Mike Müller: «Johannes Paul II. ist der Schutzpatron der Sexualstraftäter»
Der Schauspieler Mike Müller (59) lobt das soziale Engagement der Landeskirchen – und kritisiert umso schärfer den «gestörten Umgang mit der Sexualität» in der katholischen Kirche. Dieser sei «hoch neurotisch». Der Star der SRF-Kulturserie «Der Bestatter» wünscht sich für sein eigenes Begräbnis «viel Weisswein» – und eine Redezeitbeschränkung von drei Minuten.
Jacqueline Straub
Sie sind getauft, haben aber keinen Religionsunterricht besucht. Wie haben Sie als Kind, Jugendlicher und Erwachsener auf die Kirche und auf die Gläubigen geblickt?
Mike Müller*: Es war für mich immer schon eine fremde Welt. In der vierten oder fünften Klasse hat die Katechetin meinen Mitschülerinnen und Mitschülern erzählt, dass ich eines Tages nicht vom Pfarrer begraben werde, sondern von den Gemeindearbeitern – eben weil ich nicht im Religionsunterricht war. Das ist eine ziemlich kranke Phantasie, bei Viertklässern an die Bestattung zu denken.
Warum haben Ihre Eltern Sie nicht in den Religionsunterricht geschickt?
Müller: Meine Eltern haben für meinen Bruder zwei Katholiken als Taufpaten ausgesucht. Der reformierte Pfarrer weigerte sich daraufhin, meinen Bruder zu taufen. Als Protest traten meine Eltern aus der Kirche aus.
Sie sind Atheist. Sind Sie missionarisch unterwegs?
Müller: Ich bin nicht auf der Mission, Gläubige vom Glauben abzubringen. Ich respektiere das. Aber ich kann scharf werden, wenn es sein muss. Etwa, wenn sich Fundis zuviel herausnehmen.
«Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, das immer wieder eingefordert werden muss.»
Was halten Sie von der Bibel?
Müller: Die Bibel ist ein wichtiger Teil der Menschheitsgeschichte. Darin stehen wichtige und grossartige Sachen. Etwa Vergebung. Das finde ich eine wichtige Komponente für das menschliche Zusammenleben.
Was bedeutet Ihnen Religionsfreiheit?
Müller: Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, das immer wieder eingefordert werden muss. Zum Teil mit sehr drastischen staatlichen Eingriffen. Die katholische Kirche leidet noch immer sehr unter gewissen Machtkartellen und durch systemisch bedingte Sexualstraftaten. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich schwerstens schuldig gemacht. Diese darf man nicht selig und schon gar nicht heiligsprechen.
Papst Johannes Paul II. wurde 2014 von Papst Franziskus heiliggesprochen.
Müller: Als Schutzpatron der Sexualstraftäter, ja. Leute wie ihn oder auch Ratzinger hätte die Schweiz auch nie einreisen lassen dürfen.
Wie stehen Sie zu den Landeskirchen?
Müller: Die Landeskirchen machen sehr viel im sozialen Bereich. Das finde ich gut.
«Die Kirche hat viele kranke Männer.»
Was kritisieren Sie an der katholischen Kirche?
Müller: Es ist gefährlich, wenn sich eine politische oder religiöse Bewegung als ahistorisch versteht und eine weitere Entwicklung verweigert. In der katholischen Kirche sieht man das mit dem Patriarchat, mit der schlechten Behandlung von den Frauen, der veralteten Sexualmoral. Die Amtskirche hat einen gestörten Umgang zur Sexualität. Das ist hoch neurotisch. Die Kirche hat viele kranke Männer.
Was sagen Sie zum Zölibat?
Müller: Ich habe hohen Respekt vor dem Zölibat, gerade bei Mönchen und Nonnen. Das ist ein bewusster Entscheid so zu leben – und das sollte auch möglich sein. Bei Priestern finde ich es aber eine Katastrophe.
Was haben Sie bei den vielen Dreharbeiten für die SRF-Kultserie «Der Bestatter» über das Sterben und den Tod gelernt?
Müller: Ich habe sehr viel von einzelnen Bestattern gelernt. Ein Bestatter gibt einen Leichnam oder Überreste an Angehörige zurück. Das Ritual des Abschieds von Verstorbenen kennt jede Kultur und Religion. Wir brauchen das auch. Bei uns sind die Rituale aber leider in Verruf geraten, weil sie ausgehöhlt worden sind.
«Das Begräbnis ist ja nicht für mich, sondern für die Hinterbliebenen.»
Wie wollen Sie mal bestattet werden?
Müller: Ich möchte kremiert und auf dem Zürisee verstreut werden. Danach soll viel Weisswein auf dem Schiff getrunken werden. Es wird eine Redezeitbeschränkung von drei Minuten pro Person geben. Doch: Das Begräbnis ist ja nicht für mich, sondern für die Hinterbliebenen. Ich höre immer wieder von Menschen, die ganz klar definieren, wie ihre Bestattung zu sein hat. Ich finde das schwierig. Sollte mein Begräbnis später einmal anders aussehen, ist das auch völlig in Ordnung.
Viele Menschen haben Angst vor dem Tod. Sie auch?
Müller: Nein, aber das sage ich jetzt. Mein Ziel ist es, wenn es dann so weit ist, wirklich keine Angst zu haben. Ob mir das gelingt, sehen wir dann.
*Mike Müller (59) ist Schauspieler und Autor. Im Jahr 2013 kam die erste Folge von «Der Bestatter» im Schweizer Fernsehen SRF. Es folgten sechs weitere Staffeln, in denen Müller die Hauptrolle als Luc Conrad spielte. 2023 wird der Film «Der Bestatter» in den Schweizer Kinos zu sehen sein.
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