Matthias Wenk: «Machen wir Weihnachten zu einem Tun-Wort!»
Radioprediger Matthias Wenk verbindet die Erzählung von Jesus bei Maria, Marta und Lazarus mit dem Ausspruch «es 2 uf em Rugge ha». So wird die Erzählung aus dem Lukasevangelium eine richtige Weihnachtsgeschichte.
Matthias Wenk*
Und schon ist er wieder vorbei, der erste Tag des neuen Jahres. Sollten Sie einen Tagesabreisskalender in Gebrauch haben, liebe Hörerin, lieber Hörer, so haben Sie heute Morgen wohl das erste Kalenderblatt des neuen Jahres abgerissen. Und was steht dort wohl? Eine 2 – das ist keine grosse Überraschung. Auf die 1 folgt die 2.
Der 2. Januar steht im Schatten des Neujahrstages
Der 2. Januar hat es nicht leicht. Immer steht er im Schatten des 1., des Neujahrstages. Dieses Jahr fällt der 2. Januar auf einen Sonntag. Wenn er dies nicht tut, dann haben immerhin die Menschen in knapp der Hälfte aller Kantone die Möglichkeit, in den Genuss eines zusätzlichen arbeitsfreien Tages zu kommen. Als ich noch in Zürich gearbeitet habe, habe ich den 2. Januar immer sehr genossen – einfach noch mal einen Tag ausschlafen, einen Tag Ruhe, einen Tag nichts müssen. Heute können das Sie hoffentlich alle auch, liebe Hörerinnen und Hörer.
Die Nummer 2 sein
Die Nummer 2 zu sein, ist aber in der Regel kein erstrebenswertes Gefühl. Wenn ich über jemanden sage «Sie hät es 2 uf em Rugge», dann beschreibe ich damit, dass sie erfährt, nicht angemessen beachtet zu werden, ja überflüssig zu sein. Es interessiert niemanden wirklich, wie es ihr geht.
Es ist schon spannend: Wenn ich auf die Geschichte unserer Menschheit schaue, dann meine ich wahrzunehmen, dass es zum Beispiel oft immer wieder die gleichen Menschengruppen sind, die mit einem 2 uf em Rugge leben müssen: Frauen; Fremde; Menschen, die anders sind.
Familienbande
Auch in Familien erlebe ich immer wieder, dass das 2 uf em Rugge eine grosse Rolle spielt. Da fühlt sich beispielsweise eine Tochter benachteiligt gegenüber ihrer älteren Schwester. Die Eltern würden dieser mehr Aufmerksamkeit und Würdigung entgegenbringen – so empfindet sie es. Oder aber Eltern konzentrieren sich – verständlicherweise – mit ihrer Energie auf das ihrer Kinder, das am meisten Schwierigkeiten im Leben hat. Die Geschwisterkinder, bei denen es läuft, haben dann es 2 uf em Rugge.
Kurz: Es 2 uf em Rugge z’ha, ist keine schöne Erfahrung.
Marta hat das 2 uf em Rugge
Weil die biblische Erzähltradition die Geschichte unserer Menschheit und unseres menschlichen Alltagslebens widerspiegelt, kommen auch in den Geschichten der Bibel immer wieder Menschen mit einem 2 uf em Rugge vor: Abel zum Beispiel und, nicht zu vergessen, Eva. Ja, als die Nummer zwei abgestempelt zu werden, kommt in den besten biblischen Familien vor: so überliefert es auch der Evangelist Lukas.
Er lässt Jesus in einer Erzählung eine Frau auf den zweiten Platz verweisen. Bis heute ist sie das 2 uf ihrem Rugge in unserem christlichen kulturellen Gedächtnis nicht mehr losgeworden. Marta heisst sie und Maria und Lazarus sind ihre Geschwister. Alle drei sind sie eng mit Jesus befreundet. Immer wieder besuchte Jesus die drei Geschwister in ihrem Haus in Bethanien. Sie waren seine Jüngerinnen und Jünger. Allerdings wanderten sie nicht mit Jesus umher, sondern bildeten eine Art sesshafte Jesus-Gemeinschaft. Marta kam dort wohl eine Art Leitungsaufgabe zu.
Marta beschwert sich bei Jesus
Und so war Jesus wieder einmal bei ihnen zu Besuch. Marta liebte es, für andere da zu sein. Wie immer, so ging sie auch an diesem Tag ganz darin auf, Gastgeberin zu sein – zumal heute Jesus bei Maria, Lazarus und ihr zu Gast war. Marta war in ihrem Element.
Nachdem sie Jesus herzlich begrüsst hatten, macht sich Marta wieder an die Arbeit. Und während sie in der Küche also ihrem Dienst als Gastgeberin nachging, wich Maria Jesus nicht von der Seite, setze sich vor ihm auf den Boden und lauschte dem, was Jesus ihnen allen sagen wollte. Schliesslich aber stiess Marta diese Situation sauer auf. Sie ging zu Jesus und machte ihrem Ärger Luft:
«Jesus, du bist es, dem unsere Hausgemeinschaft nachfolgt. Kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich die ganze Arbeit alleine tun lässt?! Sag ihr doch, sie soll mit mir zusammen Hand anlegen!» Jesus antwortete ihr: «Marta, Marta, du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe! Aber nötig ist nur eines. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden.»
