Mütter und ihre Babys sind von der Hungersnot im Gaza besonders betroffen.
International

Weltfrauentag und die katastrophale Situation der Palästinenserinnen: «Das muss ein Ende haben»

Heute ist Weltfrauentag. Besonders Palästinenserinnen im Gazastreifen leiden momentan schwer. Gemäss neuesten Zahlen sollen seit der militärischen Invasion Israels als Reaktion auf den Hamas-Terror mindestens 9’000 Palästinenserinnen getötet worden sein. Die WHO bezeichnet die humanitäre Situation im Gazastreifen als katastrophal. Kinder sind offiziell bereits an Hunger gestorben.

Wolfgang Holz

Die Zahlen muten unfassbar an. Die UN-Organisation für Frauen UNIFEM hat einen Bericht vorgelegt, wonach seit Beginn der Militäroffensive mindestens 9’000 Frauen im Gazastreifen getötet wurden. Die Zahl sei unvollständig, so UNIFEM. Unter den Trümmern werden weitere getötete Frauen und Mädchen vermutet.

63 Frauen täglich getötet

Täglich würden demnach durchschnittlich 63 Frauen getötet, darunter 37 Mütter, die ihre Kinder und Familien zurücklassen. Und nicht nur das.

Mehr als vier von fünf Frauen geben laut UNIFEM-Bericht an, dass ihre Familie nur noch die Hälfte oder weniger der Lebensmittel isst, die sie vor Kriegsbeginn zu sich genommen hat – wobei Mütter und erwachsene Frauen diejenigen seien, die mit der Beschaffung von Lebensmitteln betraut sind. Jedoch zuletzt weniger und am wenigsten essen als alle anderen.

Hilfslieferungen von Catholic Relief Services, der Partner Organisation von Caritas Schweiz, im Gazastreifen.
Hilfslieferungen von Catholic Relief Services, der Partner Organisation von Caritas Schweiz, im Gazastreifen.

Suche nach Lebensmitteln im Müll und unter Trümmern

Einige Frauen greifen inzwischen auf extreme Bewältigungsmechanismen zurück, wie etwa die Suche nach Lebensmitteln unter Trümmern oder in Müllcontainern. Wobei die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens (rund 2,3 Millionen Menschen) in den nächsten Wochen mit einer akuten Nahrungsmittelknappheit konfrontiert sein werde, so die UNIFEM.

Wie schlecht es den Menschen im Gaza-Streifen geht, insbesondere den Frauen und Kindern, darüber hat Christian Lindmeier jüngst in einem Interview im «Echo der Zeit» informiert. «Offiziell sind 15 Kinder bereits an Hunger gestorben», sagt der Pressesprecher der WHO, der World Health Organization, in Genf. Es gebe viel zu wenige Hilfslieferungen.

Christian Lindmeier, Sprecher der WHO in Genf
Christian Lindmeier, Sprecher der WHO in Genf

«Die unglaublich schockierende Zahl von 9000 getöteten Palästinenserinnen plus ihren Kindern zeigt, dass Frauen und Kinder zu den Hauptbetroffenen kriegerischer Handlungen gehören.»

Christian Lindmeier, WHO, Genf

Die Palästinenserinnen und Palästinenser müssten zumeist im Freien in Zelten ihr Dasein fristen. Rund ein Viertel der Bevölkerung, etwa 500’000 Menschen, sei akut am Hungern.

«Es gibt weder Wasser noch Essen. Leute trinken in der Not Salzwasser», sagt er. Es gebe kaum mehr eine medizinische Versorgung, nur noch acht von 36 Spitälern im Gaza-Streifen würden arbeiten, darunter oft nur noch wenige Abteilungen. «Es ist jeden Tag ein Kampf ums Überleben für die insgesamt 2,3 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner im Gazastreifen.»

Krieg in Nahost: Schwester Nabila kümmert sich um Notleidende
Krieg in Nahost: Schwester Nabila kümmert sich um Notleidende

«Die unglaublich schockierende Zahl von 9000 getöteten Palästinenserinnen plus ihren Kindern – etwa 40 Prozent der rund 30’000 gesamt getöteten palästinensischen Bevölkerung – zeigt, dass Frauen und Kinder zu den Hauptbetroffenen kriegerischer Handlungen gehören», so Lindmeier gegenüber kath.ch. Das sei auch auf israelischer Seite so. Lindmeier: «Dort sind 70 Prozent der 1200 Toten vom 7. Oktober Frauen und Kinder.»

Hilfe durch Caritas Schweiz

Die Caritas Schweiz in Luzern, die Menschen im Gazastreifen mitunterstützt, kann die katastrophale Versorgungslage ebenfalls bestätigen.

«Die herrschende Gewalt und das unermessliche Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen wie auch in Israel nach dem Überfall von bewaffneten Kämpfern der Hamas ist schockierend. Im Gazastreifen ist die humanitäre Situation in der Tat katastrophal, die Menschen benötigen weiterhin dringend Wasser, Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel», sagt Caritas-Mediensprecher Niels Jost gegenüber kath.ch.

Hilfslieferung von Caritas Jerusalem angekommen
Hilfslieferung von Caritas Jerusalem angekommen

Die Caritas Schweiz und die lokalen Partnerorganisation sind den humanitären Prinzipien von Unparteilichkeit und Unabhängigkeit verpflichtet. Im Zentrum des Hilfsengagements stünde in dieser humanitären Krise die leidtragende Zivilbevölkerung.

