Wasser in seinen verschiedensten Formen
International

Das «Blaue Gold» des Lebens: Der Krieg ums Wasser hat begonnen

Wasser ist das Blut der Erde und der Geist des Lebens. Doch der Klimawandel macht Wasser rar – und zum Objekt von Finanz-Spekulationen. Für Papst Franziskus ist Wasser ein öffentliches Gut. Doch der Krieg ums «Blaue Gold» hat längst begonnen.

Thomas Vaszary

Es ist nass, geruchlos, ohne Geschmack und Farbe. Dennoch hat es mehr als 40 Eigenschaften, die dafür sorgen, dass sich Wasser anders verhält als andere Stoffe. «Wäre dies nicht der Fall, gäbe es die Erde nicht so, wie wir sie kennen», sagt Lars Müller. Er hat 2006 – zusammen mit weiteren Autoren – das Fotobuch* «Wem gehört das Wasser?» publiziert.

Darin stellt er wichtige Fragen. Zum Beispiel: Warum schwimmt Eis auf Wasser? Wäre es umgekehrt, wäre die Erde ein wüster Planet ohne Leben. Kein anderer Stoff in der Natur kann so viel Energie speichern, sie über Tausende von Kilometern verfrachten und sie Tage oder Wochen später irgendwo wieder abgeben. Wäre das nicht so, gäbe es auf der Erde kein gemässigtes Klima, sondern bloss Eis- und Hitzewüsten.

«Walk for Water» bis zum Papst

Ein Jahr nach Erscheinen von Lars Müllers Fotobuch haben Vertreterinnen und Vertreter indigener Kulturen einen zehntägigen «Walk for Water» organisiert. Der Wasserlauf führte von der Mündung des Flusses Tiber auf dem Monte Fumaiolo mehr als 400 Kilometer dem Fluss entlang bis nach Rom zum Vatikan.

Öffentliche Papstaudienz auf dem Petersplatz, bevor der Stab und die Botschaft «Walk for Water» im Vatikan übergeben werden.
Öffentliche Papstaudienz auf dem Petersplatz, bevor der Stab und die Botschaft «Walk for Water» im Vatikan übergeben werden.

Mit dabei ein Stab, gestaltet von mehreren Nationen aus dem «American Native Homeland», und eine Botschaft für den Papst: Er möge als Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken seine Kraft einsetzen für ein sauberes und geschütztes Wasser für alle.

Hahh Dyahh Nate (He Who Sits, Der Sitzende), auch Robertjohn Knapp genannt, ein spiritueller Anführer vom Stamm der Seneca, überreichte den Stab dem persönlichen Monsignore von Papst Benedikt XVI. – samt Brief-Botschaft: «Sauberes Wasser ist ein Geburtsrecht. Für alle, die vor uns da waren, die jetzt hier sind, und vor allem jene, die noch kommen werden! In Gottes Geist und Einigkeit sind wir ein Herz und eine Stimme.»

Der Stab ist seither im Vatikan-Museum ausgestellt und die Botschaft von Benedikt XVI. auf Franziskus übergegangen. Die 2015 erschienene Umweltenzyklika «Laudato sí» tönt wie  ein eigener «Walk for Water».

Patient Wasser auf der Intensivstation

Wasser versorgt die Natur mit allem, was sie zum Überleben braucht. Es ist das Blut der Erde. Doch der Patient Wasser landet immer häufiger auf der Intensivstation und benötigt Infusionen. Immer häufiger finden Notfallteams den Patienten Wasser in virtuellen Räumen der Finanzmärkte. Dort wird Wasser nur gegen Geld freigelassen, um es an jene Stellen fliessen zu lassen, wo es dringend benötigt wird.

Nach zehn Tagen «Walk for Water» angekommen im Vatikan: Der Stab trifft auf das Kreuz.
Nach zehn Tagen «Walk for Water» angekommen im Vatikan: Der Stab trifft auf das Kreuz.

Nach dem Goldrausch im 19. Jahrhundert und dem Erdölrausch im 20. Jahrhundert ist längst die Zeit des Wasserrauschs angebrochen. Denn Wasser ist verstärkt ins Blickfeld der Finanzmärkte gelangt. Ihr Ziel: den Wasserpreis zu erhöhen und Märkte zu schaffen wie beim Öl, dem «Schwarzen Gold».