Maria sollte Marta helfen
Und da ist er nun, der Stempel: «d Marta het es 2 uf ihrem Rugge!» Lukas erzählt an dieser Stelle nicht weiter. Wir erfahren nicht, wie Marta darauf reagiert. Oder ob Maria sie wegen der Zurechtweisung auslacht. Kommt es zum Streit zwischen den Schwestern? Auf welche Seite stellt sich wohl der Bruder Lazarus? Vielleicht wird ja Maria auch bewusst, dass sie Marta helfen sollte, steht auf und geht ihr zur Hand?
1 und 2 gehören zusammen
Harmoniebedürftig wie ich bin, würde ich mir wünschen, dass die beiden Schwestern es weiterhin miteinander guthätten. Wenn ich weitere Bibelstellen lese, in denen die Geschwister beschrieben werden, dann vermute ich, dass Marta mit ihrem 2 uf em Rugge umgehen kann. Ja, ich glaube, sie weiss, dass sie es nicht annehmen muss, die Nummer 2 zu sein. Jesus geht es, glaube ich, nicht darum, die unterschiedlichen Lebenshaltungen der beiden Frauen gegeneinander auszuspielen. Es geht ihm darum, bewusst zu machen, dass 1 und 2 zusammengehören, dass es, wenn Menschen ihm nachfolgen wollen, den ersten Schritt vor dem zweiten braucht.
Ich kann mir vorstellen, dass Marta das verstanden hat. Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhard hat sich in einer seiner Predigten Gedanken zu eben dieser Geschwistergeschichte gemacht. Jesus beginnt seine Antwort an die aufgebrachte Marta damit, dass er zwei Mal ihren Namen nennt. Laut Meister Eckhard sei das nicht als Tadel, sondern als Lob für Marta zu verstehen – dafür, dass sie auf dem Weg der gelebten Liebe schon grosse Fortschritte gemacht habe. Das 2 uf ihrem Rugge eine Auszeichnung für Marta?! Ein spannender Gedanke! Vielleicht würde diese Perspektive auch so manche andere angespannte Geschwistersituation entschärfen?! Es braucht die 1 und es braucht die 2.
Wer Jesus also nachfolgen will, für die ist es nötig, sich erst einmal, so wie Maria, Jesus zu Füssen zu setzen und seinen Worten zuzuhören. Wer die Worte von Jesus verinnerlicht hat, kann dann wie Marta zur Tat schreiten und den Menschen zum Dienst, zur Wohl-Tat werden.
Marta und Maria eine Weihnachtsgeschichte
Für mich persönlich ist die Geschwistergeschichte von Marta und Maria eigentlich eine weihnachtliche Geschichte. Auch am 2. Januar ist ja schliesslich noch immer Weihnachtszeit. Eine weihnachtliche Geschichte – warum?! Weil sie beschreibt, wie Gott wirkt, wenn Gott in uns ankommt, also geboren wird. Es geht im Glauben darum, nicht im Hören zu verhocken, wie Maria in dieser Geschichte; nicht im heimeligen Wohlgefühl über das herzige Kindlein in der Krippe steckenzubleiben. Christlicher Glaube will keine selbstbezogene Wohlfühl-Spiritualität sein.
Es geht, glaube ich, darum, die Botschaft von Jesus nicht nur zu hören, sondern umzusetzen, zu tun – also die weihnachtliche Erfahrung, dass Gott in uns Menschen geboren ist, in und für diese, unsere Welt spürbar zu machen. Schritt 1 ist das Hören, die Mystik, Schritt 2 das Tun, die Politik – das Kind in der Krippe, der Jesus, dem wir zuhören, schreit danach zur Tat zu werden. Das Kind in der Krippe bleibt ohne das 2 uf em Rugge auf der Strecke – ohne die gelebte Liebe, ohne ihre tatkräftige Verwirklichung in unserer Welt.
«Machen wir Weihnachten zu einem Tun-Wort!»
Heute können wir also das erste Kalenderblatt abreissen. Nach dem 1. Januar kommt der 2. Und der 2. Januar steht dem 1. in nichts nach – ausser vielleicht, dass er nicht überall arbeitsfrei ist. Das Leben braucht es, dass auf den 1. der 2. folgt. Der Glaube braucht nach dem ersten den zweiten Schritt. Werden wir zu Menschen mit em 2 uf em Rugge und leben wir das, was wir von Jesus gehört haben. Machen wir Weihnachten zu einem Tun-Wort!
Einen tatkräftigen 2. Januar wünsche ich Ihnen!
* Matthias Wenk ist römisch-katholischer Radioprediger und Seelsorger in St. Gallen.
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