Bischof Felix Gmür mit den Schwestern in der Kirche St. Oswald Zug nach dem Gottesdienst
Schweiz

Maria Theresia Ledóchowska: Von der Hofdame zur Missionarin

Bischof Felix Gmür hat den 100. Todestag der Gründerin der Missionsschwestern vom heiligen Petrus in Zug gefeiert. Maria Theresia Ledóchowska war Hofdame, als sie ein Bekehrungserlebnis hatte. Als Pionierin der Diaprojektion reiste sie für die Missionen quer durch Europa. «Sie ist mein Vorbild», sagt die Priorin der Zuger Gemeinschaft.

Vera Rüttimann

Maria Theresia Ledóchowska war nicht nur von adliger Herkunft, sondern auch schön von Gestalt. Auf dem Bild, das in der St. Oswalds-Kirche vor dem Altar aufgestellt ist, zieht der Blick der Frau auf dem Porträt die Betrachterin sofort in ihren Bann.

Das Bild von Maria Theresia Ledóchowska, das vor dem Altar und Kirche St. Oswald Zug steht
Das Bild von Maria Theresia Ledóchowska, das vor dem Altar und Kirche St. Oswald Zug steht

Bischof Felix Gmür, der am 7. Juli den Festgottesdienst hält, sagt in seiner Predigt: «Es gibt Menschen, die hätte ich gerne gekannt. Zu ihnen gehört die selige Maria Theresia.» Vor allem über ihre Bekehrungsgeschichte hätte der Bischof gerne mit ihr gesprochen. Er sagt: «Es ist wohl eine Bekehrung, die aus Tränen kommt.»

Ein bewegtes Leben

Nach dem Gottesdienst ist die Festgemeinde in den Pfarreisaal eingeladen. Dort versammeln sich die Gäste zum Essen: die Wohltäterinnen und Wohltäter und die Petrus-Claver-Schwestern, wie die Frauen der internationalen Missionskongregation heissen. Sogar Schwestern aus Polen und Indien sind da.

Festgemeinschaft im Pfarreizentrum in Zug
Festgemeinschaft im Pfarreizentrum in Zug

Maria Theresia Ledóchowska hatte ein bewegtes Leben, das ist in einem Dokumentarfilm zu sehen: Sie wurde am 29. April 1863 in Loosdorf in Niederösterreich als Tochter einer Schweizerin und eines Polen geboren. In jungen Jahren habe sie schöne Kleider, Theaterbesuche und Reisen geliebt.

Hilfe für Menschen in Afrika

Von 1885 bis 1891 wohnte sie sogar als Dame am Hof von Ferdinand IV. von der Toskana. Aus einer tiefreligiösen Familie stammend, erwachte in ihr der Wunsch, den Menschen in Afrika das Evangelium nahe zu bringen. Bilder mit Sklaven aus Afrika, die sie auf Schiffen in Ketten zeigten, hätten sie zu tiefst berührt.

Banner anlässlich des 100. Todestages von Maria-Theresia Ledóchowska
Banner anlässlich des 100. Todestages von Maria-Theresia Ledóchowska

1888 gründete Maria Theresia Ledóchowska eine Vereinigung zum Kampf gegen die Sklaverei in Afrika, nachdem sie an einer Veranstaltung von Kardinal Lavigerie auf den Sklavenhandel in Afrika aufmerksam wurde. Der Kardinal rief dazu auf, sich gegen den Menschenhandel einzusetzen.

1894 entstand aus der Vereinigung die Petrus-Claver-Sodalität für die afrikanischen Missionen.

Vortragsreisende mit Diaprojektionen

Maria Theresia Ledóchowska wollte die Missionare und Missionsschwestern aus der Ferne finanziell unterstützen. Im Missionshaus Maria Sorg in Bergheim bei Salzburg gründete sie deshalb 1898 eine eigene Missionsdruckerei. Religionsbücher in grosser Zahl wurden dort in afrikanischen Sprachen gedruckt und nach Afrika versandt. Grössere Beträge kamen den Missionsleuten vor allem aus der Zeitschrift «Echo aus Afrika» zugute, die Maria Theresia Ledóchowska 1891 gründete.

Theresia Ledóchowska war in vielem eine Pionierin. Sie reiste für ihre Vorträge quer durch Europa. Als eine der Ersten verwendete sie für ihre Vorträge Diapositive.

Im Geiste der Gründerin

Heute umfasst die St.-Petrus-Claver-Sodalität weltweit rund 250 Schwestern, die in 44 Gemeinschaften in 24 Ländern leben. Meist sind es kleine Gemeinschaften wie jene in Zug an der Oswaldstrasse, wo fünf Schwestern miteinander leben.

Die Schwestern in der Kirche St. Oswald Zug im Gottesdienst
Die Schwestern in der Kirche St. Oswald Zug im Gottesdienst

Bis heute unterstützen die Gemeinschaften der St.-Petrus-Claver-Sodalität die Missionsarbeit. Bei der Arbeit geht es etwa um die Bekämpfung von Kinderarbeit in Kupfermienen oder um Massnahmen gegen die Kinderprostitution. Auch die Ausbildung einheimischer Priester wird finanziell unterstützt. Alle Projekte laufen in intensiver Zusammenarbeit mit der jeweiligen Lokalkirche.

