Christian Ringli: Das Beziehungsmilchbüchlein
SRF-Radioprediger Christian Ringli nervt sich über die Ungleichheit von Geben und Nehmen und träumt von Sushi statt Glacé-Clowns und Tageszeitung statt Globibuch. Doch letztlich muss er erkennen, dass das Leben nicht nur kein Ponyhof ist, sondern sich auch nicht mit einem Milchbüchlein aufrechnen lässt.
Christian Ringli*
«Wenn meine Kinder ausgezogen sind, gehe ich sie besuchen, schmeisse meine Jacke in die Ecke, hüpfe auf ihrem Sofa, esse den Kühlschrank leer und bringe das Haus durcheinander. Dann sage ich: ›Mir ist langweilig!’ und gehe nach Hause.»
Diesen Spruch las ich auf einem Kalenderblatt, das in der gemieteten Ferienwohnung an der Wand hing, und er traf haargenau meine aktuelle Stimmung. Wir – meine Frau, unsere drei Kinder und ich – waren gerade von einem abwechslungsreichen, kostspieligen, mit Glacé, Spielplatz und Sessellift aufgepimpten Familienausflug in die Wohnung zurückgekommen, als es zum Dank ein massives Geschrei unserer Kinder gab. Dies, weil beim Abendessen niemand auf der Holzbank ohne Lehne sitzen wollte, sondern alle einen gepolsterten Stuhl beanspruchten.
Sushi statt Glacé-Clown
Genervt rutschte ich selber auf die Bank und spürte, wie sich das harte Holz auf mein Herz übertrug. Ist das der Lohn für all den Aufwand? Warum tue ich mir das eigentlich an? Morgen gehen wir statt in die Badi auf eine fünfstündige Wanderung ohne Beiz und Bähnli, statt dem Globibuch lesen wir zusammen den Auslandteil der Berner Zeitung, lösen gemeinsam das Kreuzworträtsel des Magazins und anstatt eines Glacé-Clowns mit Smarties gibt es Sushi mit scharfer Wasabipaste. Das wäre nämlich, was ich mir unter einem schönen Ferientag vorstelle. Jawohl!
Gleichgewicht und Ungleichgewicht
Zum Glück verrauchte mein Ärger bald wieder und ich kam zur Besinnung. Es sind ja noch Kinder. Und nein, ich will keine Mein-Kind-das-Zentrum-der-Welt-Mentalität fördern. Meine Kinder sollen lernen, dass es nicht nur immer sie sind, um deren Bedürfnisse sich unser Familienleben dreht. Aber ich bin mir auch bewusst, dass Geben und Nehmen in einer Familie selten in einem Gleichgewicht stehen. Gegeben wird vor allem von einer Generation zur nächsten. Mag dieses Ungleichgewicht mit ein Grund sein, warum viele Eltern ausbrennen, und manche gar nicht erst Eltern werden wollen?
Das innere Rechnen
Ich jedenfalls habe mich schon öfters aus dem Gefühl heraus, dass ich hier viel mehr der Gebende als der Nehmende bin, in eine generelle Unzufriedenheit hineingeschmollt. Mein interner Gib-und-Nimm-Kalkulator schlägt ziemlich rasch das Milchbüchlein auf und alarmsirent sofort, wenn ein Defizit entsteht. Ich krieg ja viel weniger zurück! Kennen Sie dieses innere Rechnen, dieses «Beziehungsmilchbüchlein» auch? Wie viel gebe ich? Wie viel bekomme ich? Was schaut unter dem Strich raus?
Beziehungen sind mehr als Aufwand und Ertrag
Man braucht gar keine Kinder zu haben, um Menschen zu begegnen, bei denen schnell klar scheint, dass sie niemals so viel zurückgeben können, wie wir ihnen schenken. Der Jugendliche, der Nachhilfe in Mathe braucht. Die komplizierte Arbeitskollegin, die sich über eine Einladung zum Feierabenddrink freuen würde. Der alte Nachbar, dessen Rasen dringend gemäht werden sollte.
