Seelisberg-Konferenz war mehr als eine religiös-theologische Dialogveranstaltung
Die Seelisberg-Konferenz gegen Antisemitismus jährt sich zum 75. Mal. Der Rabbiner Jehoschua Ahrens* macht in seinem Gastkommentar deutlich, dass das Treffen einen klaren gesellschaftspolitischen Zweck verfolgte.
In Europa entstand ein institutionalisierter Dialog erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Schrecken der Schoah. Als erste Organisation in Kontinentaleuropa wurde 1946 die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft (CJA) gegründet, entstanden aus der gemeinsamen Flüchtlingshilfe und dem Kampf gegen Antisemitismus, was in christlichen Kreisen in der Schweiz schon früh zu theologischen Debatten über das Verhältnis von Christen und Juden führte.
Auch Politiker und Intellektuelle
Auf amerikanische und britische Initiative hin fand 1946 eine erste internationale christlich-jüdischen Konferenz in Oxford statt. Die drittstärkste Delegation war vom CJA aus der Schweiz. Die Konferenz beschloss die Durchführung einer Dringlichkeitskonferenz zum Problem des Antisemitismus, die schliesslich Anfang August 1947 im Hotel Kulm in Seelisberg UR stattfand, wo 70 Personen aus 19 Ländern zusammenkamen.
Die Tatsache, dass nicht nur Pfarrer, Rabbiner und weitere Theologen eingeladen wurden, sondern vor allem Politiker, Intellektuelle, Professoren, Vertreter der UNO oder anderer Organisationen und Verbände macht bereits deutlich, dass die Seelisberg-Konferenz keineswegs als religiös-theologische Dialogveranstaltung geplant war, sondern einen klaren (gesellschafts-)politischen Zweck verfolgte.
Kommissionen mit gesellschaftspolitischem Fokus
Schwerpunkt war der Antisemitismus. Darüber hinaus wurden die Beziehungen zwischen Christen und Juden und ihre Verbesserung thematisiert. Die Konferenz teilte sich in folgende Kommissionen auf: 1. Die Richtlinien der Zusammenarbeit von Juden und Christen im Kampf gegen den Antisemitismus; 2. Die Aktionen der Schulen und Universitäten; 3. Die Arbeit der Kirchen; 4. Aktionen im Bereich der sozialen und staatsbürgerlichen Dienste; 5. Beziehungen zu den Regierungsstellen.
Im Laufe der Konferenz erarbeiteten alle Kommissionen jeweils Berichte und Resolutionen. Die Kommissionen machen nochmals den gesellschaftspolitischen Fokus der Organisatoren deutlich. Die erste Kommission erarbeitete eine grundlegende Analyse des Antisemitismus und Strategien, wie er zu bekämpfen sei. Die zweite Kommission stellte gleich sechs Anträge und weitere sechs Grundsätze über die Entwicklung und Ausführung der Erziehungsprogramme. Die vierte und fünfte Kommission machten viele Vorschläge im staatsbürgerlichen und gesetzgeberischen Bereich.
Botschaft an die Kirchen
Es war aber die «Botschaft an die Kirchen» der dritten Kommission, die später die Hauptbeachtung finden sollte. In dieser Kommission waren die Schweizer sehr stark vertreten, mit Erich Bickel, dem Vorsitzenden der CJA, Pfarrer Adolf Freudenberg, dem Leiter der Flüchtlingsarbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf, Charles Journet, dem späteren Kardinal, Pater Jean de Menasce von der Universität Freiburg (Schweiz) und Rabbiner Zwi Taubes, Oberrabbiner von Zürich.
Die Grundlagen für die berühmten «Seelisberger Thesen» bildeten die 18 Punkte zur Vermeidung von Antisemitismus in der christlichen Lehre von Jules Isaac, einem französisch-jüdischen Historiker. Sie wurden durch den Aussenminister des Vatikans, Giovanni Montini, den späteren Papst Paul VI., bestätigt und beeinflussten massgeblich die Konzilserklärung «Nostra aetate».
«Ein Blick zurück auf die Beschlüsse von Seelisberg könnte lohnen.»
Doch auch wenn das Ziel der Bekämpfung des christlichen Antijudaismus in der christlichen Unterweisung weitgehend gelungen ist, haben sich andere wichtige Forderungen leider nicht durchsetzen können. Das Erstarken des Antisemitismus auch in unseren westlichen Gesellschaften zeigt: Ein Blick zurück auf die Beschlüsse von Seelisberg könnte lohnen.
*Jehoschua Ahrens ist Rabbiner und beim Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) Beauftragter für religiöse Dienstleistungen.
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