Echo aus Afrika

Auch heute noch generieren die Schwestern Einnahmen durch den Versand der monatlich erscheinenden Zeitschrift «Echo aus Afrika». Darin berichten Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Afrika, Lateinamerika und Asien über den Stand der Projekte.

Der Film über die Ordensgründerin Maria Theresia Ledóchowska löst bei vielen Zugerinnen und Zugern alte Erinnerungen aus. Viele der älteren Gäste brachten in ihrer Jugend Gegenstände zu den Schwestern, die diese dann in die Missionspakete für Afrika packten.

Die Schwestern im Gespräch mit Gottesdienstbesuchenden
Die Schwestern im Gespräch mit Gottesdienstbesuchenden

In der Dokumentation sind die letzten Aufnahmen von Maria Theresia Ledóchowska zu sehen. Sie starb am 6. Juli 1922 in Rom. In jener Stadt, wo sich seit 1902 auch die Generalstelle der St.-Petrus-Claver-Sodalität befindet. Die Fotos zeigen das Arbeits- und Sterbezimmer von Maria-Theresia. Ihr Schreibtisch erinnert an ihr arbeitsreiches Leben. 1975 wurde sie von Papst Paul VI. seliggesprochen.

Entscheid für den radikal anderen Weg

An einem der Tische im Pfarreisaal sitzt auch Schwester Elisabeth Burdak. Sie wirkt in der Petrus-Claver-Gemeinschaft in Augsburg. Für den Festtag ist sie eigens angereist. Auch sie hat zu Maria Theresia Ledóchowska eine besondere Beziehung. «Ich bin in der polnischen Stadt geboren, wo ihre Familie gelebt hat», sagt sie. Als sie seliggesprochen worden sei, habe man viel von ihr gesprochen. «Zuerst war das Ereignis zu gross und hoch für mich», erzählt sie lebhaft, «bis das Leben der Seligen mich innerlich gepackt hat, so dass ich ebenfalls diesen Weg eingeschlagen habe.»

Schwester Elisabeth Burdak aus Augsburg
Schwester Elisabeth Burdak aus Augsburg

Schwester Elisabeth Burdak ist begeistert von Maria Theresia Ledóchowska. «Obwohl sie erst als ehrgeizige Frau in der Gesellschaft glänzen wollte, hat sie sich für einen radikal anderen Weg entschieden und alles für die Missionsarbeit aufgegeben», sagt sie. Sie sei als Frau mutig aufgetreten und habe keine Hemmungen gehabt, zu den Bischöfen zu gehen, um für ihr Werk zu werben. «Für sie schien einfach nichts unmöglich», sagt die Polin. Allein der Umstand, dass Maria Theresia Ledóchowska auf die Idee kam, eine Druckerei zu gründen, zeige, was für eine ungewöhnliche Frau sie gewesen sei.

Eine Frau mit «genialem Charisma»

Schwester Regina aus Indien hingegen hatte schon mit sechs Jahren den Wunsch, Ordensfrau zu werden. «In meiner Heimat habe ich schon früh erlebt, wie Petrus-Claver-Schwestern randständigen Menschen geholfen haben», sagt die Ordensfrau, die seit 2001 in Zug lebt. Seit vier Jahren ist sie Oberin der Petrus-Claver-Gemeinschaft in Zug.

Schwester Regina, Priorin, während des Gottesdienstes
Schwester Regina, Priorin, während des Gottesdienstes

Über ihre Ordensgründerin sagt Schwester Regina: «Die selige Maria-Theresia ist mein Vorbild. Sie hatte ein geniales Charisma.» Ihre gedanklichen Ansätze und ihr Handeln seien für sie auch heute noch aktuell: «Auch heute haben wir in dieser Welt Sklaverei. Sie hat nur ihre Form verändert.»

Von der Sklaverei zur inneren Versklavung

Beim Genuss beginnt für die Ordensoberin alle Sünde. «Alles ist heute erlaubt, es gibt keine Grenzen mehr», sagt sie. Damals habe eine erzwungene Sklaverei geherrscht. Aber heute schickten sich viele Menschen freiwillig in eine Art Sklaverei. Der grassierenden Konsumismus führe zu einer inneren Versklavung.

Schwester Regina resümiert: «Unsere Ordensgründerin ist in der Schweiz nicht sehr bekannt.» Ihr Orden arbeite eher im Verborgenen. Ziel sei es, zusammen mit Gleichgesinnten diesen Orden und vor allem das Leben und Wirken von Maria Theresia Ledóchowska bekannter zu machen. Die Gemeinschaft in Zug lebe weiter nach dem Spruch der seligen Maria Theresia, die sagte: «Immer heiter, Gott hilft weiter!»


Bischof Felix Gmür mit den Schwestern in der Kirche St. Oswald Zug nach dem Gottesdienst | © Vera Rüttimann
8. Juli 2022 | 16:48
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Afrikamuseum

An der St.-Oswalds-Gasse 17 in Zug befindet sich das von Maria Theresia gegründete Afrikamuseum. Mit Exponaten aus den afrikanischen Missionen. Die Gründerin wollte den Besucherinnen und Besuchern den Alltag und die Glaubenspraxis der Menschen in den Missionen zeigen. (vr)