Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, im Jahr 2015.
Vatikan

«Wir Europäer sind Gäste der Lateinamerikaner»

Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn ist Mitglied der Redaktion, die das Schlussdokument zur Amazonas-Synode erarbeiten soll. Im Interview spricht er vom Umgangsstil der laufenden Bischofssynode und von den Nachwirkungen der Bischofsversammlungen in Medellin und Aparecida.

Roland Juchem

Herr Kardinal, vor einem Jahr haben Sie über die Jugendsynode gesagt, diese sei «die beste Synode», die Sie je erlebt haben. Was unterscheidet nun die Amazonas-Synode und ihren Stil von früheren?

Kardinal Christoph Schönborn: Sie ist vor allem eine ausgesprochen regionale Synode – mit allen Bischöfen von Amazonien, ebenso die sogenannten Hörer und Experten. Wir Europäer sind eine winzige Minderheit, Afrika, Asien mit je zwei Bischöfen präsent. Das heisst: Wir sind Gäste einer Regionalsynode, die aber weltkirchlichen Charakter hat, weil der Papst sie einberufen hat. Ähnlich, aber nicht wirklich vergleichbar war die Libanon-Synode 1995.

«Der Umgangsstil ist von grosser Freiheit geprägt.»

Gibt es einen neuen Umgangsstil?

Schönborn: Der Umgangsstil ist so, wie wir es in der Jugendsynode erlebt haben: von einer grossen Freiheit geprägt. Wer behauptet, hier bestünden Redebeschränkungen, der hat dies nicht erlebt.

Warum hat der Papst sie ins Redaktionskomitee berufen?

Schönborn: Überraschend ist, dass er mich überhaupt zu dieser Synode berufen hat. Gut – ich bin europäisches Mitglied im Synodenrat, der zwischen den Synodenversammlungen tagt. Vielleicht war das der Grund. Oder weil ich in den letzten vier Synoden manchmal vielleicht ein bisschen eine vermittelnde Rolle spielen konnte.

«Ich war überrascht über die Berufung ins Redaktionskomitee.»

Auf jeden Fall war ich überrascht über die Berufung ins Redaktionskomitee. Andererseits auch habe ich in meiner schon etwas langen Kirchengeschichte relativ viel mit Redaktion tun gehabt – etwa als Redaktionssekretär des Katechismus.

In den 1980er Jahren gab es eine grosse Begeisterung für die Theologie der Befreiung, die etwas abgeklungen ist. Wie nehmen Sie heute die Rezeption lateinamerikanischer Theologie und Kirche im deutschsprachigen Raum wahr? Versteht man die Lateinamerikaner tatsächlich?

Schönborn: Das ist schwer zu beantworten, weil nicht ganz klar ist: Was ist lateinamerikanische Theologie? Die sehr profilierten Vorgehensweisen der Theologie der Befreiung sind ja in dieser Form heute nicht mehr so präsent. Daher wäre ich etwas vorsichtig, von einer lateinamerikanischen Theologie zu sprechen.

«Die Nachwirkungen von Medellin und Aparecida sind spürbar.»

Was sicher prägt und zu spüren ist bei der Synode, sind die Nachwirkungen der lateinamerikanischen Bischofsversammlungen von Medellin 1968 bis Aparecida 2007. Diese letzte Versammlung ist sehr präsent, weil dort erstmals Amazonien, die Indigenen und die Ökologie richtig deutlich in den Blick der Kirche kamen. Das prägt diese Synode.

Werden die Themen und Anliegen dieser Synode im deutschsprachigen Raum angemessen wahrgenommen? Manche meinen ja, man picke sich hierzulande nur das aus den Themen, was der jeweils eigenen Agenda nützt.

Schönborn: Ich kann nicht sagen, wie die Rezeption im deutschsprachigen Raum ist, weil ich in den letzten Wochen nicht die Tageszeitungen und erst recht nicht die Blogs verfolgt habe, die sich dazu geäussert haben. Aber das Interesse scheint mir vergleichsweise gross zu sein. Wobei ich nicht weiss, was vorherrscht: das Interesse an den innerkirchlichen Organisationsfragen oder die ökologische Frage. Beide sind präsent; die ökologische Herausforderung hat sicher durch die Ereignisse der letzten Monate zugenommen. Aber die innerkirchlichen Themen scheinen mir in unserem Sprachraum mehr Gewicht zu haben. (cic)

Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, im Jahr 2015. | © KNA
19. Oktober 2019 | 12:00
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