Resilienz-Kalender 2020

16. Dezember: Sich verankern in Hoffungsbildern

Die Dogmatik-Professorin Eva-Maria Faber muss sich den Advent jeweils aktiv ruhiger gestalten: «Jedes Jahr ist es ein Effort, geplante Freiräume auch wirklich frei zu halten. Doch ich finde, es lohnt sich.»

Von vielen Adventsbräuchen habe ich mich im Laufe der Zeit verabschiedet, weil sie mir nicht hilfreich waren. Um ehrlich zu sein, gibt es unter den Advents- und Weihnachtsliedern manche, bei denen ich am liebsten Ohrenklappen hätte. Doch ich mag die Adventszeit.

Selbst wenn sich das Herbstsemester gegen Ende nochmals mit Arbeit aufbäumt, ab Mitte Dezember wird es für mich doch wirklich eine ruhigere Zeit als sonst. Ich suche Stille und verwurzele mich neu in dem, was mich trägt. Davor bangt mir manchmal, weil es auf andere Art auch anstrengend ist, aber dann, wenn es soweit ist, tut es einfach sehr gut. Was helfen die adventlich gestylten Oberflächen, wenn es nicht innerlich besonnen wird!

Trost und Hoffnung bei Jesaja

Jedes Jahr nehme ich mir Zeit für die Trostworte und Hoffnungsbilder des Jesaja. Sie nähren meine Beharrlichkeit für schwierige Situationen. Es muss eine grosse Hoffnung sein, die für die grossen Nöte und Bedrängnisse der Menschheit ausreicht. Ich lasse es zu, dass mir Müdigkeit und Enttäuschungen, manchmal auch das Grauen angesichts der verfahrenen Probleme unserer Welt (Kirche inklusive), ins Bewusstsein treten. Dafür dünnhäutig zu werden, ist ein Weg, mich damit nicht abzufinden. Der Advent macht mich zugleich entschiedener in meiner Ausschau nach Gottes Gegenwart. Ich lebe das Wagnis, an die göttliche Leidenschaft für uns Menschen zu glauben.

Das Buch Jesaja birgt viele Hoffnungsbilder

Ruhiger Advent?!

Wird es wirklich eine ruhigere Zeit als sonst? Jedes Jahr kommt auch etwas dazwischen. Jedes Jahr ist es ein Effort, geplante Freiräume auch wirklich frei zu halten. Manchmal kommt es mir so vor, als mehrten sich im Gegenteil kurz vor Weihnachten nochmals (nicht einmal sonderlich dringliche) Anfragen und Erwartungen. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich mich trauen werde zu sagen: Nein, ich kann das nicht mehr zusätzlich übernehmen, ich habe schon Advent.

Eva-Maria Faber ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur.

Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie in Chur | © zVg
16. Dezember 2020 | 00:00
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