Chor der Kirche St. Anton in Zürich-Hottingen.
Schweiz

Gute Gründe für Glauben an Existenz Gottes

Lange Zeit waren Gottesbeweise fester Bestandteil der Philosophie, bis die Neuzeit diese für obsolet erklärt hat. Der junge deutsche Philosoph Sebastian Ostritsch rehabilitiert jetzt diese Argumentationen für die Existenz Gottes. Das bedeutet nicht, dass Glauben und Wissen nicht zwei verschiedene Sphären bilden. Es bedeutet vielmehr, dass es vernünftige Gründe gibt, die Existenz Gottes anzunehmen.

Gottesbeweise – das tönt nach Mittelalter, nach vergeblichen geistigen Anstrengungen. Gott ist kein Gegenstand des Wissens, so die allgemeine Meinung. Tatsächlich hat die moderne Philosophie und insbesondere Immanuel Kant (1724-1804) ein vernichtendes Urteil über solche Argumentationen gefällt: Die Vernunft ist an eine Erfahrungsgrundlage gebunden. Wenn sie über die Grenze der Erfahrung hinausgeht, verliert sie den Boden unter den Füssen.

Sebastian Ostritsch wagt nun eine Rehabilitation der Gottesbeweise, ausgehend von Thomas von Aquin (1225-1274). Der grosse Scholastiker hatte fünf Argumente für die Existenz Gottes gesammelt, die berühmten fünf Wege. Wobei gesammelt vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist, denn er hat Überlegungen, die sich bei Aristoteles (384-322 v.Chr.) finden, zu eigentlichen Argumentationen geformt.

Das ontologische Argument

Ein Argument kommt nicht aus der Antike, sondern findet sich bei Anselm von Canterbury (1033-1109). Es ist das sogenannte ontologische Argument. In stark vereinfachter Form geht der Gedanke so: Gott ist das, was Perfekteres nicht gedacht werden kann. Zur Perfektion gehört notwendigerweise auch Existenz, sonst gäbe es ja etwas Grösseres, Perfekteres als das. Zum Begriff Gott gehört also notwendigerweise auch Existenz.

Der Dominikaner und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (†1274) war zentral für die Ausformulierung der Lehre vom Gerechten Krieg. Sie ist bis heute gültig.
Der Dominikaner und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (†1274) war zentral für die Ausformulierung der Lehre vom Gerechten Krieg. Sie ist bis heute gültig.

Dieser Schluss ist in der Neuzeit stark kritisiert worden und steht für die Unhaltbarkeit des Vorhabens, Gott beweisen zu wollen. Nun erinnert Ostritsch aber daran, dass schon Thomas von Aquin dieses Argument nicht hat gelten lassen: Für Thomas ist ein Schluss vom Begriff auf die Wirklichkeit nicht zulässig. Anders verhält es sich mit den übrigen Argumenten. Diese muss man verwerfen, wenn man die kantische Philosophie als die reine Wahrheit ansieht. Aber das ist alles andere als ausgemacht, obwohl Kant bis heute eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet.

Die Mutter aller Gottesbeweise

Ein anderes Argument geht auf Aristoteles zurück. Im letzten Buch seiner Metaphysik stellt der griechische Philosoph folgende Überlegung an. Alles, was bewegt wird, wird durch etwas anderes bewegt. Wir können die Kette der Verursachung immer weiter zurückverfolgen und stehen dann vor einer Alternative: Entweder wir nehmen an, dass die Verursachung ins Unendliche zurückgeht oder wir nehmen ein erstes unbewegtes Bewegendes an.

Ausschnitt aus einer Handschrift in der Stiftsbibliothek St. Gallen: Aristoteles-Übersetzung von Notker.
Ausschnitt aus einer Handschrift in der Stiftsbibliothek St. Gallen: Aristoteles-Übersetzung von Notker.

Die erste Möglichkeit führt uns in einen infiniten Regress, das widerstrebt der Vernunft. Die zweite Möglichkeit schliesst die Kette der Verursachung mit einer ersten Ursache ab. Was ist dieses erste unbewegte Bewegende, im griechischen Original sächlich, bei Aristoteles? Einerseits ist es sicher kein personaler Gott – die Rede vom ersten unbewegten Beweger ist christlich –, andererseits spricht der griechische Philosoph vom «Denken des Denkens», was eine Art höchstes Selbstbewusstsein anzeigt.

