Kirchentür | © Pixabay.com CC0
Schweiz
Kirchentür | © Pixabay.com CC0

Warum sind katholische Kirchen offen und reformierte oft geschlossen?

Edlibach ZG/Zürich, 2.8.17 (kath.ch) Kinder fragen, ein reformierter und ein katholischer Theologe antworten. Aus Anlass des Reformationsjubiläums hat kath.ch beiden Konfessionsvertretern dieselben Kinderfragen zu Unterschieden zwischen Katholiken und Reformierten gestellt. Für die Reformierten antwortet Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster im Zürich, für die Katholiken Christian Rutishauser, Priester und Provinzial der Schweizer Jesuiten.

Christian Rutishauser: Die Kirche ist für die katholischen wie auch für die reformierten Christen der Ort, wo man zusammen Gottesdienst feiert. Gemeinsam hört man auf das Wort Gottes in der Bibel, das der Pfarrer oder die Pfarrerin in der Predigt auslegt. Gemeinsam wird das Abendmahl gefeiert und es wird gemeinsam gebetet. Manchmal versammeln sich die Christen auch in der Kirche, um zusammen etwas vor Gott zu besprechen. Die Kirche ist also zuerst für die Gemeinschaft da, wenn sie sich vor Gott versammelt. Daher werden die reformierten Kirchen nach der Versammlung meist wieder geschlossen.

Die katholischen Kirchen dagegen bleiben offen. So laden sie die Glaubenden ein, auch alleine zum Gebet in die Kirche zu kommen. Die reformierten Pfarrer wollen natürlich auch, dass die Glaubenden alleine beten, aber mitten im Alltag. Sie sagen: Ein Christ kann überall beten, zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, in der Natur. Dazu muss er nicht in die Kirche kommen. Die katholischen Pfarrer meinen das auch. Dennoch laden sie in die offene Kirche ein. Da ist es leichter zu beten: Es ist still. Es gibt Gebetsbücher. Die Bilder und Statuen erinnern an das Leben der Heiligen. In der Kirche kann ich die Gegenwart Gottes besonders spüren. Und mein Gebet findet aus der Stille leichter den Weg zu Gottes Ohr als irgendwo mitten im Strassenlärm oder zu Hause, wo der Fernseher läuft. Deshalb bleiben die katholischen Kirchen offen.


Christoph Sigrist: Noch vor 30 bis 40 Jahren war das Grossmünster in Zürich während den Wochentagen geschlossen. Der Sigrist, also der Mesmer oder Kirchendiener, hatte einen Schlüssel. Wer anfragte, durfte in den Kirchenraum oder sogar auf den Turm. Die Kirche wurde nur als Versammlungsraum für die Gemeinde am Sonntag für den Gottesdienst gebraucht. Die Reformierten sagten damals, sie gingen «z’Predigt». Das Kirchengebäude erfüllte ausschliesslich für den Gottesdienst und da vor allem für die Predigt seine Funktion.

In der katholischen Kirche wird die Messe gefeiert, und zwar an jedem Tag und zu allen Stunden, persönlich oder als Gruppe. Der Kirchenraum ist von Andachten erfüllt, von Gebeten, Kerzenritualen und Prozessionen. Dass Menschen im Raum zur selben Zeit am selben Ort unterschiedliche Rituale und Gebete verrichten, hat in den letzten 30 Jahren auch in den reformierten Kirchenräumen Einzug gehalten. Touristen, Bewohnende oder Arbeitende suchen Kirchenräume vermehrt auf, um zu beten, Kerzen anzuzünden, ins Gästebuch ihre Sorgen zu schreiben, oder einfach zu schlafen und sich vom Stress des Einkaufs auszuruhen. Deshalb gibt es kaum mehr eine reformierte Kirche, die geschlossen ist.

Das ist auch gut so: Offene Kirchen mit weit geöffneten Türen laden ein. Gastfreundschaft ist eine Form des Glaubens in Kirchenräumen. Viele Freiwillige und Ehrenamtliche empfangen die Gäste in katholischen und reformierten Kirchen und ermöglichen so den Besuchenden einzigartige und wohltuende Erfahrungen und Unterbrechungen des Alltags. Und nicht nur Erwachsene, auch Kinder gehen häufig in Kirchen, um dem lieben Gott zu sagen, dass sie Angst vor der Operation oder der Prüfung haben. Und das tut auch gut. (sys)


Kinderfrage 1: Warum steht auf reformierten Kirchen ein Hahn, auf katholischen ein Kreuz?

Kinderfrage 2: Warum gibt es in katholischen Kirchen Statuen und Bilder, in reformierten nicht?

Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten  | © Hans Merrouche
Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten | © Hans Merrouche
Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster Zürich | © zVg
Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster Zürich | © zVg
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