Schweiz
Als «Last Christmas» im Wallis gedreht wurde
«Last Christmas» ist das meistgehörte Weihnachtslied. Was nur wenige wissen: Das Musikvideo wurde in Saas-Fee gedreht. Damit das auch im Video sichtbar wurde, hat Hotelier Beat Anthamatten (64) eigens einen Aufkleber an die Gondel gemacht. Noch heute reisen Fans deswegen ins Wallis.
Beate Laurenti
Das Video zu «Last Christmas» wurde 1984 gedreht. Nerven Sie die Interviews inzwischen?
Beat Anthamatten*: Zumindest sage ich mir jedes Jahr, dass ich keine mehr geben werde. Und dann bekomme ich ab November doch wieder zwei bis drei Anfragen.
Haben Sie das Lied denn dieses Jahr schon gehört?
Anthamatten: Nein, noch nicht.
Wenn Sie es hören, was geht Ihnen dann durch den Kopf?
Anthamatten: Viel. Ich frage mich immer, wie dieser Song das meistgehörte Weihnachtslied sein kann. Aber dann geht es doch recht schnell und ich verfalle wie bei Meditationsklängen in eine weihnachtliche Stimmung. «Stille Nacht» oder «Feliz Navidad» würde ich allerdings bevorzugen.
Also sind Sie kein «Wham!»-Fan?
Anthamatten: Zumindest kein hartgesottener. Ich habe mal versucht, einen Rekord aufzustellen und das Lied 24 Stunden am Stück abzuspielen – zu Hause und auf der Strasse. Die Menschen haben erstaunlich lange mitgehört, manche auch mitgesungen. Irgendwann habe ich aber aufgegeben.
«Für sieben Minuten Film sind damals 60 Personen zu uns gekommen.»
Warum haben die Dreharbeiten zu dem Video denn im Wallis stattgefunden?
Anthamatten: Ein Jahr vor dem Dreh ist eine Film-Crew mit Bill Murray in Saas-Fee gelandet. Die Dreharbeiten haben eigentlich in Indien stattgefunden, mussten aber abgebrochen werden, weil sich ein Teil des Teams eine Eierspeisen-Vergiftung zugezogen hat. Eine Szene sollte dann in Saas-Fee nachgeholt werden. Für sieben Minuten Film sind damals 60 Personen zu uns gekommen. Der Produktionsleiter war Arie Bohrer. Er hat mich ein Jahr später angerufen und gesagt: «Wir müssen ein Weihnachts-Video drehen, aber nirgends liegt Schnee.»
Und in Saas-Fee war alles weiss?
Anthamatten: Wir hatten zumindest ein bisschen Schnee, zehn Zentimeter. Aber sie haben auch ein Chalet gebraucht, also habe ich nach einem geeigneten Ort gesucht und bin auch fündig geworden. Das war nicht so feudal wie in Gstaad, wo sie eigentlich drehen wollten. Aber es war okay.
Welches Chalet ist denn im Video zu sehen?
Anthamatten: Ein Einfaches aus Holz am Waldrand. Ich glaube, dass es damals einem Schweizer gehört hat. Es war jedenfalls das Einzige, das sich für die Aussenaufnahmen eignete. Die Innenaufnahmen waren viel wichtiger, die haben wir in einem Gebäude von der Gemeinde gedreht. Der Raum war total verstaubt, aber gross und mit Kamin. Das waren die Bedingungen für die Szene mit dem Weihnachtsbaum. Das ganze Porzellan und Besteck mussten wir aus dem Hotel dorthin bringen.
Gab es Extra-Wünsche von George Michael?
Anthamatten: George Michael wollte eigentlich mit einer Stretchlimousine zum Aufnahmeort kommen. Aber wir haben schon Sonderbewilligungen gebraucht, damit die Jeeps überhaupt im Ort zugelassen sind. Saas-Fee ist eine autofreie Gemeinde.
Eine Limo – obwohl das Pop-Duo damals noch relativ unbekannt war?
Anthamatten: Ja, es hat auch lange gedauert, bis wir ihm das ausreden konnten. Noch dazu musste alles recht schnell gehen. Wir standen unter Zeitdruck, denn Weihnachten stand vor der Türe.
Als Hotelier in Saas-Fee waren George Michael und Andrew Ridgeley Ihre Gäste. Haben die beiden exzessiv gefeiert?