Menschliche Beziehungen sind gewiss mehr als nackte Zahlenrechnungen, aber ich vermute, dass viele Menschen – ob bewusst oder unbewusst – dieses innere Milchbüchlein gut kennen und über den Daumen gepeilt checken, in welchem Verhältnis Aufwand und Ertrag stehen.
Wen einladen?
Und offenbar ist dieses Milchbüchlein keine moderne Zeiterscheinung. Schon vor 2000 Jahren war es ein Thema, zum Beispiel wenn es – um Einladungen ging. Wen lade ich zum Essen ein? Und von wem werde ich eingeladen? Jesus äusserte sich einst ziemlich provokativ dazu, als er selbst zu einem Essen eingeladen war – von einem führenden Pharisäer, einem also, der es gesellschaftlich zu etwas gebracht hatte. Der Evangelist Lukas beschreibt die Tischszene so:
«Dann wandte sich Jesus an den Gastgeber: »Wenn du ein Essen gibst, am Mittag oder am Abend, dann lade nicht deine Freunde ein, deine Geschwister und Verwandten oder die reichen Nachbarn. Sie laden dich dann nur wieder ein, und du hast deinen Lohn gehabt. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Verkrüppelte, Gelähmte und Blinde ein! Dann darfst du dich freuen, weil sie es dir nicht vergelten können. Denn es wird dir vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.« (Lukas 14,12-14)
«Lade nicht deine Freunde, deine Geschwister und Verwandten ein!» Hallo? Vielleicht erwarten Sie heute Familienangehörige oder Freunde zu Besuch und denken: Warum zum Kuckuck soll ich die nicht einladen? Was ist diesem Jesus da über die Leber gekrochen, dass er so bissig daherredet?
Einladung als Gegengeschäft?
Wer das Leben von Jesus genauer unter die Lupe nimmt, merkt bald: Er hatte nichts gegen Freundschaften und gemeinsame Mahlzeiten mit ihnen. Im Gegenteil, sie waren ihm sogar heilig. Vielleicht gerade deshalb wurde er hier so scharf, denn unser Herz neigt offenbar dazu, diese Beziehungen zu verzwecken: Ich gebe, damit du gibst. Ich lade ein, und erwarte dann, dass du mich zurück einlädst. Eine Beziehung als Gegengeschäft. So war es zur Zeit von Jesus. Man achtete gut darauf, bei der Gästewahl «standesgemäss» zu agieren, also nur Menschen zum Essen einzuladen, die einem bezüglich Wohlstand und Ansehen auf Augenhöhe sind, die mir mindestens so viel zu geben haben wie ich ihnen. Damit wurde die Gastfreundschaft von innen her ausgehöhlt. «Doch, doch, ich bin schon gastfreundlich! Einfach, sagen wir mal, sehr fokussiert gastfreundlich.» Gastfreundschaft mit dem Milchbüchlein hinter dem Rücken.
Wer sitzt bei mir am Tisch?
Wie sieht das bei mir aus? Wer sitzt bei mir am Tisch? Oder etwas weiter gefragt: In welche Mitmenschen fliessen meine Energie, meine Zeit, meine Geduld, mein Weinkeller? Wenn ich ehrlich bin, flattern die Milchbüchleinseiten auch in meinem Leben immer mal wieder durch Herz und Nieren. Gedanken wie «Da kommt so wenig zurück!» «Warum bin immer ich der, der die Initiative ergreifen muss?» oder «In diesen Gesprächen ist nichts für mich drin.» Die Worte von Jesus, die einzuladen, die einem nichts zurückgeben können, fordern mich heraus. Ich meine, endet eine solche Haltung nicht zwingend in einer Erschöpfung, im Konkurs, im Burnout? Geht das am Ende auf?
