Roland Inauen
Schweiz

Streit in Wonnenstein: «Der Konflikt ist eine tragische Angelegenheit»

Religion und Politik sind in Appenzell Innerrhoden eng verbunden. Ein Mitglied der Kantonsregierung ist als Kastenvogt für die Vermögensaufsicht des Klosters zuständig. Im Gespräch mit kath.ch schliesst Roland Inauen (67) eine Zwangsräumung aus: Er hofft auf ein Einlenken der renitenten Schwester Scholastika.

Raphael Rauch

Wir sprechen miteinander, weil Sie als Kastenvogt für das Kloster eine Mitverantwortung haben. Was genau ist ein Kastenvogt?

Roland Inauen: Kastenvogt ist eine alte Institution unseres Kantons – früher gab’s den auch in anderen Kantonen. Der hat die Aufsicht über den «Kasten» der Klöster, also über den Ort, wo die Vermögenswerte aufbewahrt werden. 

Das Kloster Wonnenstein im Dezember 2022.
Das Kloster Wonnenstein im Dezember 2022.

Sind Sie also eine Art Religionsminister?

Inauen: Ja. Die Beziehungen zu den Klöstern und zur Kirche sind in meinem Departement angesiedelt. 

Sie sind auch stillstehender Landammann. Warum stehen Sie still? 

Inauen: Diesen Titel muss ich öfter erklären (lacht). Unser System sieht einen regierenden und einen stillstehenden Landammann vor. Die wechseln sich alle zwei Jahre im Regierungspräsidium ab. Zurzeit bin ich nicht der regierende Landammann, sondern stillstehend.

Gottesdienst im Kloster Wonnenstein am 18.12.2022.
Gottesdienst im Kloster Wonnenstein am 18.12.2022.

Finden Sie es zeitgemäss, dass im Jahr 2022 der Kanton Appenzell Innerrhoden die Aufsicht über das Vermögen eines Klosters hat? 

Inauen: Das hat historische Gründe und ist in unserer Kantonsverfassung so festgeschrieben. Das hat mit der Reformation zu tun. Damals wurde Appenzell in zwei Kantone getrennt: in einen katholischen und in einen reformierten Teil. Die Situation damals war sehr angespannt. In einem Vertrag hat man festgelegt, dass zwei katholische Klöster im reformierten Gebiet Ausserrhoden bestehen bleiben durften. Diese zwei Klöster gehören weiterhin zu Innerrhoden.

«Die Frauenklöster sollten, umgeben von Reformierten, katholisch bleiben.»

Verfolgt ein Kastenvogt auch das Ziel, Kirche und Klöster zu kontrollieren?

Inauen: Nein, im Reformationszeitalter und zur Zeit des Kulturkampfes ging’s mehr um Fürsorge als um Kontrolle. Der Kanton hat die Frauenklöster unter besonderen Schutz der Regierung gestellt, damit diese auch umgeben von Reformierten katholisch bleiben können.

Bischof Markus Büchel
Bischof Markus Büchel

Wenn’s um die Zukunft des Klosters Wonnenstein geht: Wofür sind Sie zuständig – und wofür der St. Galler Bischof Markus Büchel?

Inauen: Bischof Markus Büchel hat laut Kirchenrecht die Aufsicht über die meisten Frauenklöster in seinem Bistum. Ich bin für die Unterstützung der Schwestern in weltlichen Angelegenheiten zuständig. Wenn es zum Beispiel um Änderungen beim Grundbuch geht, komme ich ins Spiel.

«Menschlich kann ich Schwester Scholastika gut verstehen.»

Wie bewerten Sie den Konflikt?

Inauen: Der Konflikt ist eine tragische Angelegenheit. Menschlich kann ich Schwester Scholastika gut verstehen. Es würde mir auch schwerfallen, wenn ich plötzlich mein eigenes Zuhause abwickeln müsste. Auf der anderen Seite hat sich Schwester Scholastika einem Leben in Gemeinschaft verpflichtet. Und diese Gemeinschaft existiert nicht mehr. 

Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.
Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.

Der Volksmund sagt: Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Inauen: Genau darin besteht die Tragik. Sie wohnt ja schon seit Jahrzehnten in Wonnenstein. Auf der anderen Seite verstehe ich auch Bischof Markus Büchel, der nicht verantworten kann, dass in einem grossen Kloster eine einzige Frau alleine leben will.

Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.
Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.

Warum fahren Sie nicht zweigleisig? Schwester Scholastika könnte im Kloster Wonnenstein wohnen bleiben – und gleichzeitig könnten Sie eine neue Schwesterngemeinschaft anwerben, etwa aus dem Ausland?

Inauen: Schwester Scholastikas einzige noch lebende Mitschwester ist vor rund zwei Jahren verstorben. Wir haben ihr Zeit gelassen, sich neu zu orientieren. Mittlerweile läuft ein Rechtsstreit. Bischof Markus Büchel hat die Zustimmung der Ordenskongregation im Vatikan erhalten, doch Schwester Scholastika ist in Berufung gegangen. Jetzt warten wir auf den definitiven Entscheid.

