Der Petersplatz in Rom
International

Wieso es keine Friedensverhandlungen im Krieg gegen die Ukraine im Vatikan geben wird

Der russische Aussenminister Lawrow hat das Angebot von Papst Leo, den Vatikan als Ort für Friedensverhandlungen zur Verfügung zu stellen, abgelehnt. Die Gründe sind aufschlussreich und sagen einiges aus über das Verhältnis Russlands zur katholischen Kirche. Zudem hat die Ablehnung eine historische Dimension, die viel über die Unterschiede zwischen West und Ost an den Tag bringt.

Francesco Papagni

Der Vatikan bringt sich mit der Offerte, Rom als Ort für Friedensverhandlungen im Ukrainekrieg anzubieten, wieder als Vermittler ins Spiel. Die Ablehnung von russischer Seite war aber absehbar, und das hat historisch-politische Gründe.

Tete-à-tete: Der russische Staatspräsident Wladimir Putin und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I.
Tete-à-tete: Der russische Staatspräsident Wladimir Putin und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I.

Bekanntlich unterstützt das Moskauer Patriarchat Putins Regime vorbehaltlos, ja es liefert einen Teil des ideologischen Überbaus für den Anspruch der russischen Regierung, die wahren christlichen Werte gegen den dekadenten Westen zu vertreten. Auch von der Ukraine kamen skeptische Reaktionen, aber aus ganz anderen Motiven: Die Ukraine ist völlig desillusioniert, was den Friedenswillen Russlands angeht.

Moskau, das wahre Rom

In den letzten Jahren ist eine alte Idee revitalisiert worden, wonach Moskau das dritte Rom sei. Gemäss dieser Vorstellung wanderte das zivilisatorisch-imperiale Zentrum nach dem Verfall Roms in der Spätantike nach Konstantinopel.

Touristenmagnet: Roter Platz in Moskau mit der Basilius-Kathedrale.
Touristenmagnet: Roter Platz in Moskau mit der Basilius-Kathedrale.

Nach der Eroberung Ostroms durch die Osmanen im Jahr 1453 soll sich das imperiale Zentrum mit seinem Anspruch, auch kulturell der Nabel der Welt zu sein, auf Moskau übertragen haben. Die Idee des dritten Roms passt perfekt in die neoimperiale Strategie des heutigen Russland mit seiner militant antiwestlichen Haltung. Akzeptierte Putin den Vatikan als Ort für Verhandlungen, würde es Rom legitimieren – religiös wie auch politisch. Und würde damit dem eigenen Anspruch entgegenlaufen, das wahre Rom zu verkörpern.

Politische Theologie

Die Unterscheidung zwischen Politik und Religion, die für uns im Westen zur Selbstverständlichkeit geworden ist, kann so nicht auf den Osten übertragen werden. Kirche und Staat sind in der Welt der Orthodoxie zwar nicht eins aber doch eng verwoben.

Dafür gibt es den orthodoxen Begriff Symphonia, was sich mit Übereinstimmung oder Eintracht wiedergeben lässt. Das Moskauer Patriarchat ist beileibe kein Einzelfall: Auch das serbisch-orthodoxe Patriarchat stand in den Jugoslawienkriegen  bis zum bitteren Ende auf der Seite von Slobodan Milosevic, dem Präsident Serbiens und Kriegsverbrecher. Für die Orthodoxie ist Kritik an der Staatsführung kaum denkbar, das ist in ihrer politischen Theologie begründet.

Nizäa und die Folgen

Dass der Westen einen anderen Weg gegangen ist, hängt mit Entwicklungen im Mittelalter zusammen. Die Westkirche erkämpfte im Investiturstreit das alleinige Recht, Bischöfe einzusetzen und emanzipierte sich so von der politischen Herrschaft. Einen entsprechenden Vorgang hat es im Osten nie gegeben.

Kaiser Konstantin (Mitte) leitete das Konzil von Nizäa (325)
Kaiser Konstantin (Mitte) leitete das Konzil von Nizäa (325)

Hier wirkte die Weichenstellung von Nizäa ungebrochen nach. Wie der emeritierte Kirchenhistoriker Markus Ries jüngst in einem Vortrag in Luzern ausgeführt hat, fand im Konzil von Nizäa eine «Imperialisierung des Christentums» statt: Der Kaiser übernahm faktisch die Kontrolle über die Kirche. Die Situation zwischen Staat und Kirche in Russland kann als Fluchtpunkt einer Entwicklung verstanden werden, die im Jahr 325 in Nizäa begonnen hat.

Die zwei Lungenflügel der Christenheit

Die Päpste haben sich in den letzten Jahrzehnten konstant bemüht, das Verhältnis zur Orthodoxie zu verbessern. Von Papst Johannes Paul II. stammt das schöne Wort von den zwei Lungenflügeln der Christenheit. Im Jahr 2006 reiste dann Benedikt XVI. zum oekumenischen Patriarchen Bartholomaios I. nach Istanbul, ein Jahr später besuchte der Patriarch den Papst in Rom.

Johannes Paul II. sprach von der "gemeinsamen Wurzel" des Christentums und des Judentums. Das Bild zeigt das Kirchenoberhaupt 1984 in Genf.
Johannes Paul II. sprach von der "gemeinsamen Wurzel" des Christentums und des Judentums. Das Bild zeigt das Kirchenoberhaupt 1984 in Genf.

Mit dem Moskauer Patriarchat blieben die Beziehungen hingegen schwierig, obwohl es  Papst Franziskus 2016 gelang, Patriarch Kyrill in Havanna zu treffen. Allerdings war es nur eine kurze Begegnung am Flughafen. Sein Wunsch, nach Moskau zu reisen, blieb bekanntlich unerfüllt.

Oekumene trotz allem

Die römisch-katholische Kirche möchte die Oekumene zu den orthodoxen Schwesterkirchen nicht abreissen lassen.  Das jüngste Schreiben mit dem Titel «Der Bischof von Rom», 2024 von Kardinal Koch herausgegeben, ist nur das letzte in einer Reihe von Dokumenten, mit denen die katholische Kirche zum Dialog über die Ausübung des Papstamtes einlädt.

Barbara Hallensleben in Rom
Barbara Hallensleben in Rom

Und der Vatikan ist nicht allein in seinen Bemühungen. In der Schweiz ist es die Fribourger Professorin Barbara Hallensleben, die sich um das orthodox-katholische Gespräch verdient gemacht hat.  Sie hat dazu beigetragen, das in der orthodoxen Welt generell verbreitete Misstrauen gegenüber Rom abzubauen.  Papst Leo XIV wiederum hat Friedensdiplomatie betrieben, als er den Vatikan als Ort für Friedensgespräche ins Spiel gebracht hat. Die Ablehnung von Moskauer Seite war jedoch absehbar.

Anzeige ↓     Anzeige ↑

Der Petersplatz in Rom | © Annalena Müller
30. Mai 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!