Wie synodal ist die katholische Kirche der Schweiz?
Die Ortskirchen sind eingeladen, die Impulse der Weltsynode gezielt umzusetzen. In einer Umfrage schickten wir den Ordinariaten der sechs Schweizer Bistümer die Fragen: «Wie gingen Sie bisher mit dem Schlussdokument der Weltsynode um? Was ist diesbezüglich für die Zukunft geplant?»
Walter Ludin
Auf allen Ebenen soll die «Methode des Gesprächs im Geist» eingeführt werden, wie die Weltsynode es anregt. Dies betont die Pastoralverantwortliche des Bistums Basel in ihrer Antwort. So soll dies etwa in den diözesanen Räten, an Konferenzen von Leitungspersonen, an regionalen und diözesanen Vernetzungstreffen und in Weiterbildungen geschehen.
Veränderungen als Chance
Gemäss einer Medienmitteilung des Bistums werden auf diesem Wege zentrale Herausforderungen bearbeitet wie die Bereitschaft, Veränderungen als Chance zu erkennen; die Vielfalt unter den Gläubigen als bereichernde Diversität zu verstehen und und Finanzmittel gezielt auf gemeinsame Ziele auszurichten.
Im Übrigen wird für das Jahr 2027 eine synodale Versammlung geplant. Doch es gibt kritische Stimmen, die feststellen, diese sei nicht «synodal» zusammengesetzt. Vielmehr triffe sich die Bistumsleitung mit Vertretern und Vertreterinnen der Kantonalkirchen.
Die Antwort aus der Bischofsstadt Solothurn vergisst nicht zu erwähnen, dass das Bistum einen Erfahrungsbericht nach Rom geschickt hat über die Erfahrungen mit Frauen im kirchlichen Dienst. In der grössten Diözese der Schweiz stünden bereits seit 50 Jahren Frauen in der Kirche im Einsatz.
Genaues Zuhören
Die Leitung des Bistums St. Gallen zeigt sich erfreut, dass die Initiative von Papst Franziskus zu einem synodalen Prozess «Zukunft verheisst». Synodalität bedeute «Raum schaffen für die andern und das Andere». Geschätzt werde auch die dabei entwickelte Methode des «Gesprächs im Geist», zu dem wesentlich das Sich-Mitteilen und das genaue Zuhören gehört und ebenso immer wieder das Verharren in Stille.
Als erstes wurde diese Methode mit einer Gruppe Berufsanfängern und -Anfängerinnen eingeübt, sodann an Weiterbildungstagen mit den Pfarreiräten. In den kommenden Monaten soll unter anderem gezielt mit den Fachstellen und dem Pastoralforum synodal gearbeitet werden.
«Handreichung für eine synodalere Kirche»
Schon sehr früh zeigten die Verantwortlichen des Bistums Chur, wie ernst sie die Synodalität nehmen. Sie wollten «nicht erst nach Abschluss der Weltsynode 2023/24 mit dem synodaleren Handeln beginnen, sondern es bereits heute umsetzen, was möglich ist.»
So äusserte sich die Bistumsleitung bereits im Jahr 2023 gegenüber kath.ch, als sie die 15 Seiten umfassende «Handreichung für eine synodale Kirche» vorstellte. Der Text war das Ergebnis eines Austauschs der ganzen Diözese während zwei Jahren. Das in einem frischen, verständlichen Stil formulierte Dokument spiele auch eine wichtige Rolle, indem es zum umfassenden synodalen Handeln anrege. So heisst es in der Antwort zu unserer Umfrage.
«Eine gemeinsame Offenheit»
Die Handreichung beginnt mit der Wertschätzung der hier schon mehrfach erwähnten «Methode des Gesprächs im Geist». Der synodale Prozess setze «eine gemeinsame Offenheit für die Anregungen des Heiligen Geistes voraus». Weiter wird angeregt, die Zusammenarbeit mit Vereinen und Organisation zu suchen, die im Sinne von Papst Franziskus in seinen Schreiben «Laudato si» oder «Fratelli tutti» sich um soziale, ökologische, medizinische oder menschenrechtliche Belange kümmern.
Ein primäres Anliegen der Synodalität sei eine «Kirche als Netzwerk». Zudem wird eine verbesserte Kommunikation in einer klaren Sprache angestrebt. Und im Abschnitt über die Leitung der Kirche heisst es: «Synodalität verlangt, dass man gemeinsam auf dem Weg ist, einander zuhört, miteinander plant und handelt und gemeinsam zu Entscheiden gelangt.»