In einer umfassenden Reportage produzierte der französische Filmemacher Jérôme Fritel 2018 für Arte einen Film, der von Australien nach Kalifornien, von New York bis London, Brüssel und Paris den weltweiten Kampf um das «Blaue Gold» dokumentiert. Er zeigt auf, wie Gier und Misswirtschaft dazu führen, dass unser Lebenselixier auszutrocknen oder zu versiegen droht. Der Film in deutscher Sprache ist noch bis 29. März 2021 auf arte.tv kostenlos zu sehen.

Hohelied auf den Thatcher-Liberalismus

Die Liaison von Wasser und Finanzsektor begann in London vor 30 Jahren. Investoren fanden mit Unterstützung der damaligen Premierministerin Margret Thatcher, dass die Privatisierung von Wasser erfolgreich sein werde.

Beim Papst: v.l. Ron Alec, Mono-Häuptling, Kris Kuhles, Gary Adler Fourstar, Assiniboine und Ohlone, Robertjohn Knapp, Spiritueller Führer der Seneca, Gil Aguilera, Mescalero Apache und Stabträger, Giacomo de Giosa, Debby Bullock Fourstar von Many Horses Foundation.
Beim Papst: v.l. Ron Alec, Mono-Häuptling, Kris Kuhles, Gary Adler Fourstar, Assiniboine und Ohlone, Robertjohn Knapp, Spiritueller Führer der Seneca, Gil Aguilera, Mescalero Apache und Stabträger, Giacomo de Giosa, Debby Bullock Fourstar von Many Horses Foundation.

David Hall forscht an der Universität Greenwich und sagt: «Das Wassersystem mit allen Konzessionen wurde an private Unternehmen verkauft. Wer nicht bezahlt hatte, dem wurde sofort die Wasserzufuhr gekappt.» Bürger mussten sich das Wasser auf der Strasse in Notcontainern holen. Zehn Monate und viele Beschwerden später wurde den privaten Unternehmen untersagt, säumigen Kunden die Wasserzufuhr zu sperren.

Doch es steckte mehr dahinter. David Hall deckte in seiner Studie den Londoner Wasserraubzug auf mit skandalösen Praktiken wie der Anhebung von Verbraucherrechnungen, sprunghaft steigenden Dividenden für Aktionäre und Steuervermeidung oder Steuerhinterziehung.

Er bewies, wie aus Privatisierung eine konzentrierte Plünderungsaktion wurde, indem jährlich drei Milliarden Euro aus dem System in private Kanäle flossen. Die australischen Investoren versorgten London zehn Jahre lang mit Trinkwasser. Nach dem Verkauf ihrer Anteile hinterliessen sie 50 Milliarden Euro Schulden.

Wasser und Geld
Wasser und Geld

Sollen lebensnotwenige Serviceleistungen tatsächlich von finanziellen Interessen gesteuert werden? Der Journalist Jonathan Ford von der «Financial Times» schreibt: «Die Konsumenten werden diese Rechnung bezahlen müssen, denn die Aktionäre werden ihre bezogenen Dividenden sicher nicht zurückerstatten.» Kein anderes Industrieland ist dieser Form von Wasserprivatisierung wie in Grossbritannien gefolgt. «Warum wohl?», fragt Ford.

Daraufhin begannen Anleger im Jahre 2000 mit «Privat Equity Fonds» Geld zu verdienen, sogenannten «Geier-Fonds» mit einer Laufzeit von zehn Jahren, die niemandem Rechenschaft schuldig sind. In Kanada, Hongkong und Malaysia machte dies ebenfalls Schule. Doch Australien ging noch einen Schritt weiter: Dort wurden richtige Wassermärkte geschaffen – mit grossen Folgen für die Landwirtschaft.

Goldene Zwanziger

Am 1.1.2021 haben die 2020er-Jahre begonnen. Werden sie für die Kirche zu Goldenen Zwanzigern? Was bedeutet Gold in der Liturgie? Welchen Reformstau gibt es? Welche Lösungen funktionieren? Diese Fragen beantwortet kath.ch in der Serie «Goldene 20er» – bis Mariä Lichtmess am 2.2.2021.

