Nicole Gräf: «Religion ist ein unendlich schönes Fach zum Unterrichten»
Im neuen Schuljahr unterrichtet Nicole Gräf (38) das erste Mal im Fach Religion an der Grundschule Menzingen ZG. Sie freut sich sehr auf diese neue Aufgabe und auf die Zusammenarbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern: Weil Religion es den Kindern und Jugendlichen ermögliche, sich ganz intensiv mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, wie sie im Interview erklärt.
Wolfgang Holz
Frau Gräf, die Ferien neigen sich dem Ende zu, der Start ins neue Schuljahr steht bevor. Freuen Sie sich schon auf Ihre Schülerinnen und Schüler an der Primarschule Menzingen?
Nicole Gräf*: Ich bin schon ganz gespannt auf die Schülerinnen und Schüler. Mit welchen Erwartungen sie in ihre erste Religionsstunde kommen, was sie an Vorkenntnissen mitbringen und wie offen sie sind, sich auf unsere gemeinsame Reise einzulassen. Ich hatte während der Semesterferien Zeit, mich mit der Unterrichtsplanung auseinanderzusetzen. Das war dann besonders nach den Prüfungswochen eine willkommene Abwechslung, um mich kreativ austoben zu können und auch um nochmals tollen Input von Irmgard Hauser, der Verantwortlichen für den Religionsunterricht in Menzingen, zu erhalten. Ihre Erfahrungen schätze ich sehr.
«Ich denke, gerade in unserer heutigen pluralistischen Gesellschaft ermöglicht es der Glaube, emotionale und soziale Orientierung zu finden, Geborgenheit und Liebe zu erfahren.»
Sie unterrichten ab dem neuen Schuljahr erstmals Religion in der 2. Klasse und wollen mit Ihren Schülerinnen und Schülern Gott und die Welt entdecken. Was heisst das für Sie konkret?
Gräf: Einer meiner Söhne hat eine Autismus-Spektrum-Störung, die in seiner frühen Kindheit – in manchen Fällen auch heute noch – bei Vorgängen in sozialen Kontexten ein wenig Übersetzungsarbeit erfordert. In jeder Lebensphase eröffnet sich ihm eine völlig neue Welt mit anderen Bedeutungsnuancen, die er sich mit dem nötigen Wissenshorizont erschliessen kann und zu interpretieren weiss. Ich denke, dass dies auch bei Kindern im Allgemeinen so sein kann. Sie haben ein neugieriges und aufgeschlossenes Naturell, das offen ist für das Geheimnisvolle und Wunderbare. Unsere Kultur ist geprägt von religiösen Symbolen und Vorstellungen. Dinge, die sich den Kindern nicht einfach intuitiv erschliessen. Da ist also ein ganz neuer Zugang zu ihrem bisherigen Weltverständnis möglich, der ihren Erfahrungshorizont bereichern könnte.
Wir leben heutzutage leider in immer gottloseren Zeiten, so scheint es. Die Kirchen sind immer leerer. Wie wichtig ist es da aus Ihrer Sicht für Kinder und junge Menschen, Gott kennen zu lernen?
Gräf: Ich denke, gerade in unserer heutigen pluralistischen Gesellschaft ermöglicht es der Glaube, emotionale und soziale Orientierung zu finden, Geborgenheit und Liebe zu erfahren. Als ich selbst mit zehn Jahren den Ministrantinnen beitrat, denen ich während meiner Schulzeit die Treue hielt, erlebte ich eine neue Form von Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft konnte ich lernen, dass Glaube mir Orientierung und Geborgenheit geben kann, ganz ohne mich ständig beweisen zu müssen.
Wenn ich an meinen eigenen Religionsunterricht in der Primarschule zurückdenke, widmete sich uns damals eine engagierte ältere Dame. Sie las uns spannende Geschichten aus der Bibel vor und verkaufte Missionsmarken für die Menschen aus Afrika. Ausserdem schärfte sie uns stets ein: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Was glauben Sie: Wie kann man Schüler heute für Gott gewinnen?