Die Rechnung geht nicht auf
Wenn man das Leben von Jesus auf Anzahl Jahre oder erwirtschaftetes Vermögen checkt, muss man ernüchtert konstatieren: Nein, es geht nicht auf. Zu früh gestorben, unter die Räder gekommen, nichts auf dem Bankkonto. Aber Jesus rechnete offenbar nicht so. Er rechnete über den Tod hinaus, wie der Schluss vom gelesenen Abschnitt verrät: Du darfst dich freuen, wenn du Menschen einlädst, die dich nicht zurückeinladen können. «Denn es wird dir vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.»
Die Jenseits-Milchbuechlirechnung
«Es wird dir vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.» Das klingt einfach wie eine erweiterte Jenseits-Milchbüechlirechnung, à la: Was du hier auf Erden investierst, erhältst du im Himmel mit Zins und Zinseszins zurückbezahlt, so dass du dann zu den Reichen gehören wirst und dir ein schönes Häuschen am Strand mit Hängematte leisten kannst, während andere sich mit einer von Schimmel befallenen Tiefparterre-Wohnung begnügen müssen. Das wäre dann einfach eine Wiederholung des Kapitalismus – lediglich umgekehrt.
Die DNA der Selbsthingabe
Doch wer auch hier das Leben und die Botschaft von Jesus genauer unter die Lupe nimmt, merkt rasch, dass das nicht gemeint sein kann. Mit der «Auferstehung der Gerechten» weist Jesus auf das Kommen einer neuen Welt, in der genau dieses «Ich gebe, damit du mir zurückgibst» verwandelt wird in ein «Ich verschenke, damit du weiterverschenken kannst». In dieser DNA wurde der Mensch fabriziert, denn er wurde von einem Gott geschaffen, der diese Selbsthingabe in seiner eigenen DNA hat. Von diesem Verschenken erzählt das Geheimnis der Trinität. Ein Gott, der vom Verschenken an den anderen lebt, ohne dabei zu kalkulieren, was zurückkommen wird. (Lukas 6,32-37)
Der Horizont der kommenden Welt
Wer also in die investiert, die nichts zurückgeben können, häuft sich damit nicht eine persönliche 7. Säule im Himmel an, sondern er tut etwas, was Ewigkeitswert hat. Sie/er stellt etwas auf den grossen Tisch des kommenden Hochzeitsfests, das alle geniessen können.
Funktioniert das? Mich jedenfalls befreit der Horizont dieser kommenden Welt immer wieder von der Buchbindung, der Bindung an mein inneres Milchbüchlein. Befreit mich vom ständigen Überlegen, was für mich dabei herausspringt. Ich wurde von einem milchbüchleinlosen Gott erschaffen und habe von ihm so viel empfangen: Lebenszeit, Körper, Gaben, Geist. Und da waren Menschen, die mich – von Gottes Grosszügigkeits-Gen angesteckt – beschenkt haben, ohne zurückzuerwarten: Eltern, Grosseltern, Lehrer, Weggefährten. Ich habe empfangen, ich schenke weiter. Aber nicht an die gleichen Personen, die mich beschenkt haben, sondern an jene, die zuerst empfangen müssen, damit sie wieder andere beschenken können.
Die Rechnung ohne den Wirt gemacht
So gesehen fühlte sich die Holzbank am Ferientisch plötzlich nicht mehr ganz so hart an, sondern eher wie ein solides Fundament, das mich trägt und mir den Halt gibt, andere zu tragen. Zugegeben, so wohlgeordnet geht’s nicht immer zu und her in meiner Seele. Am heutigen Sonntag feiert unser Ältester seinen 12. Geburtstag. Im vergangenen Dutzend Jahre waren immer mal wieder Momente eingestreut, wo ich innerlich zu rechnen begann, um ein Defizit zu bejammern. Aber dann auch viele befreiende Momente, in denen mir wieder einfiel: Wer so rechnet, hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn dieser rechnet ganz anders.
*Christian Ringli ist Pastor bei BewegungPlus in Grenchen.
Textstelle: Lukas 14,12-14
Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.
Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.
Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




