Wie liest man die Bibel spirituell?
Eine spirituelle Lektüre erschliesst die Tiefe der heiligen Schrift. Im Zentrum für christliche Spiritualität in Zürich zeigte der Jesuit und Judaist Christian Rutishauser an der Geschichte von Simson und Delila, wie das geht.
Francesco Papagni
Die Geschichte von Simson und Delila aus dem Richterbuch ist kaum mehr bekannt, deswegen wissen wenige, dass die Erzählung Leonhard Cohens Hallelujah inspiriert hat:
«Dein Glaube war stark, doch du brauchtest einen Beweis / Du sahst sie baden auf dem Dach / Ihre Schönheit und das Mondlicht überwältigten dich / Sie fesselte dich an einen Küchenstuhl, / zertrümmerte deinen Thron und schnitt dir die Haare ab / Und deinen Lippen entlockte sie das Hallelujah.»
Ein besonderes Kind
Die Geschichte beginnt mit der Ankündigung von Simsons Geburt. Sie findet sich in Richter 13,1: «Und es war ein Mann aus Zora, aus der Sippe der Daniten, und sein Name war Manoach, und seine Frau war unfruchtbar und hatte nicht geboren.» Eine Standardsituation in der Bibel. Ein Gottesbote erscheint der Frau und verheisst ihr die Geburt eines Sohnes, verlangt von ihr aber auch, dass sie weder Wein noch Bier «noch irgendetwas Unreines» berührt. Die Erwähltheit des Sohnes strahlt auf sie aus – wie die Göttlichkeit Jesu Christi auf seine Mutter Maria.
Das Buch der Richter schöpft aus dem Leben und kommt nicht von ungefähr nach den fünf Büchern Mose und dem Buch Josua. Es gibt eine «Abnahme des Göttlichen», die erst mit den endzeitlichen Propheten eine Umkehrung erfahren wird. Die Frage lautet jetzt: Wie kann man Göttlichkeit im Alltag halten? Das Thema entwickelt sich auch in einer Dialektik zwischen der Mutter Simsons und ihrem Mann, der nicht versteht und ihr einfältige Fragen stellt, zum Beispiel. ob sie den Boten nach dem Namen gefragt hat. Erst am Schluss begreift Manoach. Seine Frau bleibt ungenannt. Rutishauser führt dies nicht auf das Patriarchat zurück, im Gegenteil: Sie ist klar die Protagonistin dieses Teils der Erzählung, sie wird nicht mit Namen genannt, wie der Götterbote nicht mit Namen genannt wird.
«Alle Engel sind schrecklich»
Die Geburt Simsons ist kein natürlicher, vielmehr ein geistiger Vorgang, der übliche Kausalzusammenhang ist ausgesetzt. Doch im Alten Testament, beziehungsweise in der jüdischen Bibel, wird «das Spirituelle nie von der Materie getrennt». Das zeigt sich an der Bedeutung der Haare, die im Falle von Simson nicht geschnitten werden dürfen. Haare stehen für Potenz, für Kraft. Menschen, die in sozialen Zusammenhängen leben, schneiden Haare und Nägel. Wer seinen Körper nicht pflegt, fällt aus der Gesellschaft, ist aber vielleicht in Gesellschaft mit Gott.
Die Frau nennt den Engel in Richter 13,6 «überaus furchterregend», das mag befremden. Aber Rutishauser erklärt, dass Gott und die Götterboten keine niedlichen Gestalten sind. Erst eine bestimmte christliche Entwicklung führte zu ihrer Banalisierung und Verharmlosung. Der Gott der Bibel ist hingegen furchterregend, weil er «nicht in menschlichen Kategorien zu fassen ist». Das gilt auch für seine Boten. Nicht umsonst schrieb Rainer Maria Rilke: «Alle Engel sind schrecklich».
Simson soll Richter sein, wobei Richter hier auch Anführer meint. Und das ist nötig, denn die Israeliten werden von den Philistern und von anderen Nachbarvölkern bedrängt. Simson hat also einen politischen Auftrag, verliebt sich aber ausgerechnet in eine schöne Philisterin. Die «Diskrepanz zwischen öffentlichem Auftrag und privaten Neigungen» wird schonungslos gezeigt: Simson wird als Rüpel gezeichnet, der sich selbst und seine Sexualität nicht im Griff hat. Er ist ein Trickster, wie Jakob, und doch waltet die göttliche Vorsehung in seinem Leben. «Das Göttliche», so Rutishauser, «ist nicht das Idealistische». Die jüdische Bibel zeigt eine «inkarnatorische Spiritualität», es geht um diese Welt. Weltflucht ist der israelitisch-jüdischen Tradition fremd.
Narr, Liebender, Opfer
Die Geschichte aus dem Richterbuch hat breit gewirkt. Schon die Eröffnungsszene mit dem Götterboten, der die Geburt ankündigt, stellt die Blaupause für die entsprechende Szene bei Lukas dar. Simson stirbt am Ende einen Opfertod, der im Christentum in Analogie mit dem Tod Jesu gelesen wurde. Andererseits hat Simson etwas von einem heiligen Narren, eine Figur, die besonders in der russisch-orthodoxen Tradition wirksam geworden ist. Nicht überraschend hat die Liebesgeschichte Hollywood zu mehreren Verfilmungen inspiriert. Die Vielschichtigkeit bleibt jedenfalls bestehen, und das trägt nicht wenig zur Faszination bei.
Das noch zu wenig bekannte Zentrum für christliche Spiritualität in Zürich bietet immer wieder Sternstunden. Der Abend mit Professor Christian Rutishauser bot eine solche Sternstunde. Zwar mag es interessant sein, historische und literaturkritische Fakten zum Richterbuch zu erfahren, aber die «Welt des Textes» (Paul Ricoeur) erschliesst sich damit noch nicht. Erst eine spirituelle Lektüre öffnet den Zugang.
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