Der ehemalige Sprecher des Bistums Chur, Giuseppe Gracia, unterstützt Schwester Scholastika.
Der ehemalige Sprecher des Bistums Chur, Giuseppe Gracia, unterstützt Schwester Scholastika.

Schwester Scholastika wird in ihrem Kampf gegen das Bistum St. Gallen von Giuseppe Gracia unterstützt, dem ehemaligen Sprecher von Bischof Vitus Huonder. Geht es Gracia um die Sache – oder um eine Rache am Bistum St. Gallen?

Inauen: Ich kenne Herrn Gracia nicht persönlich. Aber ich weiss, wo er früher gewirkt hat. Ich will niemandem etwas unterstellen, glaube aber schon, dass es bei dem Konflikt um mehr geht als um Schwester Scholastika.

Ein Wintermärchen – unterwegs zum Kloster Wonnenstein.
Ein Wintermärchen – unterwegs zum Kloster Wonnenstein.

Sind Sie enttäuscht, dass Politiker wie Sepp Moser Partei für Schwester Scholastika ergriffen haben?

Inauen: Wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaft. Jedem steht frei, sich für das zu engagieren, was er für richtig hält. Mich stört hingegen, wenn falsche Behauptungen kolportiert werden. Der Verein, der sich um das Kloster kümmert, wird in ein falsches Licht gerückt. Dabei hätte Schwester Scholastika ohne den Verein weder Strom noch Wasser. Der Verein kümmert sich um alles. Das ist ein Draufzahlgeschäft. Niemand will sich bereichern. 

Die Anlage des Klosters Wonnenstein AI
Die Anlage des Klosters Wonnenstein AI

Sie betonen, die Liegenschaften des Klosters seien kein Bauerwartungsland. Das könnte sich doch ändern!

Inauen: Stand heute ist Wonnenstein kein Bauerwartungsland. Ich schliesse aus, dass sich daran etwas in den nächsten 30 bis 40 Jahren ändert. Die grossen Linien der Raumplanung sind bekannt. Um das Kloster soll kein Bauland erschlossen werden.

Josef Manser (vorne) beim Anlass der IG Wonnenstein.
Josef Manser (vorne) beim Anlass der IG Wonnenstein.

Wie beurteilen Sie eine These des Politikers Josef Manser, wonach eine Schliessung des Klosters staatspolitische Folgen haben könnte? Das Gebiet des Klosters könnte an Ausserrhoden fallen.

Inauen: Wir haben das geprüft. Kirchenrechtlich ist es so: Wenn ein Kloster nicht willentlich von den Schwestern geschlossen wird oder mit Genehmigung von Rom aufgehoben wird, dann existiert dieses Kloster nach dem Tod der letzten Schwester noch 100 Jahre weiter. Staatspolitische Fragen stellen sich also frühestens in 100 Jahren.

Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.
Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.

Könnten Sie eine Zwangsräumung anordnen, wenn Schwester Scholastika nicht einlenkt?

Inauen: Das schliesse ich aus! Wir wollen den Konflikt nicht eskalieren lassen. Alle Beteiligten wissen um die Verdienste von Schwester Scholastika. Wir möchten mit Bedacht und im fürsorglichen Sinne vorgehen.

Kämpferisch: Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.
Kämpferisch: Schwester Scholastika, die letzte Schwester im Kloster Wonnenstein.

Wie geht’s jetzt weiter?

Inauen: Im Moment tut sich gar nichts. Wir warten ab, was Rom zum Rekurs von Schwester Scholastika sagt.

Welches Interesse haben Sie als Politiker?

Inauen: Ich möchte eine gute Lösung – für Schwester Scholastika, aber auch für unseren Kanton. Das Kloster hat eine grosse kulturelle Ausstrahlung. Wir möchten, dass das Kloster und seine kulturhistorische Bedeutung erhalten bleiben – in welcher Form auch immer.

Eine Kopie der schwarzen Madonna von Einsiedeln in Wonnenstein.
Eine Kopie der schwarzen Madonna von Einsiedeln in Wonnenstein.

Was bedeutet Ihnen persönlich das Kloster Wonnenstein?

Inauen: Das Kloster Wonnenstein ist ein beliebtes Ausflugsziel – eine Oase, die ich schon als Kind gerne aufgesucht habe. 

Was wünschen Sie Schwester Scholastika zu Weihnachten?

Inauen: Friedvolle Weihnachten. Und dass wir gemeinsam im neuen Jahr eine gute Lösung finden. 

* Der Politiker Roland Inauen (67) ist stillstehender Landammann und steht dem Erziehungsdepartement des Kantons Appenzell Innerrhoden vor. Als solcher ist er auch Kastenvogt.


Roland Inauen | © Keystone
21. Dezember 2022 | 15:11
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