Kardinal Giovanni Angelo Becciu, 2018 im Vatikan.
Vatikan

Vatikanprozess: Befragung von Kardinal Becciu abgeschlossen

Kardinal Becciu hat am Donnerstag im Vatikan-Prozess ausgesagt. Er sei von seinen Beratern oft nicht ausreichend informiert worden, sagte Kardinal Becciu. Kronzeuge Alberto Perlasca wurde von Vatikan-Gendarmen aus dem Saal geführt.

Im Strafprozess um den vatikanischen Finanzskandal ist am Donnerstag die Vernehmung von Kardinal Giovanni Angelo Becciu abgeschlossen worden. Die Verhandlung dauerte gut sieben Stunden. Darin schilderte der Angeklagte das langjährige Bestreben des Staatssekretariats, in dem er in leitender Position tätig war, das erhebliche Defizit des Vatikans zu verringern.

Er habe sich dabei insbesondere auf die Expertise des italienischen Finanzmanagers und früheren Mitarbeiters der Credit Suisse, Enrico Crasso, verlassen. Allerdings hätten ihn seine Berater oft nicht mit Informationen versorgt, die ihm alternative Entscheidungen ermöglicht hätten.

Verlustreiche Investitionen in Londoner Immobilienkomplex

Becciu war von 2011 bis 2018 als Substitut zweiter Mann der vatikanischen Zentralbehörde, des Staatssekretariats. Dieses begann unter Becciu über Finanzmakler mit Investitionen in einen Londoner Immobilienkomplex. Weil es dabei Verluste und Unregelmässigkeiten gegeben haben soll, sind seit Sommer 2021 insgesamt zehn Personen und drei Unternehmen vor dem Strafgericht des Vatikanstaats wegen Korruption, Amtsmissbrauch, Veruntreuung und anderer Delikte angeklagt.

Wohl mit dieser Immobilie in London hat sich der Vatikan verspekuliert.
Wohl mit dieser Immobilie in London hat sich der Vatikan verspekuliert.

In dem Prozess geht es auch um Finanztransaktionen der Italienischen Bischofskonferenz an karitative Einrichtungen in Sardinien, die von Becciu veranlasst worden sein sollen. Das Gericht entschied, dass es wegen dieser Vorwürfe kein eigenes Verfahren geben werde; sie gehörten allerdings zum weiteren Umfeld. Becciu müsse daher nicht darauf antworten, gleichwohl könne die Anklage Fragen dazu stellen.

Cecilia Marogna und Alberto Perlasca abgeblitzt

Eine schriftliche Erklärung der mitangeklagten italienischen Sicherheitsberaterin Cecilia Marogna wurde vom Gericht nicht zur Verlesung zugelassen. Becciu hatte Marogna für nicht näher beschriebene Aufträge als Sicherheitsexpertin gut 500’000 Euro bezahlt, die sie aber grossenteils persönlich verwendet haben soll.

Zu einem kurzen Zwischenfall kam es, als Alberto Perlasca, früherer Verwaltungsleiter des Staatssekretariats und Kronzeuge der Anklage im Gerichtssaal auftauchte. Er wollte als Nebenkläger gehört werden; dem hatte das Gericht am Vortag nur teilweise stattgegeben. Richter Giuseppe Pignatone wies ihn an, den Saal zu verlassen, was Perlasca nur widerwillig und unter Begleitung von Vatikan-Gendarmen tat. (cic)


Kardinal Giovanni Angelo Becciu, 2018 im Vatikan. | © KNA
20. Mai 2022 | 10:06
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