David Foster Wallace irrt: Roger Federer ist keine «religiöse Erfahrung»
Roger Federer (41) hat seinen Rücktritt bekannt gegeben. Die ganze Tenniswelt ist traurig. Und nicht nur die. Denn der Schweizer Tennisprofi hat durch seine wundervolle Art, mit der Filzkugel umzugehen, viele zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Zurecht. Der Autor David Foster Wallace irrte jedoch.
Wolfgang Holz
«Ballkünstler» wird Roger Federer seit Jahren in Kreuzworträtseln umschrieben. Kein Wunder. Die Art und Weise, wie der achtfache Wimbledonsieger mit Ball und Tennisschläger umzugehen verstand, sucht seinesgleichen. Auf dem Court bewegte er sich wie ein Überirdischer. «Wie ein Balletttänzer», schwärmte SRF-Tennisexperte Stefan Bürer jüngst im Fernsehen.
Ultimative Leichtigkeit
Roger Federer beherrschte die Schläge aus dem Lehrbuch so perfekt, wie es sich niemand auch nur im Traum vorstellen konnte. Mit seinem Handgelenk konnte er überraschende Winkel, Spins und Speed in Bruchteilen von Sekunden kreieren. Keine Frage: Roger Federer hat das schönste Tennis der Welt gespielt.
Dieses «kinästhetische Talent» von Roger Federer, sprich: seine Fähigkeit quasi wie «Apollo» in ultimativer Leichtigkeit über dem Platz zu schweben und den Tennissport in ein Erlebnis der »Schönheit» zu verwandeln, hat der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace in einem Essay über den Schweizer Tennisstar als «religious experience» bezeichnet. Also als «religiöse Erfahrung».
Wimbledon, das Tennis-Mekka
David Foster Wallace, einer der kryptischsten amerikanischen Schriftsteller mit seinem Schlüsselroman «Infinite Jest» (»Unendlicher Spass»), ist nicht nur ein brillanter Wortkünstler. Der Autor, der sich im Alter von nur 46 Jahren das Leben nahm, war selbst ein ziemlich guter Tenniscrack.
Da verwunderte es nicht, dass die «New York Times» den Schriftsteller 2006 nach Wimbledon schickte, um Federer zu interviewen. Sein Spiel zu beobachten und in Worte zu fassen. Das Ergebnis seiner Reise ins Tennis-Mekka, in die Kathedrale des weissen Sports, heisst «Huldigung» und ist sogar in einem Buch in deutscher Übersetzung nachzulesen.
«Eine flüssige Peitsche»
Wallace beschreibt in dem Essay nicht nur das, was er an wundervollem Tennis von «King Roger» in Wimbledon gesehen hat. Er erinnert sich auch an Szenen aus einem Match bei den US Open, als der Schweizer den Amerikaner Andy Roddick in fast auswegloser Situation noch mit seiner legendären Vorhand (»eine flüssige Peitsche») auf atemberaubende Weise passierte.
Er, Wallace, habe damals vor dem Fernseher so einen unbeschreiblichen Schrei der Bewunderung über diesen Schlag Federers ausgestossen, dass das ganze Popcorn auf dem Sofa vor dem TV plötzlich verschüttet herumlag. Und dass sogar seine Ehefrau ins Wohnzimmer gestürmt sei, um nachzuschauen, was passiert war. Der Schriftsteller brachte das Erleben des Tennisspiel Federers deshalb auf die Eloge einer «religiösen Erfahrung».
Ballkunst mit göttlichen Dimensionen
Doch David Foster Wallace irrte. Selbstverständlich ist seine subjektive Wahrnehmung von Federers Tennisvirtuosität legitim. Aber der immer sehr bodenständige und sympathische Schweizer Tenniscrack hätte wahrscheinlich einen Vergleich seiner Ballkunst mit göttlichen Dimensionen übertrieben gefunden.
Vor allem gibt es einen Bereich des sportlichen Heldentums, in der Federer als Tennisstar zwar nicht scheiterte – in der er aber anderen Tennisstars den Vortritt lassen musste. Trotz seines Gewinns von 20 Grand-Slam-Titeln und 310 Wochen als Nummer eins der Welt.
Rafael Nadal und Novak Djokovic
Die Rede ist von Rafael Nadal und Novak Djokovic. Der Spanier und der Serbe haben mehr Grand-Slam-Siege als Roger Federer verbucht. Das relativiert die göttliche Aura des Schweizers. Ganz zu schweigen davon, dass beide auch gegen Roger Federer im direkten Duell jeweils öfters gewonnen haben.
Diese «Negativ-Bilanz» Federers gegen Djokovic und Nadal hat damit zu tun, dass Tennis bei aller Ästhetik unterm Strich vor allem auch ein Willensakt ist. Eine Demonstration psychischer und physischer Stärke und Überlegenheit. Wie sagte doch der legendäre Stan Smith, der in den 1970er-Jahren auch in Wimbledon siegte: «Im Tennis gewinnt immer der, der den Ball einmal mehr übers Netz bringt als der andere.»
Nadal ist der absolute Tennis-Held
Und in dieser Hinsicht hatte Federer nicht nur mit zunehmendem Alter im Vergleich zu Djokovic und Nadal immer mehr Probleme. Auch der Fakt, dass Federer die French Open nur ein einziges Mal 2009 gewinnen konnte – und das nur, weil Nadal zuvor gegen den Schweden Robin Söderling überraschend im Halbfinal verloren hatte –, spricht Bände.
Nadal siegte insgesamt in Paris 14 Mal – was ihn zum absoluten Tennis-Helden, ja Filzball-Märtyrer adelt, wenn man so will. Gleichzeitig siegte auch Nadal in «King» Rogers unbestrittenem Königreich Wimbledon immerhin zweimal. Einmal davon in einem epischen Final gegen Roger Federer.
«Schönheit rettet die Welt»
Wahrscheinlich dachte der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace in seiner «Huldigung» an Roger Federer an den berühmten Satz von Dostojewski. Der postulierte bekanntlich in seinem Roman «Der Idiot»: «Schönheit rettet die Welt.» Federers schönes Tennis wird in diesem Sinn sicher für uns immer unvergesslich bleiben.
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