Wie Kolumbus die Sonnenfinsternis strategisch einsetzte

Sonne und Mond werden im Christentum nicht mehr angebetet – wie in vorchristlichen Naturreligionen. Vielmehr ist es der Schöpfergott, der über die Gestirne bestimmt. Das führte zu deren Entzauberung und Nutzbarmachung – und zum Machtgewinn von Sternkundigen. Ein Blick zurück anlässlich der jüngsten partiellen Sonnenfinsternis.

Mariano Delgado*

Wir alle kennen die ersten Worte der Bibel: «Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: ‹Es werde Licht›. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht» (Gen 1,1–5).

Galaxie.
Galaxie.

Von Sonne und Mond ist noch keine Rede. Dafür bedurfte es in der dem biblischen Bericht zugrunde liegenden Weltanschauung noch des «Firmaments» oder «Himmels» Denn an ihm hingen die Himmelskörper wie Lampen an einem Gewölbe. Erst nach der Erschaffung des Himmels spricht Gott: «‹Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen. Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hinzuleuchten.› Und so geschah es. Gott machte die beiden grossen Lichter, das grosse zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.» (Gen 1,14–18).

Mythos und Entzauberung zugleich

Der biblische Text klingt für uns zwar wie ein Mythos, hat aber bereits eine entzaubernde Tendenz. Im Gegensatz zu denen, die Sonne, Mond und Sterne anbeteten, spricht die Bibel von einem Schöpfergott, von dem alles ausgeht. Wenn wir die «Lichter» des Tages und der Nacht betrachten, sollten wir daher an jenes Wesen denken, das über allem steht. Die Schöpfung als Zeichen oder Hinweis auf den Schöpfer zu betrachten, ist in der christlichen Tradition eine der Formen, sich mit ihm zu vereinen oder den Blick zu ihm zu erheben.

Das wusste die Hirtin Marcela im «Quijote» (Erster Teil, Kapitel XIV). Als der Ritter von der traurigen Gestalt das schöne Mädchen fragt, was sie allein mit ihren Ziegen in den Bergen tue, antwortet Marcela ihm: «die Schönheit des Himmels betrachten – Schritte, mit denen die Seele zu ihrer ursprünglichen Wohnstätte wandert». Ja, man kann Gott finden, wenn man die Schönheit des Himmels betrachtet, denn Gott ist in der Schöpfung. Aber diese ist nicht Gott, weder der Himmel noch das Meer, die Berge oder die Wüste – Orte, an denen wir uns ihm besonders nahe fühlen können.

Nützliche Himmelskörper

Der biblische Bericht entzaubert oder «entgöttlicht» die Himmelskörper nicht nur, sondern deutet auch auf ihren Nutzen hin, «als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre», das heisst, um einen Kalender zu erstellen.

Krippe: Drei Könige huldigen dem Jesuskind.
Krippe: Drei Könige huldigen dem Jesuskind.

So hatten diejenigen, die lernten, die Himmelskörper zu deuten – zuerst Astrologen und dann Astronomen –, Macht. Sie wurden sozusagen zur ersten Priesterkaste. Mesopotamien war die Wiege der Astronomie in unserer Kultur, und es ist kein Zufall, dass von dort die drei Weisen (also Astronomen oder Priester) kamen, um das Kind im Stall von Bethlehem zu verehren, indem sie einem Stern folgten.

Unterschiedliches Wissen der Indigenen

Auch die Priester der Maya und Azteken waren Astronomen, und zwar sehr gute. Der Maya-Kalender soll sogar genauer als der europäische gewesen sein. Ihre Pyramiden, die wir heute bewundern, waren unter anderem auch Orte zur Beobachtung des Himmels.

Doch das gilt nicht für alle Kulturen des präkolumbianischen Amerikas. Die Taínos, die Indigenen der Karibik, waren noch nicht so weit entwickelt. Sie wurden nicht von einer Priesterkaste aus Astronomen geleitet, sondern von Schamanen, die ihre Vorhersagen trafen und ihre Macht, so gut es ging, begründeten: mit rituellen Tänzen, durch die Beobachtung der Eingeweide kleiner Opfertiere oder indem sie Tabak durch die Nase rauchten und in Trance mit Visionen fielen.