«Was uns die Menschen erzählen, ist haarsträubend. Viele Familien mussten mehrfach vor den Kämpfen flüchten, um in Sicherheit zu gelangen», berichtet Caritas-Sprecher Jost.

«Seit über fünfzig Tagen kein einziges Obst»

Eine Familie habe beispielsweise davon berichtet, dass sie seit über 50 Tagen kein einziges Obst oder Gemüse mehr gegessen, und eine Tochter zwei lebenswichtige Impfungen nicht erhalten habe. Eine Mutter sagte, wie Jost wiedergibt: «Wir leben in konstanter Ungewissheit, wann und wo die nächste Bombe einschlagen wird und ob wir zu unseren Familien zurückkehren können.» Ein Vater meinte: «Wir versuchen, vor unseren Kindern stark zu sein. Aber manchmal geht das nicht mehr. Manchmal muss ich einfach losweinen. Ich fühle mich machtlos.»

«Bisher konnten wir die Menschen mit Zelten, Decken, Matratzen und Lebensmittelpaketen unterstützen.»

Niels Jost, Caritas Schweiz, Luzern

Die Caritas Schweiz sammelt Spenden für die Zivilbevölkerung in Gaza und engagiert sich vor Ort mit ihrer Partnerorganisation CRS, die seit Jahrzehnten im Gazastreifen tätig ist und sich auch unter den aktuell verschärften Umständen so gut wie möglich für die notleidenden Menschen einsetzt.

Priester bringt kranker Frau die Kommunion.
Priester bringt kranker Frau die Kommunion.

«Unsere Hilfeleistung ist nicht ausschliesslich an Frauen ausgerichtet», sagt Niels Jost. Selbstverständlich unterstütze man aber auch Frauen und Mädchen. «Bisher konnten wir die Menschen mit Zelten, Decken, Matratzen und Lebensmittelpaketen unterstützen. Zudem helfen wir mit kleineren Bargeldbeiträgen, damit sie die Menschen das kaufen können, was sie aktuell am dringendsten benötigen.»

Ein weiterer Fokus werde auf die psychologische erste Hilfe gelegt werden, um bei der Bewältigung von Traumata Unterstützung zu bieten. Doch zurück zum Leid der palästinensischen Frauen.

Gebärende in Gefahr: Kaiserschnitt ohne Narkose

Auch die SP Frauen Schweiz weisen auf die Verstösse gegen das Völkerrecht im Gaza-Krieg hin. Was explizit die Palästinenserinnen im Gaza angeht, verurteilen die SP Frauen Schweiz: Gebärende Frauen seien in Lebensgefahr.

Schwangere könnten nicht medizinisch versorgt werden, die Menstruationshygiene ist nicht gewährleistet. Internationale Organisationen würden von Frauen berichten, die bereits im zehnten Monat schwanger seien und von solchen, die ohne Narkose per Kaiserschnitt entbunden werden.

Bombardierte katholische Schule in Gaza.
Bombardierte katholische Schule in Gaza.

Schon vor ein paar Wochen machte Sima Sami Bahous, Direktorin der UN-Frauenorganisation, darauf aufmerksam. Pro Tag brächten 180 Frauen im Gazastreifen ein Kind zur Welt – ohne Wasser, ohne Schmerzmittel, ohne Anästhesie für einen Kaiserschnitt, ohne Strom für Inkubatoren und ohne anderes medizinisches Material.

Muttermilch sättigt nicht mehr

«Und trotzdem kümmern sie sich weiter um ihre Kinder, die Kranken, die Älteren, sie bereiten Babymilch mit verseuchtem Wasser zu, essen selbst nichts, damit ihre Kinder einen weiteren Tag überleben. Mit grossen Risiken in völlig überfüllten Lagern. Sie sind ihres Lebens beraubt, ihrer Sicherheit und ihrer Würde,» sagt sie gegenüber tagesschau.de. Besonders tragisch: Aufgrund der schlechten Lebensmittelsituation sättigt die Muttermilch auch die Babys kaum mehr.  

«Unsere Gedanken gelten allen israelischen und palästinensischen Opfern der Gewalt.»

Elisabeth Fannin, Unia

«Wir haben im Rahmen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes SGB bereits im Dezember 2023 unsere Solidarität und auch Erschütterung im Rahmen einer Resolution formuliert. Unsere Gedanken gelten allen israelischen und palästinensischen Opfern der Gewalt», sagt Elisabeth Fannin von der Gewerkschaft Unia gegenüber kath.ch.

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«Muss ein Ende haben»

Die Reaktion der israelischen Regierung und der Armee verschärfe laut SGB die humanitäre Lage im Gazastreifen immer weiter. «Die palästinensische Zivilbevölkerung, die bereits seit Jahren unter der brutalen Diktatur des Hamas-Regimes und der inakzeptablen Blockade durch Israel lebt, ist nun andauernden israelischen Bombardements ausgesetzt und leidet unter medizinischer Not und einer humanitären Katastrophe. Das muss ein Ende haben.» 


Mütter und ihre Babys sind von der Hungersnot im Gaza besonders betroffen. | © tagesschau.de
8. März 2024 | 17:00
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