«Aufbrechen»
Die recht ausführliche Antwort aus dem Bistum Sitten konzentriert sich vor allem auf das deutschsprachige Oberwallis. Zu Beginn steht die Einsicht, der synodale Prozess fordere, dass alle kirchlichen Strukturen «im Dienste der Mission stehen sollten, wobei den Laien eine entscheidende Rolle zukommen sollte».
Schon einige Jahre vor der Synode habe hier das Oberwallis Pionierarbeit geleistet. Genannt wird die Initiative «üfbrächu/aufbrechen», die bereits 2017 in die Wege geleitet wurde. Es wurden einige bewusstseinsbildende Massnahmen beschlossen, so etwa die Aufwertung der Taufe. Das Kernteam kam dann zur Einsicht, dass auch Strukturreformen durchzuführen seien.
In der vorliegenden Antwort heisst es dazu: «Ohne überheblich sein zu wollen, kann ich sagen, dass wichtige Beschlüsse der Weltsynode im Bistum Sitten schon vor der Weltsynode umgesetzt wurden.» Wie es weitergehe, sei leider ungewiss. Denn es stehe noch nicht fest, wer Nachfolger für Bischof Jean-Marie Lovey werde und welche Akzente er setze.
«Gemeinschaft, Beteiligung, Mission»
Die Diözese Genf, Lausanne, Freiburg» stellt ihre Bemühungen um die Synodalität unter das Motto «Communion, participation, mission/Gemeinschaft, Beteiligung, Mission». Vor gut einem Jahr, im Februar 2025 kamen insgesamt 1200 Gläubige zu einer diözesanen Versammlung zusammen, die unter dem Leitthema «wagen wir den Wandel» stand.
Zurzeit sammelt eine Arbeitsgruppe die Vorschläge, die auf der Ebene der Pfarreien und Pastoralräume im Zusammenhang mit der Weltsynode erarbeitet wurden. Eine interaktive diözesane Plattforum entsteht, die verschiedene Projekte sammelt und neue anregt. Demnächst versammelt sich eine Arbeitsgruppe, um das weitere Vorgehen zu planen.
«Tägliche Praxis»
Ein Überblick über die synodalen Aktivitäten in der Diözese Lugano nennt in einem Bericht von catt.ch «das Klima des Dialogs und den Willen, die Talente jedes Einzelnen zur Geltung zu bringen. Hier hört die Synodalität auf, nur ein Schlagwort zu sein und sie zeigt sich als tägliche Praxis.» Dabei werde den Laien ein wachsender Raum der Mitverantwortung gegeben.
In einem Mail als Antwort auf unsere Umfrage verweist der Delegierte für die Pastoral des Bistums auf die internationale Zusammenarbeit. Es geht vor allem um ein Dokument der italienischen Bischofskonferenz, an dem sich die Kirche der italienischsprachigen Schweiz ausrichtet. Aufgrund dieses Papiers entstand im Tessin die «Skizze für die Umsetzungsphase der Synode 2025 – 2028». Im Juni 2027 wird sich eine «synodale Versammlung» damit auseinandersetzen.
Ergänzend zu den Vorhaben auf der Ebene der Diözesen soll hier noch hingewiesen werden auf die gesamtschweizerische Synodalkommission. Auf ihrer Website heisst es dazu: «Das neue Gremium der Schweizer Bischofskonferenz soll in einer auf fünf Jahre befristeten Erprobungsphase (2024-2029) Formen synodaler Entscheidungsfindung auf nationaler Ebene prüfen.»
Bilanz
Zusammenfassend können wir feststellen: Der synodale Prozess in der Schweiz ist, wie es in einer Antwort heisst, eine «Querschnittaufgabe». Er findet vor allem in den wichtigsten, bereits bestehenden Gremien und Arbeitsstellen statt.
«Es zeigt sich, dass wir uns in der Schweiz bewegen, aber auch, dass die Schweizer Diözesen noch viel zu zögerlich sind und Resultate auf sich warten lassen.»
Helena Jeppesen-Spuhler, die sehr engagiert und kompetent an den Sessionen der Weltsynode teilgenommen hat, kommentiert auf Anfrage das Ergebnis unserer Umfrage. «Es zeigt sich, dass wir uns in der Schweiz bewegen, aber auch, dass die Schweizer Diözesen noch viel zu zögerlich sind und Resultate auf sich warten lassen. Woran liegt das?»
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