* «Wem gehört das Wasser?», Fotobuch, 2006, Klaus Lanz, Lars Müller, Christian Rentsch, René Schwarzenbach, 535 Seiten und viele Bilder, lars-muller-publishers.com


Wasser in seinen verschiedensten Formen | © John Emslie Science & Society Picture Library
2. Februar 2021 | 17:34
Lesezeit : ca. 4  Min.
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Wasserverteilung der Erde

Drei Prozent der Masse der Erde sind Wasser. Dieses Wasser ist zu 99 Prozent in fester Erde gebunden und ein Prozent liegt an oder nahe der Oberfläche. Das Wasser an oder nahe der Oberfläche setzt sich zusammen aus 96,5 Prozent Ozeane, 2,5 Prozent Süsswasser, ein Prozent Salzwasser auf den Kontinenten. Das Süsswasser besteht zu 65 Prozent aus Eis und zu 35 Prozent aus flüssigem Süsswasser. Das flüssige Süsswasser ist zu 99% im Grundwasser zu finden und nur ein Prozent davon bilden Seen und Flüsse.

Der mit Abstand grösste See ist das Kaspische Meer. Es grenzt im Norden an Russland und im Süden an den Iran, ist sehr salzig, wird aber von vielen Süsswasserflüssen gespeist wie der Wolga. Der See mit der zweitgrössten Menge Süsswasser ist der Baikalsee in Russland – im südsibirischen Gebirge nahe Irkutsk. Er ist mit 758 Metern durchschnittlicher Tiefe und 1642 Metern maximaler Tiefe der tiefste See der Erde. Damit ist er fast gleich gross wie der Tanganjikasee in Afrika, der zweittiefste See der Erde und die Nummer drei bei der Wassermenge. Der Lake Superior in Nordamerika, der grösste der bekannten drei Seen, besitzt die viertgrösste Wassermenge der Erde und ist der grösste Süsswassersee der Welt. Seine Fläche ist doppelt so gross wie die ganze Schweiz und vier Mal grösser als der Baikalsee. Er ist durchschnittlich 406 Meter tief.

Die Landwirtschaft verbraucht 70 Prozent des vom Menschen genutzten Süsswassers. Im Nahen Osten, in Afrika und Asien sind es gar zwischen 80 und 90 Prozent. Ein Grossteil wird allerdings künstlich bewässert. Die Industrialisierung der Landwirtschaft verbesserte zwar die Ernährungslage von Millionen von Menschen, doch die Bewässerungs- und Anbaumethoden führten zum Teil zu irreversiblen ökologischen Schäden.

Düngemittel, Pestizide, Rodungen, Bodenerosion, Versalzung und menschliche wie tierische Fäkalien schädigten die Anbauflächen. Der sogenannten «Grünen Revolution» der letzten 50 Jahre soll deshalb eine «Blaue Revolution» folgen. Damit ist eine Landwirtschaft gemeint, die mit der Natur sorgsamer umgeht, die erneuerbare Wasserressourcen effizienter nutzt, den wirtschaftlichen Gegebenheiten und sozialen Problemen Rechnung trägt und den rund 800 Millionen hungernden Menschen das Überleben sichert.

Ein Kilo Reis oder ein Kilo Weizen benötigen zwölf Mal weniger Wasser als ein Kilo Butter oder ein Kilo Rindfleisch. Im Grundsatz gilt: Für den Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel wird zehn Mal weniger Wasser benötigt als für die Produktion von Fleisch mit gleichem Nährwert.

Die Kornkammer im Mittleren Westen der USA ist gänzlich vom Wasser des Ogallala-Aquifers abhängig. Wird weiterhin in derart verschwenderischem Stil bewässert, versiegt das drittgrösste Grundwasserreservoir der Erde spätestens 2035.

Der Klimawandel lässt die Erde durch die Verdunstung zunehmend versalzen. Chemieunfälle und chemische Medikamente verseuchen und vergiften das Wasser, meist mit völlig unbekannten Folgen für Pflanzen, Tiere und Menschen.

Aber auch die Wasserkraft hat ihre Schattenseiten und ihren Preis: Massiv mehr Staudämme führen zu unglaublichen Umsiedlungen von Millionen von Menschen und überfluten Fauna und Flora. Das Potenzial an regionalen und lokalen Klein- und Kleinstwasserkraftanlagen dagegen wird noch viel zu wenig ausgeschöpft. (vazy)