Monika Koller Schinca ist Kirchenratspräsidentin in Adligenswil.
Schweiz

Monika Koller Schinca: «So lange Massnahmen, bis es keine Missbrauchsfälle mehr gibt»

Die Kirchgemeinde Adligenswil blockiert Kirchensteuerzahlungen ans Bistum Basel – bis vier Forderungen des Kirchenrats zur Missbrauchsbekämpfung erfüllt sind. Die Luzerner Kirchgemeinde will damit ein Zeichen setzen und andere Schweizer Kirchgemeinden animieren, ihrem Beispiel zu folgen. Kirchenratspräsidentin Monika Koller Schinca sagt im Interview: «Gemeinsam können wir den Druck erhöhen.»   

Wolfgang Holz

Frau Koller Schinca, wie gross ist denn die Summe an Kirchensteuern, die Ihre Gemeinde Adligenswil nun auf ein Sperrkonto einbezahlen will? 

Monika Koller Schinca*: Die Summe ist ein Prozent unserer Steuereinnahmen. Wir sprechen von einem kleinen Betrag von rund 12’000 Franken.

Katholische Kirche in Adligenswil LU.
Katholische Kirche in Adligenswil LU.

Wir wollen andere dazu auffordern, bei dieser Aktion mitzumachen. Was wir in den letzten Tagen über unsere Kirche zu hören bekommen haben, ist beschämend und bedrückend.» 

«Der Schritt ist nicht mit der Landeskirche abgesprochen.»

Haben Sie diesen mutigen Schritt mit der Landeskirche abgesprochen, denn eigentlich überweist doch die Landeskirche die Kirchensteuer an die Bistümer? 

Koller Schinca: Der Schritt ist nicht mit der Landeskirche abgesprochen. Es ist uns ein Anliegen, ein Zeichen zu setzen.  

Wie lange wollen Sie das Geld auf dem Sperrkonto belassen? Es könnte ja sehr lange dauern, bis Ihre Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung der Päpste, staatlich-unabhängigen Archiven, der Öffnung der Archive der Nuntiatur in Bern sowie der Abschaffung des Pflichtzölibats und der Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche erfüllt werden. 

Koller Schinca: Ich muss ihre Frage berichtigen. Wir fordern im Zusammenhang mit sexuellen Missbräuchen unabhängige Untersuchungen, das heisst, keine Abklärungen durch Geistliche, die Kollegen untersuchen. Ebenso fordern wir unabhängige Meldestellen, keine Aktenvernichtung und Aufbewahrung sämtlicher Dokumente an unabhängiger Stelle wie zum Beispiel im Staatsarchiv. 

Apostolische Nuntiatur in Bern.
Apostolische Nuntiatur in Bern.

Weiter fordern wir vom Bischof, dass er die Öffnung der Archive des Nuntius einfordert. Das Geld wird auf dem Sperrkonto bleiben, bis diese vier Forderungen im Bistum Basel erfüllt sind.  

Und was ist mit der geforderten Abschaffung des Pflichtzölibats und der Gleichberechtigung der Frauen?

Koller Schinca: Die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche gehören nicht zu unseren konkreten Forderungen. Wir erwarten aber, dass sich die Bischofskonferenz unmissverständlich und dezidiert für diese beiden Punkte engagiert, damit ein Kulturwandel initiiert und das System in der Kirche grundlegend umgebaut wird.   

Glauben Sie, dass die Massnahme, Kirchensteuern zurückzuhalten tatsächlich einen Beitrag leistet, um Missbrauchsfälle in der Kirche zu verhindern? 

«Missbrauchsfälle in der Kirche sind nicht tolerierbar.»

Koller Schînca: Wir wollen von der Basis her ein Zeichen setzen und eine Welle auslösen. Wenn viele Kirchgemeinden mitmachen, erreichen wir einen Betrag in Millionenhöhe. Gemeinsam können wir den Druck erhöhen.

Eine Frau und ein Mann sitzen in einer Kirchenbank.
Eine Frau und ein Mann sitzen in einer Kirchenbank.

Missbrauchsfälle in der Kirche sind nicht tolerierbar und es braucht so lange Massnahmen, bis es keine Fälle mehr gibt.   

Sorgt das Sperren beziehungsweise das Nichtauszahlen von Kirchensteuergeldern nicht für Nachteile für Bedürftige, die auf die Unterstützung der Kirche angewiesen sind? 

Koller Schinca: Das Geld für Bedürftige fliesst auch von unserer Kirchgemeinde und von der Landeskirche direkt zu den Bedürftigen. Das Geld der Landeskirche werden wir nicht zurückbehalten. Mehr bestraft werden die Bedürftigen durch die vielen Kirchenaustritte, denn damit fehlt an der Basis das Geld, um sie zu unterstützen. 

*Monika Koller Schinca ist Kirchenratspräsidentin der Katholischen Kirchgemeinde Adligenswil. Der Kirchenrat vertritt rund 2700 Katholikinnen und Katholiken. Koller Schinca ist studierte Lebenmittelingenieurin ETH und arbeitet heute beruflich als Coach und Trainerin für mehr Energie im Alltag. Den Sinn in ihrem Leben sieht sie in der Begleitung von Menschen. Das Interview wurde schriftlich geführt.


Monika Koller Schinca ist Kirchenratspräsidentin in Adligenswil. | © zVg
25. September 2023 | 09:00
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