Von links: Annalena Müller, Menoa Stauffer, Simon Hehli, Catherine Boss
Schweiz

Annalena Müller: «Die Abwehrreaktionen auf kritische Frauen kommen in der Kirche schnell und scharf»

Hochkarätig besetzt und erstaunlich selbstkritisch: So gab sich ein Podium von Journalistinnen und Journalisten an der Uni Zürich. Thema war die Rolle der Medien in der Missbrauchsdebatte. Otto Hostettler sagte: «Wir waren viel zu nett, zu höflich und zurückhaltend.» Und Simon Hehli gab offen zu: «Ich war überrascht von der medialen Welle, die die Pilotstudie ausgelöst hat.»

Charles Martig

Der reformierte Pfarrersohn Simon Hehli von der «NZZ» war am Donnerstag einer der sechs Journalisten, die an die Ringvorlesung der Universität eingeladen waren. Er habe bisher etwa 20 Artikel zum Thema «Missbrauch» für die «NZZ» geschrieben, das sei gar nicht viel. «Ich war überrascht von der medialen Welle, die die Pilotstudie ausgelöst hat», gab Hehli unumwunden zu. «Das Thema beschäftigt die Menschen extrem.»

Podium Medien und Missbrauch an der Universität Zürich mit Medienschaffenden.
Podium Medien und Missbrauch an der Universität Zürich mit Medienschaffenden.

Simon Hehli holte noch etwas aus: «Was macht die Säkularisierung mit der Gesellschaft? Was bedeutet das für die Kirche?» Diese Frage interessiere ihn als Journalisten. «Es geht zum Beispiel um die Stellung der Priester», sagte Hehli. Und er erklärte seine Faszination für die katholische Kirche: «Es ist eine barocke und hochspannende Welt in der katholischen Kirche, im Gegensatz zur reformierten.»

«Ich muss die Rolle der Medien aus heutiger Sicht selbstkritisch beurteilen.»

Otto Hostettler

Otto Hostettler, der Mitte August den Fall Nussbaumer im Beobachter publizierte, gab sich auf dem Podium überlegt und selbstkritisch. «Bis vor zwei oder drei Jahren waren wir viel zu nett, zu höflich und zurückhaltend.» Er gab offen zu, dass die Medien in der Schweiz ihre Rolle als vierte Macht gegenüber der Kirche nicht wahrgenommen haben. «Ich muss die Rolle der Medien aus heutiger Sicht selbstkritisch beurteilen.» Hostettler war bereits beim Kloster Ingenbohl involviert. Auch das Kloster Einsiedeln habe seine Ergebnisse zum Missbrauch im Orden nie veröffentlicht. «Bereits bei Ingenbohl oder Einsiedeln waren wir viel zu höflich, viel zu anständig. Alle zwei Jahren habe ich angefragt, ob wir Einblick erhalten könnten.»

Das Schweigen der Kirche durchbrechen

Monika Dommann nahm als Podiumsleiterin das Schweigen in der katholischen Kirche und in der Gesellschaft auf. Sie wollte wissen, ob die Journalistinnen und Journalisten Teil davon waren. Otto Hostettler dazu: «Zu spät habe ich die Strategie des Schweigens durchschaut.» Für den Journalisten war klar, dass Schweigen keine taugliche Strategie für die Kirche war. Erst über die Jahre sei ihm aber aufgegangen: «Das Schweigen der Kirche bedeutete, dass es Missbrauch gar nicht gibt.»

Katholische Publizistik zwischen den Stühlen

Annalena Müller, seit März 2023 als Redaktorin bei kath.ch, berichtete von ihren Erfahrungen als Journalistin in der katholischen Kirche. «Man sitzt immer zwischen den Stühlen. Das hat durchaus auch seine Vorteile», sagte sie in ihrer Einführung. Sehr schnell sei der Loyalitätsvorwurf an sie herangetragen worden. «Wie kann kath.ch bloss …». Das sei ihr von Anfang an im März aufgefallen, aber verstärkt in der Berichterstattung über Missbrauch und Vertuschung.

Von links: Raphael Rauch, Annalena Müller, Menoa Stauffer, Simon Hehli, Catherine Boss
Von links: Raphael Rauch, Annalena Müller, Menoa Stauffer, Simon Hehli, Catherine Boss

Die Spannung zwischen unterschiedlichen Erwartungen sei bei kath.ch gross: «Unsere Trägerschaft sind die Landeskirchen und die Bischöfe. Da gibt es gewisse Erwartungshaltungen. Von Seiten der Bischöfe, aber auch von Seiten vieler traditionell orientierter Katholiken und Katholikinnen. Kirchenloyalität, nicht kritischer Kirchenjournalismus, sollte unser Motor sein», erklärte Annalena Müller den Studierenden der Uni Zürich, aber auch interessierten Kirchenprofis wie Stefan Loppacher, Abt Peter von Sury oder Veronika Jehle.

Katholisch, romkritisch, weiblich

«Auf der anderen Seite steht das Gros unserer Leserschaft. Sie ist katholisch, aber eher romkritisch», führte Annalena Müller aus. «Dazu kommen vor allem kulturell geprägt Lesende, so genannte Kulturkatholiken und -katholikinnen. Die Mehrheit unserer Leserschaft fällt in das progressive Lager. Und sie ist zu knapp 54 Prozent weiblich.»