Gräf: In Ihrer Religionslehrerin finden sich ja schon ganz viele Ansätze, die auch in der gegenwärtigen Unterrichtskultur immens wichtig sind: Engagement, die Fähigkeit, christliche Werte sowie Geschichten aus der Bibel spannend zu vermitteln, aber auch eine Authentizität, eben diese christlichen Werte und dieses Engagement tatsächlich zu leben.
«Heute ist es natürlich so, dass bei vielen Kindern eine religiöse Sozialisation nicht mehr vorausgesetzt werden kann.»
Und wie ist es heute bei Ihnen?
Gräf: Heute ist es natürlich so, dass bei vielen Kindern eine religiöse Sozialisation nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Religion als solches ist ihnen fremd und muss erst erschlossen werden. Vielleicht wird der Religionsunterricht sogar argwöhnisch betrachtet. Deswegen finde ich es umso wichtiger, dass der Unterrichtsinhalt spannend für die Kinder ist, dass er durch ein Medium vermittelt wird, welches die Kinder abholt und sie miteinbezieht. Bei jüngeren Kindern kann das zum Beispiel durch ein «Kamishibai» – ein japanisches Papiertheater – sein oder durch ein dynamisches Bodenbild, welches die Kinder aktiv mitgestalten können. Es ist doch viel eindrücklicher, eine Wüstenstadt auf echtem Sand entstehen zu lassen, in der die Protagonisten der Geschichte agieren und die Kinder an ihren Erlebnissen teilhaben lassen, als nur die Geschichte vorzulesen.
Haben Sie auch spielerische Ansätze im Religionsunterricht?
Gräf: Ja, auch im Spiel und Rollenspiel können vielfältige Erfahrungen gesammelt werden. Ich freue mich schon darauf, wenn ich hoffentlich in naher Zukunft mal ein Projekt im Kontext eines biblischen «Pen&Paper»-Rollenspiels für Jugendliche anbieten darf. Bei einem Projekttag der Oberstufe in Oberägeri, bei dem ich helfen durfte, habe ich den Spielklassiker «Spiel des Lebens» transformiert und zwei unterschiedliche Editionen, «Jeder ist sich selbst der Nächste» und «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», gestaltet. So konnten die Jugendlichen im Spiel erleben, wie schwer es für Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen ist, ihr Leben nach ihren Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten, und was Diakonie bewirken kann. Die anfängliche Skepsis, die bei den Jugendlichen schnell der Spielfreude wich und die Erkenntnisse, die sie später verbalisierten, waren eine riesige Belohnung für mich.
Haben Sie sich persönliche Ziele gesetzt in Sachen Religionsunterricht?
Gräf: Durch mein derzeitiges Theologiestudium an der Uni Luzern bekomme ich viele theoretische Wissensinhalte vermittelt, aber auch viele Impulse für die Praxis. Gerade im kommenden Semester wird ein Seminar angeboten, dass Gaming und Pastoraltheologie zum Inhalt hat. Ich möchte möglichst viel von dem theoretischen Wissen, dass ich mir angeeignet habe, in adäquate und praktische Formen umwandeln, um damit hoffentlich die Kinder begeistern. Ausserdem möchte ich weiter an der Entwicklung meiner Lehrerinnenpersönlichkeit arbeiten und hoffe, dass die Kinder in ihrer Evaluation, die sie am Ende des Schulhalbjahres über mich und meinen Unterricht machen dürfen, hart aber fair sind.
Warum haben Sie sich selbst entschieden, Religion zu unterrichten? Was ist Ihre persönliche Motivation für dieses Fach, das von Schülern leider oft nicht ernst genommen wird?
