Schweiz

«Was heute die christlichen Kirchen miteinander verbindet, ist schon sehr viel»

Bern, 24.6.17 (kath.ch) Die Feier «500 Jahre Reformation» des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) am vergangenen Sonntag in Bern stand stark im Zeichen der Ökumene. Auch der Schweizer Kardinal Kurt Koch nahm an dem Anlass teil. Im Gespräch mit kath.ch zeigt er auf, dass trotz aller Unterschiede das Verbindende der Konfessionen viel stärker zu betonen ist. Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Interviews, das kath.ch am 22. Juni publizierte.

Martin Spilker

Vor 500 Jahren fand die Reformation statt, die auch sehr gewalttätige Folgen hatte. Heute ist dies ein Anlass zur Feier. Was gibt es daran überhaupt zu feiern?

Kurt Koch: Da gibt es zwei Dinge klar zu unterscheiden: Durch die Reformation ist es zu Spaltungen und anschliessend zu grausamen Kriegen gekommen. Dies kann man gewiss nicht feiern. Auf der anderen Seite blicken wir auf fünfzig Jahre des ökumenischen Dialogs zurück, der gezeigt hat, dass der Bruch nicht bis ins Fundament des Glaubens ging. Wir haben erkannt, dass uns mehr eint als uns trennt. Dafür dürfen wir dankbar sein.

Sie sagen, der Bruch ging nicht in die Tiefe. Von aussen schaut das anders aus.

Koch: Im Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils werden die Gemeinsamkeiten betont: Die christlichen Kirchen verbindet der Glaube an den Dreieinen Gott und die gegenseitige Anerkennung der Taufe. Diese Grundlage ist wesentlich bedeutender als die Differenzen.

In der Schweiz muss eigentlich von vielen unterschiedlichen Reformationen gesprochen werden. Ist das heute noch von Bedeutung?

Koch: Die Inhalte der Reformation und die reformatorischen Kirchen sind sehr unterschiedlich, nicht nur in der Schweiz. Die Kirchen in Nordeuropa oder Grossbritannien unterscheiden sich stark von den reformierten Kirchen hier. Aber in der Schweiz hat die Reformation mit Zwingli in Zürich und Calvin in Genf tatsächlich ein sehr besonderes Gesicht erhalten.

Macht das die Arbeit in der Ökumene schwieriger?

Koch: Es kommt darauf an, welches der Partner ist! Ich bin dankbar dafür, dass die verschiedenen reformierten Kirchen in der Schweiz im Präsidenten des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes eine profilierte Ansprechperson haben. Eine solche Stimme ist für den ökumenischen Dialog wichtig.

Wird es in der Ökumene bei der heutigen gegenseitigen Akzeptanz bleiben oder ist eine Wiedervereinigung denkbar?

Koch: Im Johannesevangelium betet Jesus, dass alle Jünger eins sein sollen. Die Einheit, die Jesus wünscht, haben wir sicher noch nicht erreicht. Doch was heute die christlichen Kirchen miteinander verbindet, ist schon sehr viel. Auf diesem Weg müssen wir vorangehen.

Ist das für Sie als «Ökumeneminister» des Vatikans nicht frustrierend?

Koch:  Für meine ökumenische Arbeit habe ich Moses als Patron gewählt: Er führte die Israeliten an, konnte selber aber nicht ins Gelobte Land einziehen. Genauso ist es für mich wichtig, den Weg der Christen auf die Einheit hin zu begleiten, auch wenn ich das Ziel nicht mehr erleben werde.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein Ideal für die Ökumene heute?

Koch: Die Aufgabe ist, sich immer näherkommen, indem wir Christus näherkommen. Dabei ist es wichtig, dass alle Christen den Weg miteinander gehen und zusammenarbeiten wollen. Besonders wichtig ist dabei, dass alle Christen in den verschiedenen Kirchen gemeinsam Zeugnis von ihrem Glauben geben. Auf diesem Weg wird sichtbar und wird vertieft, was uns miteinander verbindet.


Kardinal Kurt Koch | © Vera Rüttimann
24. Juni 2017 | 11:12
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Der «Ökumeneminister»

Der Luzerner Kurt Koch ist im Vatikan Vorsteher des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen und wird gern als «Ökumeneminister» des Papstes bezeichnet. Koch war vor seiner Berufung in den Vatikan von 1996 bis 2010 Bischof von Basel. Vor seiner Wahl zum Bischof war Koch von 1989 bis 1995 Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern und unterrichtete am Katechetischen Institut ökumenische Theologie. (ms)