Was jedoch für alle indianischen Kulturen zutraf, war, dass sie die «Himmelskörper» nicht entzaubert hatten und Sonne und Mond, ehrfürchtig und auch ängstlich, als etwas Göttliches betrachteten. Während die Mesoamerikaner mit ihrer recht weit entwickelten Astronomie Finsternisse vorhersagen konnten, war dies bei den Indigenen der Karibik nicht der Fall.

Kolumbus’ setzt Finsternis-Wissen ein

Deshalb konnte Kolumbus auf seiner vierten und letzten Reise sein Leben und das seiner Besatzung retten, als er seit Juni 1503 in einer Bucht von Jamaika Schutz vor Hurrikans suchte und gestrandet war. Mit der Zeit waren die Indianer es leid, die Spanier mit ihren Vorräten zu versorgen. Kolumbus hatte vor dem Auslaufen die vom deutschen Mathematiker Hans Müller, bekannt als Regiomontanus, erstellten astronomischen Tabellen konsultiert. Nun nutzte er sein Wissen, um sein Leben und das seiner Besatzung zu retten. In diesen Tabellen war das Datum einer totalen Mondfinsternis vermerkt, die in der Nacht vom 29. Februar 1504 stattfinden sollte.

Drei Tage vor dem Ereignis sandte Kolumbus einen Boten aus, um sich am Tag der Finsternis mit den Häuptlingen der Ureinwohner zu treffen. Dann sagte er ihnen Folgendes: «Wir sind Christen und Untertanen Gottes, des Schöpfers aller Dinge, der sich um die Guten kümmert und die Bösen bestraft. Gott ist sehr zornig auf euch, weil ihr uns keine Lebensmittel zur Verfügung stellt, und deshalb ist er bereit, euch mit Hunger und Krankheiten zu bestrafen. Und damit ihr seht, dass dies wahr ist, wird er euch ein Zeichen senden. Heute Nacht wird der Mond voller Zorn und blutrot aufgehen und sich vor euren Augen verdunkeln.»

Verängstigte Indigene

Die Indigenen misstrauten diesen Worten zunächst und gingen fort, doch nach einiger Zeit nahm der Vollmond eine rötliche Färbung an und begann sich zu verdunkeln. Sie wurden Zeugen einer totalen Mondfinsternis. Sie kehrten voller Angst zurück, beladen mit Lebensmitteln, und flehten Kolumbus an, ihnen zu helfen.

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Dieser zog sich unter dem Vorwand zurück, mit Gott sprechen zu wollen. Er wartete, bis die Finsternis ihren Höhepunkt erreicht hatte, und wandte sich nach ihrem Ende erneut an sie: «Ich habe Gott angefleht und für euch gebetet und ihm in eurem Namen versprochen, dass ihr von nun an brav sein und uns Proviant bringen werdet, und er hat euch vergeben. Als Zeichen seiner Vergebung wird der Mond seine blutrote Farbe verlieren und wieder seine normale Farbe annehmen.»

Kurz darauf gewann der Mond allmählich seinen üblichen Glanz zurück. Von diesem Tag an versorgten die Ureinwohner Kolumbus und seine Begleiter erneut mit Proviant, bis im Juni 1504 eine Karavelle aus Hispaniola eintraf, um sie zu retten.

Mystik der Sonnenfinsternis?

In der globalen Welt von heute ist so etwas nicht mehr möglich. Wissen ist zwar weiterhin Macht, aber die Finsternisse sind allgemein entzaubert worden. Denn das Wissen darüber zirkuliert frei im Netz. Und doch lassen wir uns von diesen Naturphänomenen, besonders wenn es sich wie neuerdings um totale Sonnenfinsternisse handelt, gerne verzaubern. Mancherorts war in der Luft so etwas wie eine «Mystik der Sonnenfinsternis» zu spüren. Ob viele dabei an die Worte der Hirtin Marcela gedacht haben?

*Mariano Delgado ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg (www.mariano-delgado.ch)


Christoph Kolumbus nutzt sein Wissen über Sonnenfinsternis, um Indigene zum Mitmachen zu zwingen. | © Camille Flammarion, Wikimedia Commons
5. September 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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