Mafioso mit Pistole: Nicht allein die Gewalt macht die Mafia so mächtig, sondern vor allem ihr gesellschaftliches Netzwerk.
Schweiz

«Mit Gottes Wille bin ich immer auf deiner Seite»: Warum für Mafiosi die Religion so wichtig ist

Die Mafia gehört zu Italien wie die Pizza. Interessant ist, dass Mafiosi sich über «pizzini» austauschen: Papierzettel, die von Boten überbracht werden. In diesen geheimen Botschaften spielt auch Gott ständig eine Rolle, sagt Mafia-Expertin Rossella Merlino.

Wolfgang Holz

Es klingt wie der nackte Hohn: «Du musst wissen, dass ich, wo ich helfen kann, mit Gottes Hilfe immer auf deiner Seite sein werde. Gott segne euch und beschütze euch alle.»

Man könnte sich vorstellen, dass solche Worte aus dem Mund eines Priesters stammen. Und nicht aus der Hand eines Mafioso, der vielleicht Stunden oder Tage vorher einen nicht genehmen Zeitgenossen um die Ecke brachte. Oder vielleicht gerade brutal Schutzgeld abkassierte.

Cosa Nostra, Camorra, ‘Ndrangheta

Doch die Religion ist für die Mafia wichtig, erläutert Rossella Merlino, Dozentin an den Universität Messina auf Sizilien und in Bangor in Wales, am Mittwochabend bei einem Vortrag an der Universität Luzern.

Mafia-Expertin Rossella Merlino war bei ihrem Vortrag an der Uni Luzern per Skype zugeschaltet.
Mafia-Expertin Rossella Merlino war bei ihrem Vortrag an der Uni Luzern per Skype zugeschaltet.

Zwar konnte die sympathische Mafia-Expertin nicht persönlich anwesend sein und war für die Zuhörerinnen und Zuhörer im Hörsaal nur per Skype zugeschaltet. Auch referierte sie weniger, wie angekündigt, über die Frage der Mafia-Bedrohung in der Schweiz. Doch ihre Ausführungen über die sakralen Dimensionen der italienischen Verbrechersyndikate der Cosa Nostra (Sizilien), Camorra (Kampanien) und der ‘Ndrangheta (Kalabrien) waren höchst interessant.

«Durch die Verwendung einer symbolisch-religiösen Sprache wird eine spezielle Gruppenzugehörigkeit unter den Mafiosi hergestellt.»

Rossella Merlino, Mafia-Forscherin

Per Hand verfasste Geheimbotschaften

Denn auf den sogenannten Pizzini, jenen per Hand oder per Schreibmaschine verfassten Botschaften, die per Kurier von einem Mafioso-Boss zum anderen überbracht werden, spielt ehrenvolle Sprache eine grosse Rolle. Eine Sprache, in der Gott und die Religion ständig präsent sind. Und das nicht ohne Hintergrund.

"Pizzino": Geheimbotschaft von "Cosa Nostra"-"Boss der Bosse" Bernardo Provenzano an Nino Rotolo.
"Pizzino": Geheimbotschaft von "Cosa Nostra"-"Boss der Bosse" Bernardo Provenzano an Nino Rotolo.

«Durch die Verwendung einer symbolisch-religiösen Sprache wird eine spezielle Gruppenzugehörigkeit unter den Mafiosi hergestellt», erklärte die Mafia-Expertin. Schliesslich würden Mafiosi durch Initiationsriten in die jeweilige Organisation aufgenommen. Gleichzeitig seien sie Teil der kollektiv-italienischen sozialen Tradition und Kultur, in der Religion eben einen bedeutenden Stellenwert hat.

Mafia-Werte erhalten sakralen Anstrich

Dabei soll die Religion nicht nur nach aussen hin einen gesellschaftlichen Konsens mit der Mafia bilden. Werte des Mafia-Ehrenkodexes erhalten durch die Religion einen sakralen Anstrich. Religion soll quasi Gemeinschaft mit der Mafia stiften. Pseudo-legitimieren.

«Derjenige, der in die Mafia eintritt, konvertiert in eine besondere Religion.»

Giovanni Falcone, Mafia-Jäger und Richter, 1993 hingerichtet

Oder, wie es Giovanni Falcone, der legendäre Mafia-Richter, der 1993 hingerichtet wurde, sagte: «Derjenige, der in die Mafia eintritt, konvertiert in eine besondere Religion.» Der religiöse Bezug für die Mafia könne dann so weit gehen, dass Mafiosi sogar überzeugt seien, so Merlino, im Namen Gottes zu töten.

Der «Boss der Bosse»

Wobei sich die Wissenschaftlerin in ihrer Forschungsarbeit insbesondere mit dem Mafia-Boss Bernardo Provenzano beschäftigte. Dieser war zwei Jahrzehnte lang das Oberhaupt der «Corleonesi», eines Cosa-Nostra-Clans aus der berüchtigten sizilianischen Mafia-Hochburg Corleone.

Die Mafia umweht ein grosser Mythos.
Die Mafia umweht ein grosser Mythos.

Er galt als «Boss der Bosse». Aufgrund seiner gnadenlosen Entschlossenheit als Massenmörder wurde er als «Binnu der Traktor» bezeichnet, der sprachbildlich – als ob er ein Traktor mit angehängter Walze sei – seine Opfer massenweise plättet. Später wurde er ehrenvoll «Professor» genannt.

