Kardinal Rainer Maria Woelki im Kölner Dom.
International

Meineid-Vorwurf: Kardinal Woelki kann sich nicht herausreden

In Unternehmen würde die Ausrede nicht ziehen etwas unterschrieben zu haben, ohne den Inhalt zu kennen. «Das verletzt die Sorgfaltspflicht», sagt ein Wirtschaftsrechtler. Warum sollten für die Führung der katholischen Kirche andere Massstäbe gelten, fragt er.

Der Kölner Medien- und Wirtschaftsrechtler Elmar Schuhmacher hat die Erklärungsversuche von Kardinal Rainer Maria Woelki als schwach bezeichnet. «Blind etwas zu unterschreiben verletzt die Sorgfaltspflicht». Woelki droht ein Verfahren wegen Meineides.

Pflichtverletzung mit allen Konsequenzen

«In kaum einem Unternehmen oder in einer staatlichen Behörde könnte sich ein Verantwortlicher herausreden mit Unkenntnis über das, was er unterschrieben hat. Sein Verhalten würde immer als schuldhaftes Verhalten gewertet, weil es zu den völlig normalen Sorgfaltspflichten gehört, nicht blind etwas zu unterschreiben», sagte Schuhmacher dem «Kölner Stadt-Anzeiger» (Samstag).

Braucht es eine Konzernverantwortungsinitiative für die Führungskräfte der Kirche?
Braucht es eine Konzernverantwortungsinitiative für die Führungskräfte der Kirche?

Auch aus etwaigem Desinteresse könne «sehr schnell eine Pflichtverletzung» werden – mit allen Konsequenzen, fügte der Jurist hinzu, der an der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH) eine Professur innehat.

Verdacht des Meineides

Nach einer Anzeige ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln auch wegen des Verdachts des Meineids gegen den Kölner Kardinal. In der Sache geht es darum, ab wann Woelki Kenntnisse von zwei Dokumenten hatte, die einen von ihm beförderten Priester belasten. Woelki wehrt sich – auch in Form einer Eidesstattlichen Versicherung – gegen die «Bild»-Darstellung, er habe bei der Beförderung im Jahr 2017 eine Polizeiwarnung vor einem Einsatz des Priesters in der Jugendarbeit sowie ein Gesprächsprotokoll mit Vorwürfen eines Mannes gekannt.

Kölner Dom
Kölner Dom

Laut Gesprächsprotokoll erklärte der Kardinal vor Gericht unter Eid, dass ihm davon sogar «bis heute» niemand etwas berichtet habe. Demgegenüber verweist der Anzeigen-Erstatter auf einen Brief Woelkis vom November 2018 an die Glaubenskongregation in Rom. Darin wird über sämtliche Vorwürfe gegen den beförderten Priester berichtet, auch über das besagte Schriftstück. Dazu erklärte das Erzbistum, das von der zuständigen Fachstelle inhaltlich in eigener Verantwortung erstellte Schreiben habe der Kardinal zwar unterzeichnet, doch «an Einzelheiten eines Briefs an den Vatikan, der auf die betreffenden Dokumente Bezug nimmt, kann er sich nicht erinnern».

Dazu sagte Schuhmacher: «Was ist das für eine Führungskraft, die sich zu Briefen, die sie unterschrieben hat, darauf beruft, ihren Inhalt nicht gelesen zu haben? Fehlen ihr dann nicht der Wille und die Bereitschaft, der eigenen Position entsprechend, auch Verantwortung zu übernehmen? Ich kann mich nur sehr wundern, dass für die Führung in der katholischen Kirche völlig andere Massstäbe zu gelten scheinen.» (kna)


Kardinal Rainer Maria Woelki im Kölner Dom. | © KNA
20. Mai 2023 | 09:00
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