Schweiz

Wurzeln und Flügel – was Kinder jetzt brauchen

Die Corona-Krise geht auch an Kindern nicht spurlos vorüber. Wie können Eltern ihre Kinder in diesen Tagen stärken und neue Formen des Miteinander in der Familie finden? Tipps dazu gibt Christian Cebulj* in seinem Gastbeitrag.

Die Situation einer Pandemie ist für uns alle neu und führt sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen zu Ängsten und Unsicherheiten. Wir müssen nun gemeinsam und in aller Offenheit lernen, wie wir damit umgehen. Das bedeutet viel Vertrauen, aber ebenso viel Vernunft und die nötige Aufklärung.

«Corona ist kein magisches böses Wesen.»

Dann ist Corona kein magisches böses Wesen, das wie ein Alien durch die Luft fliegt, sondern ein besiegbares Virus, auch wenn es gefährlich ist. Ich halte drei Dinge für wichtig, die Eltern in diesen Tagen beachten können, um ihren Kindern Ängste zu nehmen.

Sicherheit geben

Das Wichtigste ist jetzt, nicht in Panik zu verfallen, sondern ruhig zu bleiben und den Kindern Sicherheit zu vermitteln. Kinder müssen Vertrauen lernen und brauchen dazu einen Halt, den sie bei Mutter, Vater oder der nächsten vertrauten Bezugsperson suchen.

Leider müssen wir gerade jetzt zu den Grosseltern, die mit ihrer Lebens- und Glaubenserfahrung Orientierung geben könnten, Distanz halten, weil ihre Gesundheit besonders zerbrechlich und daher durch das Virus besonders gefährdet ist. Keine leichte Situation für beide Seiten, aber es gibt ja noch das gute alte Telefon.

Vorbild sein

Zweitens sollten Eltern selbst als Vorbild auftreten, Regeln einhalten und zum Beispiel keine Hamsterkäufe machen. Damit würden sie signalisieren, dass die Lebensmittel knapp und vielleicht schon morgen die Regale im Coop leer sind.

«WC-Papier muss nicht die ‹Hauptrolle› spielen.»

Wir sollten den Kindern vermitteln, dass die Lieferketten genügend Reserven haben, dass WC-Papier nicht überall die «Hauptrolle» spielen muss und dass man sich vor Corona schützen kann. Aber nicht, indem wir Schutzanzüge kaufen, sondern ganz vernünftig Abstands- und Hygieneregeln einhalten.

Nähe herstellen

Drittens sollten Eltern, solange niemand krank ist, Nähe in der Familie herstellen. In diesen Wochen arbeiten viele berufstätige Eltern im Home-Office, da ergibt sich öfter als sonst die Gelegenheit, miteinander verbindende Erfahrungen zu machen. Kleinere Kinder wollen die Welt sehen, hören, schmecken und spüren. Dafür braucht es gemeinsame Erlebnisse, denn so erfahren Kinder Verlässlichkeit und Vertrauen.

«Pausen einrichten in der ‹kleinen Welt› zuhause»

Wir sollten jetzt nicht den ganzen Tag am eigenen PC oder Smartphone verbringen, sondern Pausen einrichten. In unserer «kleinen Welt» zuhause gilt es, neue Formen des Miteinanders zu schaffen, solange die ‹grosse Welt› draussen nicht zugänglich ist. Gespräche beim Essen, beim Velo fahren oder bei einem Spaziergang in der Sonne stärken das Miteinander und schaffen Nähe.

Rituale stärken den Zusammenhalt

Rituale stärken die Familiengemeinschaft, indem sie Verbundenheit stiften und in Zeichen sichtbar machen. Das wird bei Tischritualen besonders deutlich, mit denen Familien ihre gemeinsamen Mahlzeiten gestalten. An keinem anderen Ort wird ein Mensch so stark sozialisiert wie am Tisch.

In Corona-Zeiten können Tischrituale als Chance genutzt werden, um die Familie zu stärken, Gemeinsamkeit herzustellen und Gott in den Alltag zu holen. Normalerweise finden viele Familien in unserer mobilen und schnelllebigen Fast-Food-Zeit höchstens einmal am Tag eine Zeit, in der Kinder und Eltern zusammen am Tisch sitzen.

«Nachbarn ins Tischgebet einbeziehen»

In Corona-Zeiten sehen wir uns öfter. Jetzt kann das zwangsläufige Miteinander zuhause neue Formen von Tischritualen zu Tage fördern, an die vorher niemand dachte: Vielleicht beziehen wir Verwandte und Nachbarn oder Betroffene aus den Fernseh-Nachrichten in unser Tischgebet ein und schaffen damit neue Formen der Solidarität und des Miteinanders. Durch Rituale in Familien kann der gemeinsame Glauben und das Vertrauen eine neue Qualität erhalten.

Mit Fotos die Familiengeschichte rekonstruieren

Eine wahre Fundgrube sind alte Fotos: In unserer Familie machen wir seit dem Aufkommen der digitalen Fotografie fast keine Papierfotos mehr. Vielleicht nehmen wir in Corona-Zeiten wieder einmal die alten Fotokisten zu Hand und erinnern uns an gemeinsam Erlebtes.

«Die lichtvollen Momente sind festgehalten.»

Ich bin sicher, dass auf dem Grossteil der Familienfotos die lichtvollen Momente festgehalten sind und weniger die Schattenseiten. Wie schön, wenn wir in einem Gebet Gott für das Geschenk der Familie danken oder eine Kerze anzünden, um die in unsere Mitte zu holen, die uns besonders fehlen.

Von Kindern lernen

Interessanterweise habe ich in den letzten Tagen meistens Erwachsene panischer erlebt als Kinder. Sie legen oft eine erstaunliche Ausgeglichenheit an den Tag. Das verwundert zunächst nicht, denn dass der Unterricht erst einmal über Wochen ausfällt, war für Kinder und Jugendliche, Corona hin oder her, erst einmal eine gute Nachricht und eine Art ungeplante Ferienphase.

«Ich verstehe, dass es die Kinder nervt.»

Irgendwie verstehe ich die Kinder auch, wenn es nervt, dass ständig und überall von Corona die Rede ist. Schön, wenn wir Erwachsene von der Gelassenheit unserer Kinder lernen können und unsere Nervosität für eine gewisse Zeit ruhen lassen.

Kindern brauchen Wurzeln und Flügel

Von Goethe stammt die berühmte pädagogische Einsicht, Kinder sollten von ihren Eltern vor allem zwei Dinge bekommen: Wurzeln und Flügel. Gerade in Bezug auf die religiöse Erziehung gilt auch die Fortsetzung dieses Zitats: Wenn sie klein sind, brauchen sie Wurzeln, wenn sie gross sind, brauchen sie Flügel. Vielleicht sind gerade Corona-Zeiten dazu geeignet, beides zu stärken und Gott für das Geschenk der Familie zu danken.

*Christian Cebulj ist Familienvater und Religionspädagoge. Er lehrt an der Theologischen Hochschule Chur Religionspädagogik und Katechetik.

Christian Cebulj | © zVg
1. April 2020 | 06:00
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