«Inkonsistent»: Katholische Kirche und die Mafia

Doch die italienische Mafia benutzt eben die Religion nicht nur als spirituellen Überbau, wie Rossella Merlino auf Publikumsfragen antwortete. Die katholische Kirche habe bis in die 1980er-Jahre eine eher «inkonsistente» Rolle gegenüber der Mafia eingenommen. Grund: Niemand habe genau gewusst, wer hinter der Mafia steckte.

Bestes Beispiel war der Kardinal und Erzbischof Ernesto Raffini von Palermo, der 1964 noch die Mafia als «unbedeutende Minderheit von Kriminellen» herunterspielte. Papst Johannes Paul II. verurteilte 1993 die Mafia öffentlich. Spätestens seit diesem Zeitpunkt leiste die Kirche Widerstand gegen die Mafia.

Papst Benedikt XVI. betete am 3. Oktober 2010 vor dem Gedenkstein für Giovanni Falcone in Capaci und für die Opfer der Mafia .
Papst Benedikt XVI. betete am 3. Oktober 2010 vor dem Gedenkstein für Giovanni Falcone in Capaci und für die Opfer der Mafia .

Priester wurden hingerichtet

Wobei unbestechliche Priester wie Pino Puglisi, der Jugendliche von der Strasse holen wollte, um sie dem Zugriff der Mafia zu entziehen, danach ebenso getötet wurde wie Bruder Giuseppe Diana in Casal. Dieser lehnte sich hartnäckig gegen die Camorra auf.

«Mir hat das gar nicht gefallen, was Papst Johannes Paul II. über die Cosa Nostra gesagt hat.»

Mafia-Boss zum Mafia-Verdikt

Dabei störe es Mafia-Bosse sehr wohl, wie Rossella Merlino bestätigte, wenn sie von Kirchenoberhäuptern verurteilt werden. «Mir hat das gar nicht gefallen, was Papst Johannes Paul II. über die Cosa Nostra gesagt hat» – diese Aussage eines Mafia-Bosses sei öffentlich bekannt geworden.

Nach den gigantischen Mafia-Prozessen in den 1980er Jahren in Palermo und nach den Bombenanschlägen Anfang der 1990er Jahre hatte der Vatikan die Mafia klar verurteilt.

Alle Mafiosi exkommuniziert

Papst Franziskus schliesslich hat 2014 alle Mafiosi exkommuniziert – eine Tat, welche die Verbrecherorganisation ihres religiösen Selbstimages beraubt habe.

Papst Franziskus hat 2014 alle Mafiosi exkommuniziert und damit der Mafia einen gewaltigen Imageschaden zugefügt.
Papst Franziskus hat 2014 alle Mafiosi exkommuniziert und damit der Mafia einen gewaltigen Imageschaden zugefügt.

Doch die eigentliche Herausforderung für die katholische Kirche in Italien bestehe nach wie vor für die lokalen Priester. Denn diese seien direkt mit der Mafia vor Ort konfrontiert. Ein Bischof gab beispielsweise 10’000 Euro zurück für eine Kirchenrenovation, nachdem er feststellte, dass die Spende aus Kokaingeldern der ‘Ndrangheta stammte.

«Mutige Priester etwa verweigern Mafiosi in den Dörfern, an kirchlichen Prozessionen teilzunehmen.»

Rossella Merlino

«Mutige Priester etwa verweigern auch Mafiosi in den Dörfern, bei kirchlichen Prozessionen an vorderster Front mitzumarschieren oder an Messen teilzunehmen», sagte die Mafia-Expertin. Andere wiederum tolerierten dies. Manche Priester hätten sogar Extra-Messen in Mafiaverstecken gefeiert. Gezwungenermassen.

Mutig: Mafia-Forscherin Rossella Merlino, Dozentin an der Universität Messina und im walischen Bangor.
Mutig: Mafia-Forscherin Rossella Merlino, Dozentin an der Universität Messina und im walischen Bangor.

«Ohne dieses gewaltige gesellschaftliche Netzwerk wäre die Mafia nicht so mächtig.»

Rossella Merlino

Denn neben Politik, Wirtschaft, Justiz und vielen anderen wichtigen Playern kooperierten eben auch Kirchenvertreter in Italien mit der Mafia. «Ohne dieses gewaltige gesellschaftliche Netzwerk wäre die Mafia nicht so mächtig und könnte nicht ständig weiter expandieren – auch wenn die Mafia nicht gerade der omnipräsente Oktopus ist.»

‘Ndrangheta in der Schweiz aktiv

Gerade die kalabrische ›Ndrangheta sei als jüngste italienische Mafiaorganisation längst auch in der Schweiz angekommen. «In der Schweiz mischt die ‘Ndrangheta seit 1980 vor allem im Geldwäschebusiness im Baugewerbe mit, im Waffen- und Drogenhandel», gibt Rossella Merlino Auskunft.

«Mein Vater ist Polizist, er hatte auch schon mit Fällen der Mafia in der Schweiz zu tun», sagt eine Studentin und Besucherin der Luzerner Uni-Veranstaltung. Die albanische Mafia sei aber viel gefährlicher.


Mafioso mit Pistole: Nicht allein die Gewalt macht die Mafia so mächtig, sondern vor allem ihr gesellschaftliches Netzwerk. | © zVg
27. Oktober 2022 | 17:55
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