Schwester Ariane Stocklin und Pfarrer Karl Wolf.
Schweiz

Weshalb Schwester Ariane sich nicht vor Randständigen fürchtet

Schwester Ariane Stocklin verteilt seit Jahren Essen an Bedürftige an der Zürcher Langstrasse. Und kommt so in engen Kontakt zu Prostituierten, Süchtigen, Obdachlosen und anderen Menschen am Rand der Gesellschaft. Das macht ihr nichts aus – aus sehr persönlichen Gründen.

Regula Pfeifer

Seit sieben Jahren verteilt Schwester Ariane Stocklin an der Zürcher Langstrasse Esswaren an Bedürftige. Oft gemeinsam mit dem römisch-katholischen Pfarrer Karl Wolf, der in den 1970er-Jahren mit Gassenarbeit im Frankfurter Rotlichtmilieu begann.

Viele Wanderarbeiter ohne Obdach

«Armut und Not haben sich verschärft», sagt Schwester Ariane gegenüber der NZZ. «Im Moment sehen wir sehr viele Wanderarbeiter aus dem Osten, aus Italien, Spanien und England, aber auch aus Nordafrika und Südamerika. Viele von ihnen haben keine Unterkunft und schlafen draussen.» Die Männer suchten eine Stelle – oft erfolglos angesichts ihrer Obdachlosigkeit.

Ein Obdachloser am Paradeplatz in Zürich (Schweiz)
Ein Obdachloser am Paradeplatz in Zürich (Schweiz)

Auch viele Geflüchtete stehen in der Schlange, um gratis Lebensmittel zu erhalten, sagt Karl Wolf. Sie lebten teilweise unter «miserablen Bedingungen». Etwa eine Frau, die allein mit drei Männern in einer Wohnung lebt – und ihren Aufdringlichkeiten ausgesetzt ist.

Viele junge Frauen im Sexmilieu

Und ausserdem habe «sehr viele neue, sehr viele junge Frauen», die ins Sexmilieu geraten sind, weiss Schwester Ariane. Sie könnten die hohen Rechnungen für ihr Zimmer nicht bezahlen, nähmen oft Drogen, Medikamente und Alkohol, um all dies auszuhalten. Diese Frauen seien teilweise traumatisiert. Im Milieu würden sie Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt – «bis sie innerlich so gespalten sind, dass man frei über sie verfügen kann», so Schwester Ariane.

Anstehen für Lebensmittel: Armutsbetroffene in Zürich, 2020
Anstehen für Lebensmittel: Armutsbetroffene in Zürich, 2020

Sie und Karl Wolf glauben nicht, dass die Frauen freiwillig in der Prostitution arbeiten. «Was da passiert, nenne ich wie viele Betroffene eine Entmenschlichung», sagt Wolf. «Wenn man es ernst meint mit ihrer Wahlfreiheit, müsste man ihnen zuerst eine echte Alternative bieten», sagt Schwester Ariane.

Armutsbetroffene Einheimische

Zur Essensausgabe des Vereins Incontro kommen auch Schweizerinnen und Schweizer. Etwa eine Frau mit Long Covid, die keine IV erhält oder eine alleinerziehende Mutter, die obdachlos geworden ist. Für die Helfenden ist klar: Diese Menschen brauchen Hilfe. Sonst würden sie nicht bei Hitze und Regen stundenlang in der Ausgabeschlange stehen.

Schwester Ariane kennt viele Leute, die zur Essensausgabe kommen. Und viele kennen sie. «Schwester» wird sie gerufen. Berührungsängste gegenüber diesen Menschen hat Schwester Ariane nicht. «Weil ich damit aufgewachsen bin», sagt sie.

Der Bruder und Bettler

Ariane Stocklin wuchs in der Zürcher Altstadt auf, in der damals die offene Drogenszene dominierte. Auch ihr Bruder landete auf der Gasse. «Ich habe meinen sechs Jahre älteren Bruder als Bettler erlebt», sagt Schwester Ariane. «Er kam damals zu mir, um mich um Lebensmittel zu bitten. Und doch war er immer einfach mein Bruder. So erlebe ich heute auch die Menschen auf der Gasse, als meine Brüder und Schwestern».

Die Drogenszene auf den Schienen am Lettensteg in Zürich 1993. Eine Missionarin der Nächstenliebe mit drogensüchtigen jungen Menschen.
Die Drogenszene auf den Schienen am Lettensteg in Zürich 1993. Eine Missionarin der Nächstenliebe mit drogensüchtigen jungen Menschen.

«Ich habe durch ihn schon als Kind einen natürlichen Zugang zu Leuten auf der Gasse gelernt. Die Beziehung zu meinem Bruder hat mir geholfen, sie nicht aus der Distanz und bloss oberflächlich zu betrachten. Dank ihm weiss ich, dass da immer eine Geschichte dahinter ist. Und dass es sich lohnt, sich mit ihr zu befassen.»

Der Bruder hat den Weg von der Gasse weg gefunden. «Er hat eine gute Familie», so Schwester Ariane. «Wir sprechen oft zusammen über meine Arbeit.»

Eine Art Food saving

Das Essen, das die Randständigen erhalten, stammt aus Restaurants, Bäckereien, Grossverteilern und vereinzelt aus dem Gourmet-Handel. Es ist eine Art Food-Saving. Die Firmen würden die Ware ansonsten vernichten. Auch Hygieneartikel verteilen die Freiwilligen des Vereins Incontro, den Schwester Ariane vor 23 Jahren gegründet hat.

Karl Wolf vor der roten Madonna an der Zürcher Langstrasse.
Karl Wolf vor der roten Madonna an der Zürcher Langstrasse.

Dasein als Mission

Ariane Stocklin und Karl Wolf sind zwar religiöse Amtsträger und Teil der römisch-katholischen Kirche. Trotzdem wollen sie nicht missionieren. «Wir missionieren nicht, wir predigen auch nicht auf der Langstrasse», sagt Schwester Ariane. «Unsere Mission ist eine andere: da zu sein für die Menschen – unabhängig von Religion und Weltanschauung.» Und Pfarrer Wolf fügt hinzu: «Einem anderen meine Wahrheit aufdrücken: Das wäre für mich ohnehin keine Mission, sondern Ideologie. Wenn schon bekehrt ein Mensch sich selbst, nicht ich ihn.»

Link zum Beitrag in der NZZ.

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Schwester Ariane Stocklin und Pfarrer Karl Wolf. | © zVg
13. August 2024 | 14:35
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