Gräf: In Deutschland habe ich an der PH Heidelberg die Fächer Deutsch, Geschichte und Religion für das Lehramt der Grundschulpädagogik studiert. Mit dem beruflichen Wechsel meines Mannes stellte sich die Frage, was ich mit diesem Studienabschluss an unserem neuen Wohnort anfangen könnte. Vor allem, weil das Fach Religion in der Schweiz nicht Bestandteil eines PH-Studiums ist. Mir war ziemlich schnell klar, dass ich mich ganz auf Religion fokussieren wollte. Religion ist ein unendlich schönes Fach zum Unterrichten.
Warum?
Gräf: Weil es zum einen den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, sich ganz intensiv mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Zum andern gibt es so mannigfaltige didaktische Möglichkeiten, sich an den Unterrichtsgegenstand anzunähern. Mit spannenden Geschichten etwa, die die Schülerinnen und Schüler in ihren eigenen existenziellen Erfahrungen abholen – genauso wie über Gefühle des Vertrauens, des Zweifeln und des Hoffens. Auch die Skepsis bei älteren Kindern und Jugendlichen im Kontext des Religionsunterrichtes empfinde ich eher als eine belohnenswerte Herausforderung. Ich kann dies empathisch nachempfinden, weil ich in meiner Jugend und jungen Erwachsenenzeit ebenfalls mit dem Glauben gehadert habe und dieses Zweifeln als einen wichtigen Entwicklungsprozess empfinde.
«Es war aber schön zu sehen, wie stolz die beiden Jugendlichen waren, als sie ans Ziel gelangten.»
Engagieren Sie sich ausserhalb des Religionsunterrichts noch in der Pfarrei?
Gräf: Bis zum Sommer war ich im Pfarreirat Allenwinden tätig und dort schwerpunktmässig an Aktionen für Kinder involviert. In Oberägeri bin ich sehr froh, mich an manchen Projekten beteiligen zu können. Dort ist ein sehr kreatives Katechetenteam um Thomas Betschart am Werk, mit dem ich unheimlich gerne zusammenarbeite. Hier helfe ich manchmal bei Kinder- und Jugendprojekten in der Gemeinde aus.
Können Sie sich an ein ganz konkretes Beispiel erinnern?
Gräf: Ja, zuletzt war ich bei einer Pilgerwanderung der Oberstufe von Oberägeri zum Kloster Einsiedeln mit von der Partie. Hier kam sogar unser Familienhund Pixie zum Einsatz, der zwei Jugendliche, die aufgeben wollten, einen Teil des Weges «zog». Wobei bei dem geringen Körpergewicht unserer Hündin von gerade mal 11 Kilogramm wohl eher von einer moralischen Unterstützung die Rede sein konnte. Es war aber schön zu sehen, wie stolz die beiden Jugendlichen waren, als sie ans Ziel gelangten.
«Ich glaube, dass Glück und Engagement in einer korrelativen Beziehung zueinander stehen.»
Wenn man Ihre Kurzbiografie im Zuger Pfarrblatt liest, erfährt man, dass sie neben Ihrem Mann und Ihrem Hund auch zwei Söhne haben. Dass sie gerne in der Natur sind und sich auch noch aktiv in einem Sportverein engagieren. Das liest sich so extrem erfrischend und positiv. Würden Sie sagen, persönliches Glück hat auch damit zu tun, sich auf möglichst vielen Ebenen im Leben zu engagieren und sich als Person einzubringen?
Gräf: Ich glaube, dass Glück und Engagement in einer korrelativen Beziehung zueinander stehen. Zumindest fühlt es sich für mich so an. Wenn ich glücklich, beziehungsweise zufrieden bin, habe ich Ressourcen, die ich aufwenden kann, um mich für Menschen oder Institutionen zu engagieren. Dieses Engagement wiederum fühlt sich für mich wie eine Bereicherung an, weil es so viel zurückgibt und dadurch meine Ressourcen auffüllt.
*Das Interview wurde schriftlich geführt.
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