Schweiz

Wie antisemitisch ist QAnon?

Verschwörungstheorien haben in Corona-Zeiten Konjunktur. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund beobachtet bei manchen Corona-Skeptikern eine «grobe Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen». 

Raphael Rauch

QAnon ist eine Verschwörungstheorie. Es gab sie schon vor Corona, aber erst im Lockdown schwappte sie von den USA so richtig nach Europa rüber – auch in die Schweiz. Q steht für einen angeblich hochrangigen Mitarbeiter der US-Regierung, der geheimes Insider-Wissen teilt. Anon steht für «Anonymous».

Q verbreitet Verschwörungstheorien im Stile von: Hillary Clinton plant einen Putsch und betreibt einen Kinderhändlerring. Die sogenannten Anons, also die Anhänger von Q, spinnen die Theorien weiter – und berufen sich dabei auch auf antisemitische Motive. kath.ch hat bei Jonathan Kreutner nachgefragt, dem Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds.

SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner

Wie antisemitisch ist die QAnon-Bewegung?

Jonathan Kreutner: Die durch die QAnon-Bewegung verbreiteten Theorien sind nicht spezifisch antisemitisch. Sie sprechen jedoch von den «globalen Eliten» und sagen, diese seien «satanistisch» und würden das Blut von Kindern trinken: Das kann man durchaus als Codes für Juden und für die Ritualmordlegende ansehen. Es werden Politiker und Prominente wie Hillary Clinton, Barack Obama, Bill Gates und Tom Hanks stark als Drahtzieher genannt. Daran sieht man, dass nicht «die Juden» primäres Ziel dieser Theorien sind.

Im August versammelten sich Anti-Corona-Demonstrierende in Zürich.

Wie antisemitisch ist die QAnon-Bewegung in der Schweiz?

Kreutner: Die QAnon-Bewegung in der Schweiz vertritt im Grossen und Ganzen dieselben Theorien und Aussagen wie die Bewegung in den USA.

Plakate an der Demo gegen Corona-Schutzmassnahmen im August in Zürich

Auf der Zürcher Anti-Corona-Demo war ein Transparent zu sehen: früher Judenstern, heute Maske. Dazu der Satz von Hannah Arendt: «Niemand hat das Recht zu gehorchen.»

Kreutner: Es ist leider kein neues Phänomen: Personen, die sich eingeschränkt fühlen, ziehen den Vergleich zu Diktaturen und speziell zum Nationalsozialismus. Natürlich ist ein Vergleich des «Judensterns» mit der Schutzmaske völlig absurd und eine grobe Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen. 

Schweizer Flaggen waren zu sehen – aber auch eine schwarz-weiss-rote Reichsflagge. Wie bewerten Sie das?

Kreutner: Diese Flagge wird zwar gern von Rechtsextremen benutzt. Sie hat historisch gesehen aber keinen Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und ist weder in Deutschland noch in der Schweiz verboten. Die Flagge auf einer Demonstration in der Schweiz zu zeigen, macht jedoch nicht viel Sinn. Laut Veranstalter wollten sie damit ihre Solidarität mit den Demonstranten in Berlin ausdrücken.

Plakat an der Demo gegen Corona-Schutzmassnahmen im August in Zürich

Auf der Zürcher Demo war auch ein Transparent zu sehen, das die NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl zitiert: «Der grösste Schaden entsteht durch die schweigende Mehrheit, die nur überleben will, sich fügt und alles mitmacht.»

Kreutner: Auch hier wird wieder ein völlig absurder Vergleich von Corona-Massnahmen mit dem nationalsozialistischen Terror-Regime gezogen. Man versucht sich selbst auch zu erhöhen, in dem man sich auf eine Stufe mit bekannten Widerstandskämpfern stellt – wie die Geschwister Scholl oder Graf von Stauffenberg.

Im Gespräch mit kath.ch haben Demonstranten etwa vom Feindbild der jüdischen Bankiersfamilie «Rothschild» gesprochen. Steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle, die bei Ihnen gemeldet werden?

Kreutner: Wir haben in den letzten Monaten keinen signifikanten Anstieg an antisemitischen Vorfällen registriert. Natürlich gibt es auch bei den Schweizer «Corona-Rebellen» Personen, die hinter alledem «die Rothschilds», «die Zionisten» oder direkt «die Juden» sehen. Diese sind jedoch unseren Beobachtungen nach klar in der Minderheit.


«Q-Anon»-Anhänger gibt es auch in der Schweiz. | © Raphael Rauch
11. September 2020 | 08:18
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