Die Kirche St. Hilarius in Näfels
Story der Woche

«Warum?»: Vom tragischen Suizid des Sakristans in Näfels

Die Pfarrei St. Hilarius in Näfels GL hat wegen internen Streits keinen Kirchenrat mehr. Auch der Pfarrer demissionierte. Der Konflikt wurde zudem überschattet durch den Suizid des damaligen Sakristans. Dieser fühlte sich persönlich genötigt und gegängelt – wie er in einem Beschwerdebrief an den Generalvikar Luis Varandas schrieb. Vier Wochen später nahm er sich das Leben.

Wolfgang Holz

«Ich bin seit Juli 2016 Sakristan in der Pfarrkirche St. Hilarius in Näfels. Ich möchte hervorheben, dass wir mit dem Vorsitzenden, Herrn Pfarrer Stanislav Weglarzy, ein gutes, harmonisch eingespieltes Pfarreiteam sind. Wir haben mit Herrn Pfarrer Weglarzy einen uns Angestellten gegenüber sehr loyalen, kollegialen Vorgesetzten und ausgezeichneten Pfarreileiter. (…) Von Herrn Pfarrer Weglarzy werde ich als Person wie auch meine Arbeit sehr geschätzt.»

So beginnt der Sakristan* am 18. September 2023 seinen dreiseitigen Beschwerdebrief an Luis Varandas, den Generalvikar für die Bistumsregion Zürich/Glarus. In diesem Schreiben, das kath.ch vorliegt, schildert der 45-Jährige, wie die Stimmung kippte als der neu gewählte, amtierende Kirchenrat sein Amt am 1. Juli 2022 angetreten ist. Er habe sich vom Kirchgemeindepräsidenten Martin Laupper regelmässig gegängelt und genötigt fühlte, schreibt er.

Pfarrer Stanislav Weglarzy von Näfels-Mollis hat gekündigt.
Pfarrer Stanislav Weglarzy von Näfels-Mollis hat gekündigt.

Immer wieder habe er in dessen Büro erscheinen müssen, so der Sakristan, und sollte sich mit «Dingen befassen, die weder in meinem Aufgabenbereich noch in meinem Pflichtenheft stehen. Mir wurden Aufträge erteilt, wohlverstanden ohne Rücksprache mit meinem direkten Vorgesetzten, Herrn Weglarzy, die gar nicht in den Kompetenzbereich des Kirchgemeindepräsidenten fallen.» Im Februar 2023 habe er sich erstmals gewehrt: «Bin ich als diplomierter Sakristan nur ein Laufbursche des Kirchenrats, ein Mädchen für alles?»

Medizinische Behandlung

Doch die Situation schien sich aus der Sicht des Sakristans nicht zu bessern. «Wegen all dieser Vorfälle bin ich nun in medizinischer und psychiatrischer Betreuung», teilt der Sakristan dem Generalvikar mit. Er forderte diesen in seinem Beschwerdebrief auf, «sich dieser Sache persönlich anzunehmen». Eine sofortige Aufarbeitung sei nötig.

«Er ist krank gemacht geworden.»

Familienangehörige des Sakristans

«Der Generalvikar hat keine Reaktion und keine Hilfeleistung auf den Brief gezeigt, es gab kein Gespräch mit ihm», versichert eine Familienangehörige des verstorbenen Sakristans im Rahmen eines persönlichen Gesprächs mit kath.ch.

Der Sakristan, das jüngste Kind in der Familie, habe aufgrund seiner beruflichen Probleme einfach nicht mehr schlafen können. «Er war zuvor nie in psychiatrischer Behandlung. Er ist krank gemacht worden.»

Katholische Kirche Näfels
Katholische Kirche Näfels

Der 45-Jährige, eigentlich gelernter Koch, habe sich während seiner sieben Jahre als Sakristan in der St. Hilarius-Kirchengemeinde stets sehr wohl gefühlt. «Die Pfarrei in Näfels war seine Heimat und zugleich seine Familie», erklärt die Familienangehörige. Das sei vermutlich auch der Grund gewesen, warum er sich nicht einfach woandershin als Sakristan beworben habe. «Vor allem hat er sich eben mit Pfarrer Stanislav Weglarzy sehr gut verstanden und diesen sehr geschätzt.»

Am 16. Oktober 2023, am Ende seiner einwöchigen Ferien, hat sich der 45-Jährige das Leben genommen. «Zuvor war er noch zu Hause bei seiner Mutter. Was danach vorgefallen ist, wissen wir nicht. Ein Polizist meinte, der Suizid sei eine Kurzschlusshandlung gewesen», berichtet die Familienangehörige.

«Kirche war seine Passion»

«Er hat immer viel gelesen, fotografiert und Videos gedreht, um sie auf YouTube zu stellen», erzählt sie weiter. Er habe auch eine riesige Bibliothek besessen. Der Kirche sei er immer nahegestanden und früher gerne Ministrant gewesen. Für die Kirchgemeinde Näfels habe der beliebte Sakristan Führungen durch die barocke Kirche organisiert. Mit der Pfarrei sei er auch auf Reisen gegangen – etwa nach Israel. «Gerne schmückte er die Kirche immer schön mit vielen Kerzen. Die Kirche war seine Passion.»

Kerzen für den Frieden in der Ukraine in der Pfarrkirche Näfels GL. Unfrieden herrschte in der Kirchgemeinde selbst nach dem Rücktritt des Kirchenrats.
Kerzen für den Frieden in der Ukraine in der Pfarrkirche Näfels GL. Unfrieden herrschte in der Kirchgemeinde selbst nach dem Rücktritt des Kirchenrats.