Wozu das Ganze?

Aber wozu überhaupt Gottesbeweise? Sind nicht Glauben und Wissen zwei verschiedene Dinge? Und ist irgendjemand durch gute Argumente für die Existenz Gottes je zum Glauben gekommen?

Ja, Glauben und Wissen betreffen unterschiedliche Gebiete, aber nicht so, dass der Glaube vernunftlos wäre. Gerade die katholische Tradition hält daran fest, dass sich gute Gründe für den Glauben vorbringen lassen. Ostritsch steht in dieser Tradition.

"Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit", schrieb Immanuel Kant 1783.
"Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit", schrieb Immanuel Kant 1783.

Gottesbeweise sind keine Beweise im mathematischen Sinne des Wortes, vielmehr Argumente für die Existenz Gottes. Ein gutes Argument lässt sich nicht einfach abweisen. Kant hat die Gottesbeweise abgesehen vom ontologischen Argument nicht wegen logischer Fehler verworfen, vielmehr weil er Metaphysik für obsolet gehalten hat. Dafür hat er dann in seiner praktischen Philosophie Gott als «regulative Idee» wiedereingeführt. Das hat aber niemanden wirklich überzeugt.

Es geht nicht nur um Logik

Aber nochmals: Kommt irgendjemand durch Argumente zum Glauben? Ostritsch selbst bringt das Beispiel eines Philosophen, der einen Gottesbeweis für schlüssig hielt, aber dennoch nicht von seinem Unglauben abgerückt ist. Hätte er das Argument wirklich ernst genommen, hätte er seine atheistische Position überdenken müssen.

Es ist wohl ein Fehler, Gottesbeweise als rein logische Operationen zu betrachten. Bei Anselm und Thomas waren diese eingebettet in eine gläubige Lebenspraxis. Diese tief gläubigen Philosophen zweifelten keinen Moment am Dasein Gottes. Bei Anselm ist das, was dann ontologisches Argument genannt wurde, Teil eines Gebets.

Skizze: Aus Wassertropfen entsteht das bekannte Meditationsbild von Bruder Klaus.
Skizze: Aus Wassertropfen entsteht das bekannte Meditationsbild von Bruder Klaus.

Überlegungen zur Existenz Gottes waren lange Meditationen, bevor sie abstrakte Gedankenfolgen wurden. Es stimmt, was Charles Taylor in seinem epochalen Werk «Ein säkulares Zeitalter» gesagt hat: Die Bedingungen der Plausibilität haben sich mit der Zeit gewandelt. Was früheren Zeiten völlig plausibel erschien, nämlich dass es einen Gott gibt, scheint heute vielen völlig unplausibel. Letztere erkennen nicht, dass ihr Unglauben auch ein Niederschlag der gewandelten geistigen Rahmenbedingungen ist und nicht nur ihr persönliches Urteil ausdrückt.  

Ein gutes Buch

Sebastian Ostritsch hat er ein gutes, nämlich klares und verständliches Buch geschrieben. In der deutschsprachigen Philosophie keine Selbstverständlichkeit. «Serpentinen» zeigen, dass es vernünftige Gründe für den Glauben an die Existenz Gottes gibt. Auch wenn diese guten Gründe keine Beweise im mathematischen Sinne sind, sind sie doch triftige Argumente. Diesen eignet ein eigentümlicher «zwangloser Zwang» (Jürgen Habermas).

Der emeritierte Zürcher Philosoph Peter Schulthess hat den neuzeitlichen Weg aus der Metaphysik in einem Aufsatz einen «Rundweg» genannt:  Wer glaubt, die Metaphysik hinter sich zu lassen, kommt irgendwann zu ihr zurück. Wir Menschen können nicht anders, als uns Urteile darüber zu bilden, was existiert und was nicht. Und diese systematisierten Urteile werden Ontologie bzw. Metaphysik genannt.

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*Sebastian Ostritsch tritt am Donnerstag, 8. Oktober, um 20 Uhr in der Zürcher Pfarrei St. Josef auf. Zum Buch: Sebastian Ostritsch: Serpentinen. Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung. Berlin 2026.


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4. Oktober 2026 | 12:00
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