«Diese Leserschaft will einen kritischen Fachjournalismus.»

Annalena Müller

«Diese Leserschaft will einen kritischen Fachjournalismus. Progressive und besonders Frauen hadern mit gewissen kirchlichen Strukturen. Strukturen, die wiederum für viele Bischöfe, Priester und Traditionalisten unantastbar sind.» Der Konflikt sei systemisch, weil er nicht nur beim Thema Missbrauch bestehe, sondern generell für «Reibereien» sorge.

Abwehr aus dem traditionellen Lager: frauenfeindlich und rassistisch

Überrascht zeigte sich Annalena Müller über den aggressiven Ton aus dem traditionellen Lager, der sie «Heim ins Reich» senden wolle, also eine offen rassistische Haltung zeige. Oder sie als Frau und Journalistin angreife. «Wenn man zusätzlich als Frau kritisch Position bezieht, erhöht man diese Spannung direkt um ein paar hundert zusätzliche Volt.» Müller hat somit Erfahrungen gesammelt: «Die Abwehrreaktionen auf kritische Frauen kommen in der Kirche schnell und scharf.»

Ringvorlesung Universität Zürich
Ringvorlesung Universität Zürich

Sprache ist Macht: über «Fehltritte» und «Verfehlungen» in der Schweizerischen Kirchenzeitung

Es waren zwei weitere Frauen auf dem Podium, die diesem Spannungsfeld nicht in gleichem Masse ausgesetzt sind. Catherine Boss, Co-Leiterin des Rechercheteams bei Tamedia, erzählte von ihrer Herangehensweise an das Thema Missbrauch. Und Menoa Stauffer, Historikerin und Journalistin beim «Landbote», stellt die Ergebnisse ihrer Masterarbeit vor.

«Erst ab 2010 werden Begriffe wie Prävention, Vertuschung oder Aufarbeitung verwendet.»

Menoa Stauffer

Unter dem Titel «Sprache ist Macht» untersuchte sie die Schweizerische Kirchenzeitung (SKZ) von 1970-2020 und deren Thematisierung von sexuellem Missbrauch. Ihr fiel dabei auf, dass viele Euphemismen in der SKZ verwendet werden: sexuelle Verfehlung, Fehltritt, unheilvolle Begegnung. «Erst ab 2010 werden Begriffe wie Prävention, Vertuschung oder Aufarbeitung verwendet.»

Bischof Felix Gmür schafft es nicht, den Fall Röschenz aufzuarbeiten

Einer durfte auf dem Podium nicht fehlen: Raphael Rauch vom «SonntagsBlick» gab seine Ansichten zum Thema preis: «Journalisten dürfen ihre Macht nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen.» Offen gab er zu: «Wir wussten als Journalisten nicht, wie stark das Thema Missbrauch in der Schweiz ankommt.» Bis vor kurzem habe gegolten, dass die lateinische Schweiz in Sachen Missbrauch und Vertuschung verkorkst, die Bistümer Basel, Chur und Sankt Gallen jedoch ganz in Ordnung seien.

«Auch Bischof Felix Gmür wusste in Sachen Röschenz, dass Sex mit einem 17-Jährigen in einem Beichtgespräch nicht in Ordnung ist.»

Raphael Rauch

Aber Raphael Rauch nutzte das Podium auch für spitze Bemerkungen: «Auch Bischof Felix Gmür wusste in Sachen Röschenz, dass Sex mit einem 17-Jährigen nach einem Beichtgespräch nicht in Ordnung ist. Bis heute schafft Bischof Gmür es nicht, den Fall Röschenz aufzuarbeiten.» Der Fall von Franz Sabo belaste auch Kardinal Kurt Koch.

Ausübung von Macht ist selbstvertändlich

In der Diskussionsrunde mit dem Publikum der Ringvorlesung brach nochmals die Machtfrage auf. Dazu gab es deutliche Antworten: «Die Verantwortungsdiffusion ist in der Schweiz perfekt», meinte Raphael Rauch und verwies auf die Tatsache, dass am Schluss keiner der Bischöfe Verantwortung für Fehler übernehmen will.

«Sobald der Fehler zugegeben ist, geht der Zähler wieder auf null … es gibt keine Konsequenzen.»

Otto Hostettler

Otto Hostettler zeigte sich nach jahrelangen Recherchen zu Missbrauch in sozialen Institutionen und in der Kirche desillusioniert. Es gebe keine Fehlerkultur in der Kirche: «Sobald der Fehler zugegeben ist, geht der Zähler wieder auf null. Es ist alles sozusagen gebeichtet. Dann ist die Sache vorbei und es gibt keine Konsequenzen.» Dieser Erkenntnis fügte Hostettler hinzu: «Der Machtfaktor wird trotz allem zelebriert. Die Verantwortungsträger der Kirche nutzen ihre Macht selbstverständlich.»

Catherine Boss von Tamedia beantwortete die Frage nach der Macht der Medien mit der Feststellung: «Die Kirche kann uns nicht bedrohen. Sie kann sich nicht alles leisten, da haben wir als Medium schon eine gewisse Macht.»


Von links: Annalena Müller, Menoa Stauffer, Simon Hehli, Catherine Boss | © Charles Martig
3. November 2023 | 13:09
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!