Anthamatten: Sie waren zum Zeitpunkt des Videodrehs nicht mehr so gut miteinander befreundet oder zumindest nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Ihre Suiten sollten möglichst weit auseinander liegen. Ein Foto, auf dem beide zu sehen sind, habe ich auch nicht bekommen. Sie sind sich damals aus dem Weg gegangen. Ich erinnere mich aber an die Abschlussparty im Schwimmbad, die war wild.
«Da oben wohnt kein Mensch.»
Welche Seilbahn ist denn im Video zu sehen?
Anthamatten: Das ist die Felskinnbahn. Wer Saas-Fee nicht kennt, würde denken, die beiden fahren mit dem Jeep zur Bahn und damit zum Chalet. Aber das entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Seilbahn fährt von 1’800 Meter auf 3’000 Meter. Da oben wohnt kein Mensch.
Wussten die Leute in Saas-Fee denn Bescheid?
Anthamatten: Das haben nicht sonderlich viele Menschen mitbekommen. Auch nicht als das Video veröffentlicht wurde. Wir haben in der Nacht vor dem Dreh an die Gondel noch einen Aufkleber gemacht, auf dem «Saas-Fee» zu lesen ist. Sonst wäre gar nicht zu erkennen gewesen, wo das Video spielt.
Clever! Wessen Idee war das?
Anthamatten: Meine. Wir hätten aber auch nie gedacht, dass das Lied ein so grosser Erfolg wird. Trotzdem wird George Michael in Saas-Fee bis heute nicht kommerzialisiert. Das hält sich alles im Rahmen.
Warum nutzt die Gemeinde das Potential nicht?
Anthamatten: Ein bisschen wird schon damit geworben. In dem Hotel, wo die beiden untergebracht waren, gibt es jetzt eine «George Michael»- oder «Wham!»-Suite. Ich habe mich lange für eine Skulptur eingesetzt.
«Ich habe später beide Künstler zum Jubiläum nach Saas-Fee eingeladen.»
Sie ist seit 2017 im Gespräch. Kommt sie denn noch?
Anthamatten: Da gibt es ein paar Probleme. Sie betreffen die Kosten und die Suche nach einem geeigneten Ort für die Skulptur. Ich habe später beide Künstler zum Jubiläum nach Saas-Fee eingeladen. Wir hätten den Flug und Hotelzimmer gestellt. Aber sie wollten noch eine horrende Extra-Gage, da konnten wir nicht mithalten.
Kommen denn heute noch Fans nach Saas-Fee?
Anthamatten: Erst vor fünf oder sechs Jahren ist eine griechische Familie mit 14 Personen nur deshalb angereist, weil George Michael einmal da war. Er war ja auch Grieche, das hatte also auch einen emotionalen Hintergrund. Aber ja, es kommen deswegen immer wieder Menschen.
In «Last Christmas» geht es um eine Liebesbeziehung. Würden Sie sagen, das Wallis eignet sich für ein Techtelmechtel besonders gut?
Anthamatten: Ja, sicher (schmunzelt). Weihnachten, Winter, Schnee, Kamin…
Wie wichtig ist Ihnen Weihnachten?
Anthamatten: Mir ist das Fest sehr wichtig, weil ich Christ bin. Für mich ist eher die Frage, wo das alles hinführen soll. Die Kommerzialisierung sehe ich kritisch.
«Allein im Saas-Tal gibt es 26 Kapellen.»
Die «Welt am Sonntag» hat 2004 geschrieben: «Das wirklich Besondere an dem Lied ist, dass Wham als erste Popband die Existenz von Weihnachten einfach hinnahmen.» Sie würden es nicht überhöhen, aber auch nicht bekämpfen. Wie sehen Sie das?
Anthamatten: Das stimmt und das darf auch sein. Wie das in dem Lied gehandhabt wurde, finde ich gut: Man hängt das Lied an etwas auf und lässt es gleichzeitig frei.
Noch eine Frage an Sie als Tourismus-Experten: Was sind denn die schönsten Kapellen im Wallis?
Anthamatten: Allein im Saas-Tal gibt es 26 Kapellen, viele davon sind einen Besuch wert. Die Kapelle Maria zur Hohen Steige am Kreuzweg von Saas-Fee ist wunderschön. Dasselbe gilt für die Belalp Kapelle in Naters.
* Beat Anthamatten (64) ist Hotelier und Autor.
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