System am lautesten. Die Landeskirche Luzern stellt Bedingungen für die Auszahlung eines Teils der Gelder an das Bistum. Wie steht die Landeskirche Thurgau dazu?

Cyrill Bischof*: Der Kirchenrat der Katholischen Landeskirche Thurgau hat sich ebenfalls mit solchen Massnahmen auseinandergesetzt. Wir sind aber zum Schluss gekommen, dass die Massnahme aktuell nicht zielführend ist. Das Ziel muss sein, einen Kulturwandel anzustreben und die katholische Kirche gemeinsam aus dieser Krise zu führen.

Cyrill Bischof im Gespräch mit Hans Lichtsteiner (r) und Renata Asal-Steger.
Cyrill Bischof im Gespräch mit Hans Lichtsteiner (r) und Renata Asal-Steger.

Aber auch im Thurgau gibt es Forderungen nach dem Finanzhebel…

Bischof: Ja, kommende Woche tritt die Synode zusammen. Einige Mitglieder werden eine Resolution einreichen. Diese sieht als letzten Punkt vor, vom Kirchenrat zu verlangen, finanzielle Konsequenzen zu prüfen, sollten die notwendigen Schritte zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs nicht unternommen werden.

Könnte es im Thurgau also zu einer ähnlichen Situation kommen wie in Luzern? Der Kirchenrat ist dagegen, wird aber von seinem «Parlament» gezwungen, anders zu handeln?

Bischof: Ich glaube nicht, dass es im Thurgau zu einer ähnlichen Situation wie in Luzern kommt. Die Synodalen wissen, dass der Kirchenrat wirklich sehr kritisch ist, wenn es angebracht ist – zuweilen auch gegenüber der Bistumsleitung. Sie wissen aber auch, dass er immer im Sinne der Sache agiert. Der Kirche wird nichts unterordnet, sondern zugeordnet. Ungesehen von Rang und Namen ist das oberste Ziel von Synode und Kirchenrat, dass die Kirche vor Ort lebt.

«Wir alle leiden schon genug ob der Gesamtsituation und den hohen Austrittszahlen.»

Wenn nicht über den Geldhebel, wie können Strukturreformen erreicht werden?

Bischof: Wir alle leiden schon genug ob der Gesamtsituation und den hohen Austrittszahlen. Mein Verständnis ist, einander nicht zu plagen, sondern die Bistumsleitung zu überzeugen. Dazu braucht es viele offene und klare Gespräche. Damit die Kirche Schweiz in ihrer jetzigen Form überhaupt eine Chance hat zu überleben, brauchen wir unbedingt weitere sichtbare Zeichen der Strukturveränderung – und dies schnell.

Wie steht die Landeskirche Thurgau zu den Forderungen der RKZ?

Bischof: Die Landeskirche Thurgau hat von Anfang an die RKZ-Forderungen unterstützt. Einige davon sind am Laufen oder zumindest aufgegleist. Allerdings ging es uns nie darum, einen innerkirchlichen Streit zu entfachen. Aufgabe der Exekutive einer Landeskirche ist es, zu den Mitgliedern Sorge zu tragen, sie ernst zu nehmen und ihre Anliegen zu vertreten. Mit den Forderungen haben das Präsidium der RKZ und die Landeskirchen gezeigt, dass Führungsverantwortung wahrgenommen wird. So konnte effektiv Druck aus dem System genommen werden.

Wie lässt sich die römisch-katholische Kirche verändern?
Wie lässt sich die römisch-katholische Kirche verändern?

Die nun aufgegleisten Reformen – externe Fachpersonen zur Unterstützung von Bischof Joseph Maria Bonnemain, externe Institutionen, die bei Aufarbeitung im Bistum Sitten und Basel helfen und das Vorsprechen der Bischofsvertreter in Rom diese Woche – wären diese auch ohne den Druck der RKZ und der Medien so schnell gekommen?

Bischof: Ohne den Druck wären sie vermutlich nicht so schnell gekommen. Wir alle brauchen in unserem Alltag Druck, um innert nützlicher Frist etwas zu erledigen. Negativ werte ich Druck nur dann, wenn er auf Personen ausgeübt wird, nur um ihnen zu schaden oder sie bloss zu stellen.

«Es gibt keinen Grund, in Sachen Medien eine Opferrolle einzunehmen»

Ich glaube Medienschaffende würden jetzt sagen, dass es ihnen nie um das Blossstellen von Personen ging. Sehen Sie das anders?

Bischof: Medien –  da gehört kath.ch dazu – erwecken mitunter den Anschein, dass es ihnen vor allem um Klicks und Abonnentenzahl geht. Negative Schlagzeilen und Personen im negativen Sinne zur Verantwortung ziehen: das verkauft sich gut. Ich schätze kritischen Journalismus – auch bei kath.ch. Aber in der Vergangenheit ist die rote Linie einige Male überschritten worden. Im Gegenzug erwarte ich von der SBK eine Akzeptanz des kritischen Auges von aussen. Es gibt keinen Grund, in Sachen Medien eine Opferrolle einzunehmen. Medien sind «part of the game». Mündige Christen und Christinnen von heute pflegen einen Glauben, dessen vielfältige Facetten stets in einem neuen Licht betrachtet werden wollen. Und da kann kath.ch eine Hilfe sein.

Welche weiteren Reformschritte braucht es in der nächsten Zeit?

Bischof: Es braucht eine andere Art des Verständnisses, um künftig im dualen System gut zusammenzuarbeiten.

«Mehr Synodalität führt dabei auch zu einer Entlastung der Bistumsleitung.»

Mehr Synodalität führt dabei auch zu einer Entlastung der Bistumsleitung. Gleichzeitig steht von unserer Seite die vehemente Forderung an die Schweizer Bischöfe im Raum. Wir erwarten, dass sie in Rom Ausnahmen im Rahmen des Partikularrechtes für die Weiheämterzulassung einfordern. Die Bedeutung dieser schnellen Zulassungsveränderung ist für die Kirche Schweiz essenziell, um die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhalten. Ganz am Schluss und quasi im Notfall, bliebe ihnen der Weg des kanonischen Ungehorsams.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Kirche Schweiz und das duale System?

Bischof: Zuallererst steht da der Wunsch nach einer zutiefst geschwisterlichen Kirche. Einander auf Augenhöhe begegnen ist Grundvoraussetzung für das duale System. Synodale Strukturen ermöglichen ausgeglichene Kompetenz – und Verantwortungsbereiche!

*Cyrill Bischof (61) ist Kirchenratspräsident der katholischen Landeskirche Thurgau. Er ist Architekt ETH/SIA und führte 30 Jahre lang ein eigenes Architekturbüro. Gleichzeitig steht er seit fast 30 Jahren im Dienst der staatskirchenrechtlichen Körperschaften – zuerst in der Kirchgemeinde Romanshorn, dann in der Landeskirche Thurgau.


Kirchenratspräsident Cyrill Bischof von der Landeskirche Thurgau | © Katholische Landeskirche Thurgau
17. November 2023 | 12:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!