Arche-Mitarbeiterin über Missbrauchs-Enthüllungen zum Gründervater: «Die Arche ist nicht Jean Vanier»

Wie gehen Arche-Organisationen um mit den Missbrauchstaten ihres Gründervaters Jean Vanier? Des Inklusions-Pioniers, der Frauen missbrauchte? Dieser Frage geht ein cath.ch-Video nach – am Beispiel La Corolle in Versoix GE.

Regula Pfeifer

«Meine erste Reaktion war mich aufzulehnen und zu sagen: Ach nein, sicher nicht er! Dann habe ich mich ziemlich rasch gefangen und mir gesagt: Also hör, Catherine, das ist logisch. Jean war so nahe an Pater Thomas. Dass er auf gleiche Art handelte, ist logisch.»

Das sagt Catherine Mykoniou, Werkstatt-Verantwortliche der Behinderteninstitution La Corolle in Versoix bei Genf im Video. Diese ist eine Arche-Gemeinschaft.

«Die Enthüllungen haben mich getroffen»

Catherine Mykoniou

«Die Enthüllungen haben mich getroffen», sagt Mykoniou weiter. «Aber sie haben meinen Alltag nicht berührt. Alles, was ich erlebe bei meiner Arbeit, bei der Begleitung der Menschen mit Behinderung…»

Catherine Mykoniou mit einer Bewohnerin der Arche-Institution La Corolle
Catherine Mykoniou mit einer Bewohnerin der Arche-Institution La Corolle

Dann erzählt sie von einer Kollegin, die ihr sagte, sie fühle sich schlecht in einer Institution zu arbeiten, in der es solchen Missbrauch gebe. «Meine Reaktion war», sagt Mykoniou bestimmt: «Nein. Jean ist Jean – und die Arche ist nicht Jean.»

Die Missbrauchs-Enthüllungen über den Gründungsvater Jean Varnier beschäftigen die Arche-Institutionen. La Corolle in Versoix hat aus dem Debakel Konsequenzen gezogen: Sie berufe sich vorläufig nicht auf die Schriften von Jean Vanier, sagt Maxime Germain, Leiter der Arche La Corolle, im Video. Und sie beschäftige sich mit Fragen der guten Führung und Autorität in der Gemeinschaft. 

Vorgaben zum Umgang mit Missbrauch

Die Internationale Arche regierte auf die Vorfälle. Sie führte unter anderem einen Referenzrahmen ein, wie mit Missbrauch jeglicher Art umzugehen ist und wie Arche-Mitglieder dagegen geschützt werden können. Dieser gelte für alle Arche-Gemeinschaften weltweit, liess sie verlauten.

Jean Vanier, Gründer der "Arche", im Jahr 2015.
Jean Vanier, Gründer der "Arche", im Jahr 2015.

Der Missbrauchs-Skandal um Jean Vanier ist gross. Mindestens 25 Frauen ohne Behinderung sollen eine Situation erlebt haben, die eine sexuelle Handlung oder intime Geste des Kanadiers Jean Vanier beinhaltete, heisst es in einem Studienbericht. Die Übergriffe sollen zwischen 1952 bis zu Varniers Tod 2019 geschehen sein.

Sektenartige Gruppierung um Pater Thomas Philippe

Der charismatische Katholik wurde 1928 in Genf geboren. Erst Marineoffizier und Philosophiedozent war Vanier später Mitglied einer sektenartigen Gruppe um den Dominikaner Thomas Philippe, der eine erotisch-mystische Theologie entwickelt hatte. Die beiden hatten sich 1963 in Trosly bei Paris zusammengefunden, wo Vanier im Folgejahr die erste Arche-Gemeinschaft gründete.

Heute gibt es mehr als 150 Arche-Gemeinschaften, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. Jean Vanier galt früher als Pionier der Inklusion und wurde mehrfach ausgezeichnet. (korrigiert, 15.5.23, 17.10 Uhr)

Link zum cath.ch-Video (auf Französisch):


Catherine Mykoniou | © Christophe Giordani/cath.ch
14. Mai 2023 | 16:57
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!