Der bei den katholischen Gläubigen in Näfels beliebte Pfarrer Weglarzy würdigte den verstorbenen Sakristan in der Todesanzeige als einen «äusserst pflichtbewussten, loyalen und hoch geschätzten Mitarbeiter.»

Brief an Bischof Bonnemain

Ist der Sakristan – wie andere Pfarreimitglieder auch – womöglich zu einem tragischen «Stellvertreter-Opfer» in dem monatelang schwelenden Konflikt und Kompetenzstreit zwischen Pfarrer und Kirchenrat geworden? Besagte Familienangehörige richtete jedenfalls am 13. November 2023 einen persönlichen Brief an den Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain – und fragte nach dem «Warum?»

Bischof Joseph Maria Bonnemain
Bischof Joseph Maria Bonnemain

In dem dreiseitigen Schreiben an Bischof Bonnemain und an den Generalvikar, das kath.ch vorliegt, kreidet die Familienangehörige die Missstände in der Kirchgemeinde Näfels an und fragt nach, warum die Probleme des Sakristans ignoriert und warum ihm keine Hilfe angeboten wurde.

Persönliches Beileid

«Herr Bischof, Sie sind Seelsorger und plädierten in den Medien gegen Machtmissbrauch und dass Sie sich für die schwächeren Menschen einsetzen wollen. Sollte das nicht auch in diesem Todesfalle gelten?», ist in dem Brief zu lesen. Und: «Warum soll ausgerechnet der Mensch, der den Sakristan in seiner schwierigen Mobbingsituation wohlwollend unterstützte, bestraft werden – ebenso wie die Kirchgänger von Näfels?» Gemeint ist damit Pfarrer Stanislav Weglarzy, der inzwischen demissionierte. Demissionieren musste.

Bischof Bonnemain drückte in seinem empathischen Antwortbrief vom 23. November 2023 – der kath.ch ebenfalls vorliegt – sein persönliches Beileid aus. «Dieser tragische Tod des mit Leib und Seele tätigen Sakristans von Näfels erschüttert auch mich zutiefst.»

Bischof bemüht sich um Lösung

Was die Lage in der Pfarrei Näfels anbelangt, schreibt der Churer Bischof weiter, «ist diese mir auch ein Herzensanliegen. Ich darf Ihnen versichern, dass sich der Bischofsrat in der gegenwärtigen Situation zusammen mit mir um eine tragfähige Lösung bemüht, welche dem Pfarreileben, der Eintracht und einer fruchtbringenden Pastoral dient.»

Der Generalvikar, an den der Beschwerdebrief des Sakristans gerichtet war, teilt per Informationsbeauftragten Thomas Boutellier gegenüber kath.ch schriftlich mit: «Wir äussern uns nicht zum tragischen Suizid des Sakristans. Das wäre weder gegenüber dem Toten noch der Familie anständig.»

*Der Name des Sakristans ist der Redaktion bekannt. Die Redaktion von kath.ch spricht den Familienangehörigen im Nachhinein ihr Beileid aus.

Das sagt der frühere Kirchgemeindepräsident

«Ich werde öffentlich keine Beurteilung des Suizids des Sakristans vornehmen», sagt der zurückgetretene Kirchgemeindepräsident Martin Laupper auf Anfrage von kath.ch. «Einzig, dass wir nach seinem Tod und nach dem kollektiven Rücktritt des Kirchenrats erfahren haben, dass der Sakristan öffentlich die Absicht äusserte, den Kirchenrat – oder Teile davon – zu liquidieren.»

Das Pfarreiamt habe offensichtlich über diese Information verfügt, und habe weder den Kirchenrat entsprechend in Kenntnis gesetzt, noch eine andere adäquate Massnahme eingeleitet, so Martin Laupper. «Der Kirchenrat war in Unkenntnis dieser Situation und wurde auch vom bedauernswerten Suizid völlig überrascht.» Dass der Sakristan sich überlegt habe, «gewaltig»** gegenüber dem Kirchenrat zu werden, habe er in seinem Brief an den Generalvikar festgehalten.

Zu den Vorwürfen des Sakristans in dem Beschwerdebrief sagt Martin Laupper nichts.

Martin Laupper, zurückgetretener Kirchenratspräsident in Glarus
Martin Laupper, zurückgetretener Kirchenratspräsident in Glarus

Der Tod des Sakristans steht laut Laupper in keinem relevanten Zusammenhang mit dem kollektiven Rücktritt des Kirchenrats.

Der Kirchenrat habe bereits in seinem Schreiben vom 8. Mai 2023 an Generalvikar Luis Varandas festgehalten: «Der Kirchenrat kann unter den zurzeit herrschenden Verhältnissen in der Kirchgemeinde diese nicht nach den Vorstellungen der dualen Verantwortlichkeit führen und ist deshalb auch nicht in der Lage, die herrschende Unruhe zu befrieden. Er hat sich entschieden, das Behördenmandat kollektiv niederzulegen, wenn nicht seitens der kirchlichen Vorgesetzten das Verhalten der Pfarreileitung in den nächsten Wochen korrigiert werden kann.»

**Besagte Stelle im Brief des Sakristans an den Generalvikar zum Kirchenrat lautet wörtlich: «Seit den in den letzten Monaten geschehenen Ereignissen bin ich völlig fertig mit den Nerven. Ich hatte das Bedürfnis, gewaltig gegenüber der Behörde zu werden, um sie endlich mal in ihren Diskriminierungen zu stoppen. Ich besann mich dann eines Besseren. Ich werde nicht Täter, denn der Täter ist der Kirchenrat.»


Die Kirche St. Hilarius in Näfels | © Regula Pfeifer
10. Mai 2024 | 06:00
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