Nackte Nonnen in der Halfpipe
International

Wenn nackte Nonnen auf Rollschuhen durch die Halfpipe rasen

Unterdrückte Lust und bestrafte Sexualität von Nonnen: Diesem Sujet widmet sich die Oper «Sancta» von Florentina Holzinger. Uraufgeführt in Schwerin, jüngst in Wien und im Herbst in Stuttgart zu sehen, entwirft die österreichische Performance-Künstlerin ein Hardcore-Drama um weibliche Identität und Körper in religiösen Systemen und Riten. Kein Wunder, dass diese Show einige katholische Gemüter erregte.

Wolfgang Holz

Nackte Nonnen rasen auf Rollschuhen durch eine Skateboard-Halfpipe. Zwei ihrer Performerinnen haben auf einem neon-beleuchteten Kreuz aus Baugerüst Sex. Eine lässt sich gar ein Stück Fleisch aus dem Leib schneiden – in Nahaufnahme, um es dann auf den Grill zu legen und schliesslich zur Verköstigung freizugeben.

Performance-Choreografin Florentina Holzinger
Performance-Choreografin Florentina Holzinger

Die Choreografin selbst wird zum Klöppel einer Glocke. Nicht zuletzt gestaltet sie die Sixtinische Kapelle neu zur Kletterwand um, an der nackte Darstellerinnen wie Spinnen hoch kraxeln. Gott mutiert zum Roboter.

Nichts für sanfte Gemüter

Die Oper «Sancta» von Florentina Holzinger ist wahrlich nichts für sanfte Gemüter. Ausgehend von der 1922 uraufgeführten, einaktigen Oper «Sancta Susanna» des deutschen Komponisten Paul Hindemith entwickelt sie gemeinsam mit einem Ensemble von Opernsängerinnen, Sexarbeiterinnen und Body-Modification-Artists ein drastisches Drama um die lange unterdrückte und letztlich hart bestrafte sexuelle Lust einer Nonne: Eine musikalische und performative Reflexion über Körper und Sexualität, die sich gemeinsam mit dem Publikum am Ende zu einer heiligen Messe – einer Art feministischem Spektakel – stilisiert.

Nonnen und die verbotene Liebe in der Skandal-Oper "Sancta"
Nonnen und die verbotene Liebe in der Skandal-Oper "Sancta"

«Respektlose Persiflage»

Wobei die gefeierte österreichische Choreografin der radikalen Rollenumkehr huldigt «und es in ihrer Inszenierung der katholischen Kirche in Sachen 2000 Jahre Lustfeindlichkeit und Frauenunterdrückung heimzahlt», wie es der «Der Standard» sieht.

Holzingers «Sancta»-Aufführung im Rahmen der jüngsten Wiener Festwochen erregte die Gemüter in der katholischen Kirche: Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner und der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler bezeichneten die Produktion als «respektlose Persiflage».

Gewiss sei die Freiheit der Kunst als «wichtige Errungenschaft der Demokratie zu respektieren und zu verteidigen», sagte der Salzburger Erzbischof gegenüber «Kathpress». Eine solche Freiheit habe jedoch wie jede andere Freiheit auch Grenzen, wo sie «die religiösen Gefühle und Überzeugungen von Gläubigen empfindlich verletzt».

Szene aus der Performance-Oper "Sancta": Gott fungiert als Roboter
Szene aus der Performance-Oper "Sancta": Gott fungiert als Roboter

«Auftrumpfende Einfallslosigkeit»

Das sei bei «Sancta» der Fall, wo Lackner einen «äusserst bedauerlichen Mangel an Respekt» ortet. Dies sei umso schmerzlicher, so Lackner, «weil Kunst und Religion heute mehr denn je gefordert sind, im Kampf gegen Achtlosigkeit, Gier und Unrecht, als Gefährtinnen Seite an Seite für ein Leben in Menschenwürde zu kämpfen». Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück warf dem Stück dagegen eine «auftrumpfende Einfallslosigkeit» vor.

Spektakuläre Performance-Inszenierungen

Die katholisch aufgewachsene Florentina Holzinger ist bekannt für spektakuläre Performance-Inszenierungen. Ihr Stück «Ophelia’s Got Talent» (»Ophelia hat Talent») thematisierte Casting-Shows auf eine feministische Weise. Die 38-Jährige studierte Choreografie an der School for New Dance Development (SNDO) an der Amsterdamer Kunsthochschule (AHK).

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Ihre Diplom-Soloarbeit «Silk» (»Seide») wurde beim Festival «ImPulsTanz» 2012 mit dem Prix Jardin d’Europe ausgezeichnet. Ihr 2015 uraufgeführtes zweites Solowerk «Recovery» (»Erholung») ist eine experimentelle Betrachtung eines traumatischen Bühnenunfalls, den sie selbst erlitten hatte. 2020 präsentierte sie an den Münchner Kammerspielen erstmals das Werk «Étude for an Emergency», eine musikalische Komposition für zehn Körper und ein Auto.


Nackte Nonnen in der Halfpipe | © Nicole Marianna Wytyczak
3. Juli 2024 | 16:00
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