Religiöse Unterweisung als Machtinstrument.
Schweiz

Schule aus Freikirchen-Milieu reagiert auf Missbrauch

Die Christliche Schule Linth hat eine Ombudsstelle für Schülerinnen und Schüler eingerichtet. In der Vorgänger-Institution hatten Lehrpersonen seelische und körperliche Gewalt an Kindern und Jugendlichen ausgeübt. Laut Präventions-Expertin Karin Iten sind geschlossene Systeme besonders anfällig für Missbrauch.

Barbara Ludwig und Raphael Rauch

«Der Lehrer stand plötzlich nackt bei der Schülerin unter der Dusche», titelte die «SonntagsZeitung» am 4. Dezember und berichtete über einen Missbrauchsskandal an einer Freikirchen-Schule in Kaltbrunn SG. 

Missbrauch mit sadistischen und pädophilen Komponenten

«58 Schülerinnen und Schüler sowie Mitglieder der Gemeinde schilderten der Meldestelle ihre Erfahrungen und bezeugten in langen Briefen oder persönlichen Gesprächen, wie sie in der Schule und in der Gemeinde psychisch und religiös drangsaliert oder körperlich und sexuell misshandelt wurden», heisst es in dem Artikel.

Unheimliche Schattengestalt mit Kruzifix in einer Kirche.
Unheimliche Schattengestalt mit Kruzifix in einer Kirche.

Ein Beispiel: Ein minderjähriges Mädchen wurde mehrfach von einem Prediger der Freikirche vergewaltigt: «Die Penetrationen und andere sexuelle Handlungen wurden religiös interpretiert und wiesen eine sadistische und zugleich pädophile Komponente auf», heisst es laut «SonntagsZeitung» in dem Untersuchungsbericht. Die Schülerin, die von 1995 bis 2000 in Kaltbrunn die Freikirchen-Schule besuchte, befinde sich wegen der Vergewaltigungen bis heute in Behandlung.

Südafrikanische Freikirche mit Ableger in der Schweiz

Ein Anwaltsbüro hat den Missbrauchsskandal aufgearbeitet. 2019 wechselte die Privatschule «Domino Servite» ihren Namen. Heute heisst sie Christliche Schule Linth. Hintergrund des Namenswechsels waren Berichte in südafrikanischen Medien über Verfehlungen in der «Kwasizabantu Mission».

Diese Freikirche hatte auch einen Ableger in der Schweiz, der sich von seinen Ursprüngen distanzierte und 2019 ebenfalls den Namen wechselte. Heute nennt sich die Kirche «Evangelische Gemeinde Hof Oberkirch» (EGHO). Dies geht aus einer Medienmitteilung der beiden Institutionen vom 16. Juli hervor.

Leitungspersonen ausgewechselt

Im Sommer bestätigte eine unabhängige Untersuchung, dass es in der Vergangenheit in den Vorgänger-Einrichtungen der Kirche und der Schule zu seelischer und körperlicher Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen gekommen ist. Täter waren gemäss Mitteilung Lehrer und Gemeindemitglieder. Schule und Kirche befinden sich weiterhin an der gleichen Adresse in Kaltbrunn SG.

Bereits im Januar hatten die beiden Institutionen die Betroffenen um Entschuldigung gebeten für das Leid, das ihnen angetan worden sei. Und sie haben neun Massnahmen angekündigt. Unterdessen wurde sowohl in der Schule als auch in der Kirche die Leitung ausgewechselt. Ausserdem wurde eine Ombudsstelle für Gemeindemitglieder, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern eingerichtet.

Briefkasten und unangemeldete Besuche

Markus Baumgartner ist Sprecher des Dachverbandes Freikirchen und christliche Gemeinschaften Schweiz. Er koordiniert die Medienarbeit für die Christliche Schule Linth und die EGHO im Zusammenhang mit der Untersuchung der Vorfälle.

In der Schule sei ein Briefkasten eingerichtet worden, in den Kinder bei Schwierigkeiten Mitteilungen werfen können, sagt Baumgartner zu kath.ch. »Zur Prävention gehört ebenfalls, dass eine externe Fachperson regelmässig die Schule besucht – und zwar unangemeldet.»

Missstände aufdecken

Ausserdem hat die Freikirche auf ihrer Webseite einen Link eingerichtet, der zur Clearing-Stelle des Dachverbandes Freikirchen und der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) führt. Diese existiert laut Baumgartner seit mehreren Jahren. 

Sie soll beitragen, dass «konkreten Vorkommnissen nachgegangen und alles unternommen wird, dass Missstände aufgedeckt, aufgearbeitet, beseitigt und für die Zukunft so gut als möglich ausgeschlossen werden», wie es auf der entsprechenden Webseite heisst

Karin Iten warnt vor geschlossenen Systemen

Karin Iten ist Präventionsbeauftragte des Bistums Chur. Sie ist über die Verbindung «von spirituellem und sexuellem Missbrauch» alarmiert. «Es braucht Qualitätssicherung in beiden Bereichen», sagt Karin Iten zu kath.ch. «Geschlossene Systeme, die sich jeglicher Qualitätssicherung von innen und aussen entziehen, bieten Täterinnen und Tätern, die manipulativ und strategisch vorgehen, einen Boden für Missbrauch jeglicher Ausprägung.» 

Karin Iten
Karin Iten

Besonders ideologische Systeme, die sich selbst überhöhten und von aussen abgrenzten, neigten dazu, blinde Flecken zu entwickeln. «Wichtig sind in jeder Organisation deshalb Transparenz und ganz konkrete Qualitätsansprüche rund um heikle Situationen und Risikosituationen des Alltags.» 

Aus Sicht der Präventionsarbeit sei «institutionelles Risikomanagement» notwendig. «Damit wird es für manipulativ vorgehende Täterinnen und Täter schwieriger und enger.»


Religiöse Unterweisung als Machtinstrument. | © Geralt/Geralt
5. Dezember 2022 | 06:47
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