William Paul Young
Schweiz

William Paul Young: «Der Papst wollte ein signiertes Buch von mir»

Der Roman «Die Hütte» hat William Paul Young für seine Kinder als Weihnachtsgeschenk geschrieben – inzwischen steht es bei Berühmtheiten im Regal. Ein Mönch bezeichnet es als das beste Buch über die Trinität. Wie er nach Missbrauch Heilung erfahren hat und wie er auf die aktuelle Situation in den USA blickt, verrät Young im Interview.

Jacqueline Straub

Wie hat sich durch das Schreiben Ihres Weltbestsellers «Die Hütte» Ihr Gottesbild verändert?

William Paul Young*: Mein Verständnis und mein Bild von Gott hatten sich schon stark verändert, bevor ich das Buch geschrieben habe. Von einem sehr harten, distanzierten, meist missbilligenden Gott hin zu einem Gott der Liebe. Zu einem Gott, dem ich tatsächlich vertrauen konnte. Dennoch ändert sich mein Gottesbild. Wir wachsen immer weiter, wir sehen immer tiefere Dinge. Durch das Leben, durch andere Menschen, durch Geschichten nehmen wir immer neue Aspekte des Wesens Gottes an. Und egal, wie weit man im Verständnis des Vaters, Sohnes oder Heiligen Geistes gekommen ist – es gibt immer noch mehr.

Die Charaktere «Papa», Jesus und der Heilige Geist werden von manchen durchaus kritisiert, da sie auf eine sehr ungewöhnliche Weise dargestellt werden. Was sagen Sie dazu?

Young: Die Schriften im Neuen Testament sind voller Metaphern. Und ich glaube, Metaphern öffnen Türen, die Logik und intellektuelles Studium nicht öffnen können. Es ist wie Kunst – zu schön für Worte. Sie dringt in die tiefen Bereiche unserer Seele ein, die Worte und Verstand eher verdecken. Selbst Gott als Vater ist eine Metapher. Also wollte ich Metaphern verwenden – Metaphern, die ein Stück weit sogar meinem eigenen Hintergrund widersprachen. Aber ich hatte ja gar nicht vor, dass das Buch veröffentlicht wird.

Bücher von William Paul Young
Bücher von William Paul Young

Welche Reaktionen haben Sie von katholischer Seite erhalten?

Young: Ich habe mit einigen Mönchen darüber gesprochen. Einmal kam ein Ordensbruder in einer Kathedrale auf mich zu und meinte: «Paul, ich studiere seit 50 Jahren die Dreifaltigkeit – und du hast das beste Buch darüber geschrieben.»

Was war seine Begründung?

Young: Weil ich nicht versucht habe, die Dreifaltigkeit zu erklären, denn das geht nicht. Sondern ich habe in einer Geschichte gezeigt, wie Beziehung aussieht. Und das verstehen die Menschen. «Die Hütte» ist kein religiöses Buch im engen Sinn, sondern ein menschliches Buch. Es will niemanden bekehren, sondern es beschreibt Leiden in der Welt und Gottes Gegenwart mitten darin.

«Am selben Tag habe ich auch ein Buch für Barbara Bush signiert.»

Haben Sie auch mit Bischöfen oder Kardinälen über Ihr Buch gesprochen?

Young: Kaum, aber ich bekam eine Nachricht vom Papst, mit der Bitte, ein Buch zu signieren. Am selben Tag habe ich auch ein Buch für einen grossen Filmstar signiert und für Barbara Bush, die Frau des Präsidenten.

Das Buch haben Sie eigentlich nur für Ihre Kinder und ein paar Freunde geschrieben und Ihnen zu Weihnachten geschenkt – nun steht es in Bücherregalen von grossen Persönlichkeiten.

Young: Ich habe das Buch autobiografisch geschrieben, auch wenn es Fiktion ist, und ich hatte nicht die Absicht, es der Welt zu geben. Es war von Beginn an meine Absicht, das Gottesbild zu erweitern. Ein schöner Nebeneffekt war, dass dadurch das Denken der Menschen durcheinandergebracht wurde – besonders meiner eigenen Leute, also der evangelikalen Fundamentalisten.

«Wenn Missbrauch lange stattgefunden hat, braucht Heilung ebenso lange.»

Sie haben einen multikulturellen Hintergrund, was sich in Ihrem Buch zeigt.

Young: Ich wollte, dass die Hauptfigur – die Person, die in Not ist – weiss und westlich ist. Und ich wollte, dass die Offenbarung über Gottes Wesen globaler ist, weil andere Kulturen viel dazu zu sagen haben. Deshalb eine schwarze Frau, eine asiatische Frau und ein Mann aus dem Nahen Osten – das ist einfach, denn Jesus ist im Grunde ein palästinensischer Flüchtling. Und wenn Papa-Gott einmal in männlicher Form erscheint, ist es ein indigener nordamerikanischer Stammesangehöriger. Diese Vielfalt erweitert den Horizont und spielt eine Rolle bei der Heilung der Hauptfigur. So empfinde ich es auch für mein eigenes Leben und für die Welt: Wenn wir Kulturen abwerten, verlieren wir die Gabe, die sie mitbringen, um unser Gottesbild zu erweitern.

