Schweiz

«Wir müssen physisch Abstand halten, nicht sozial»

Die Corona-Pandemie zeige die Verletzlichkeit der Welt, sagt der Basler Bischof Felix Gmür. Nun komme es darauf an, einander zu stützen. Dies gehe auch mit Abstand.

Raphael Rauch

Was macht die Corona-Pandemie mit Ihnen?

Felix Gmür: Mich schockiert die steigende Anzahl der Todesfälle: Wie schnell das alles geht. An manchen Orten in der Lombardei sterben die Menschen praktisch weg. Ich denke an die Toten und an die Hinterbliebenen. Sie konnten sich nicht einmal voneinander verabschieden.

Worauf kommt es nun an?

Gmür: Wir gehen auf Abstand, auch wenn ich den Begriff «social distancing» problematisch finde. Wir müssen physisch Abstand halten, nicht sozial. Es geht nun darum, einander zu stützen, füreinander da zu sein.

Wie kann die Kirche aus der Ferne nah sein?

Gmür: Im Gebet. Über das Telefon. Über soziale Medien.

Und Menschen ohne Smartphone?

«Das wissen die Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort am besten.»

Gmür: Wir können einen Brief schreiben oder Botschaften überbringen lassen. Das wissen die Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort am besten. Sie sind nah dran.

Wo sehen Sie den Platz der Kirche während der Corona-Krise?

Gmür: Die Kirche hat den Platz, den sie immer hat: Sie ist für die Menschen da. Sie ist erreichbar. Sie ist offen. Vereinzelt können Menschen in die Kirche gehen, um zu beten. Aber es gibt keine Treffen, wir halten physisch Abstand.

Was bedeutet für Sie der Satz: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.»

Gmür: Ganz viel Hoffnung. Wir sind jetzt im Geist versammelt. Und wir können uns auf den Moment freuen, wenn wir wieder zu zweit oder zu dritt da sind oder auch wieder einen öffentlichen Gottesdienst feiern können. Aber natürlich erleben viele Menschen gerade auch viel Leere. Es stellen sich Fragen, auf die wir keine Antworten haben. Die Corona-Krise zeigt, wie verletzlich die Welt und wir alle sind.

Wie verändert Corona Ihren Alltag?

Gmür: Normalerweise bin ich nie zuhause und immer unterwegs. Jetzt bin ich im Bischofshaus, das ist die grösste Änderung.

Erleben Sie zurzeit eher Entschleunigung oder Beschleunigung?

«Mehr Freizeit habe ich bislang nicht.»

Gmür: Beides. Veranstaltungen werden abgesagt, das entschleunigt. Aber Vieles läuft digital, da läuft alles sehr schnell. Mehr Freizeit habe ich bislang nicht.

Kerzen vor dem Fenster – ein Zeichen der Hoffnung. Foto: Vera Rüttimann

Nächsten Donnerstag wird wieder um 20 Uhr eine Kerze angezündet als Zeichen der Hoffnung.

Gmür: Dass wir füreinander beten, eine Kerze anzünden, zeigt: Ich bin nicht allein. Gott ist da. Alles, was die Menschen miteinander verbindet und alles, was die Gemeinschaft fördert, sollten wir unterstützen.

Zu den heissen Eisen in der Bischofskonferenz gehört der Erneuerungsprozess.

Gmür: Der Erneuerungsprozess bleibt ein Thema. Vor Ort können wir den Aufbruch der Christinnen und Christen gut sehen. Wir sehen, wo die Kirche überall lebt. Wie etwas von diesem Reich Gottes präsent ist in einer schwierigen Zeit. Mich berührt, was für gute Initiativen es gibt. Im Thurgau gibt es eine Pfarrei, die sagt: Die Kirche hört nicht auf zu beten. Und wer betet? Das Volk Gottes.

Relativiert Corona den Stellenwert der vom Priester gefeierten Eucharistie?

Gmür: Wir leben gerade in einer ausserordentlichen Zeit. Ich finde es nicht gut, eine normale Zeit gegen eine ausserordentliche Zeit in Konkurrenz zu setzen. Die Kirche hat oft Zeiten erlebt, in denen Menschen keine Eucharistie feiern konnten. Dankbar feiere ich als Bischof Eucharistie und bin so dem Volk Gottes ganz nahe und verbunden. Auch wenn es gerade eine andere Form der Verbundenheit ist als sonst.

Felix Gmür ist Bischof von Basel und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Zusammen mit der evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz ruft er zu einem «Zeichen der Verbundenheit, Gemeinschaft und Hoffnung» auf: donnerstags sollen um 20 Uhr «die Kerzen auf den Fenstersimsen entzündet» und die Menschen «zum gemeinsamen Gebet eingeladen» werden.

Letzten Donnerstagabend in Baden. Foto: Vera Rüttimann
Bischof Felix Gmür | © zVg Wey
22. März 2020 | 08:00
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