Sie haben Missbrauch überlebt. Wie haben Sie Heilung gefunden?

Young: Langsam, schrittweise, schmerzhaft. Ich habe eine Therapie gemacht, aber auch die Gegenwart anderer Menschen – besonders meiner Ehefrau – in meinem Leben machte einen riesigen Unterschied. Das hat mir das Leben gerettet. Ich habe mich dem Erlebten gestellt und meine Identität nicht auf den Missbrauch aufgebaut. So konnte ich vergeben. Ich glaube rückblickend: Nur der Heilige Geist, der uns alle individuell kennt, weiss, wie er uns heilt, ohne uns weiter zu verletzen. Ich bin sehr dankbar für diesen Prozess – und das Timing. Wir wollen oft schnelle Lösungen. Wenn Missbrauch lange stattgefunden hat, braucht Heilung ebenso lange.

Heilige Dreifaltigkeit (ca. 1400) von Andrei Rublev
Heilige Dreifaltigkeit (ca. 1400) von Andrei Rublev

Im nächsten Jahr wird eine Fortsetzung Ihres Buches «Die Hütte» erscheinen. Was wird uns erwarten?

Young: Es gibt neue Figuren, aber auch die alten. Die grosse Frage lautet: Wenn man eine intensive Begegnung mit Gott hatte – ist dann alles gelöst? Die Antwort ist: Nein. Die Hauptcharaktere machen eine neue Reise, die grösser ist als nur eine persönliche Erfahrung mit Gott. Es geht darum, wie sich das auf die Welt, das eigene Leben und die Menschen, die man liebt, auswirkt. Ein zentrales Thema ist Vergebung und Erlösung.

Sind die Begegnungen mit Menschen, die Ihr Buch gelesen haben, ins neue Buch eingeflossen?

Young: Unbewusst sicherlich. Denn all das Gehörte hat mich geprägt. Ich habe Freundschaften nur, weil ich das Buch geschrieben habe. Und es ist ein Geschenk, auf dem heiligen Boden von anderen Lebensgeschichten zu stehen.

Donald Trump bei seiner Vereidigung am 20. Januar 2025: Er vergisst, die linke Hand auf die Bibel zu legen, die Melanie Trump hält.
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Sie haben etwa Freunde im Todestrakt eines Hochsicherheitsgefängnisses in Tennessee.

Young: Das hat mich tief geprägt. Einer der Gefangenen machte mir eine wunderschöne handgearbeitete Bibelhülle – wenige Wochen bevor er hingerichtet wurde. So entstand die Idee, denn in meinem ersten Buch gibt es einen Mörder. Wo landet er? Wahrscheinlich im Todestrakt. Das war der Anfang einer neuen Geschichte.

Sie kommen aus Kanada, leben aber in den USA. Wie blicken Sie momentan auf die politische Entwicklung? Was braucht Amerika?

Young: Amerika braucht Liebe. Vieles, was passiert, basiert auf Angst. Angst spaltet. Jeder denkt, dass er richtig und die andere Seite falsch liegt. Das ist nicht Gottes Reich. Gewalt, Spaltung, Härte verändern nichts – sie verschlimmern nur das Böse. Was wirklich verändert, ist Liebe, Güte. Wenn jemand dir freundlich begegnet und sich um dich kümmert, verändert dich das – ob du es willst oder nicht. Das ist wahre Macht. Gewalt heilt nichts. Die Medien verschärfen die Angst noch – und die Werbung dahinter verdient daran. Alles ist angstgetrieben. Hier in der Schweiz sagte jemand zu mir: «Wir fürchten, dass es in den USA einen Bürgerkrieg geben wird.» Aber das ist nur Zukunftsangst, eine Vorstellung, die im Moment nicht existiert.

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Angst erschafft weitere Angst.

Young: Genau. Und man erschafft damit eine Welt ohne Gott, ohne Liebe. Man übersieht all das Schöne und Hilfreiche, das ebenfalls passiert. Zum Beispiel nach einer Flut – wie Menschen zusammenkommen und helfen. Ich glaube, Gott wirkt in jedem Menschenherzen und bewegt uns in Richtung Ganzheit. Angstvorstellungen bringen uns nicht weiter. Was zählt, ist: den Menschen lieben, der direkt vor uns steht.

*William Paul Young ist ein kanadisch-US-amerikanischer Schriftsteller. Bekannt wurde er durch seinen Roman «Die Hütte», der weltweit ein Bestseller wurde und 23 Millionen Mal verkauft wurde. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach der Ermordung seiner Tochter eine tiefgreifende Begegnung mit Gott macht. William Paul Young wuchs in einer streng christlich-evangelikalen Missionarsfamilie auf und verbrachte seine Kindheit teils in Papua-Neuguinea.

Im kommenden Jahr wird er wieder in der Schweiz sein und eine mehrtägige Veranstaltung machen: «Ein Wochenende mit Paul Young» findet vom 18.-20. September 2026 in Sternenberg ZH statt. Informationen gibt es unter judithforgoston@gmail.com.


William Paul Young | © Jacqueline Straub
24. September 2025 | 12:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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