Das neue Pinklila-Fussballshirt der Deutschen soll die Vielfalt des Landes repräsentieren.
Analyse

Warum pinke Fussballtrikots nur Fake-Wokeness verkörpern

Die deutsche Fussballnationalmannschaft kickt bei den Europameisterschaften im Juni im eigenen Land. Das sorgt jetzt schon für Diskussionen – weil sie nicht nur im traditionellen Schwarz-Weiss-Tenue, sondern auch in Pink-Lila ins Stadion einläuft. Der Trikothersteller verkauft die krasse Farbwahl als Statement für eine vielfältige Gesellschaft. Dabei geht es in Zeiten des Barbie-Booms nur ums Geld.

Wolfgang Holz

Eigentlich könnte man das pinklilafarbene Trikot der deutschen Fussballprofis an der Heim-EM schon fast als Hoffnungsschimmer in düsteren Zeiten verstehen. Denn selbst für einen Deutschen wirkt die Heimat von aussen betrachtet im Augenblick eher wie eine Bananenrepublik denn wie ein Fels in der europäischen Brandung.

Züge fahren nicht mehr. Flughäfen werden bestreikt. Traktoren und Bauern blockieren Strassen. Die Regierung macht immer mehr Schulden. Den Bürgern geht das Geld aus. Einzig die flächendeckenden Demonstrationen gegen den Rechtsextremismus der AfD unterstreichen, dass Deutschland politisch noch kräftig durchatmet.

Heim-EM als Sorgenkiller

Da kommt die Fussball-Heim-EM im Juni gerade recht, um ein bisschen gute Stimmung im Land zu machen. Schliesslich ist Fussball nach dem Auto des Deutschen liebstes Kind. Im Fussball waren die Deutschen schon immer eine Weltmacht. Viermal Weltmeister, dreimal Europameister. Nur Brasilien ist besser.

In Pink: Deutsche Fussballfans
In Pink: Deutsche Fussballfans

Allerdings bröckelt es seit einiger Zeit auch bedenklich an der Fussball-Front. Die deutschen Fussballstars der Neuzeit verdienen zwar viel Geld und spielen in Top-Clubs. Doch ihre Siegermentalität scheint ihnen abhandengekommen zu sein.

Blamage gegen die Schweiz?

Nicht wenige Deutsche bangen deshalb schon um das Überleben in der Vorrunde. Und gegen die Schweizer Nati mit Stars wie Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri fürchten jetzt bereits viele Deutsche eine Blamage.

Da wäre eigentlich jeder Motivationssupport willkommen. Indes kommt Trikothersteller Adidas nun daher und legt mit einem pinklilafarbenen Auswärtstrikot den deutschen Kickern ein Ei ins Netz.

«Vielfalt des Landes» verkörpern

Weil diese damit wieder, wie bei der WM in Katar, in öffentliche Diskussionen verstrickt werden. Die Spieler sollen als Plakatsäulen der politischen Korrektheit agieren. Stichwort: LGBTQ. Stichwort Wokeness. Einige Reaktionen auf Social Media waren bereits heftig.

Pinklila bedeutet zwar nicht gleich queer. Aber das Trikot soll explizit für die neue Generation an deutschen Fussballfans und die Vielfalt des Landes stehen. So heisst es offiziell in einer Adidas-Mitteilung. Steht nun also nach dem «Sommermärchen» bei der Heim-WM 2006 die Woke-Fantasy auf dem Programm?

Anti-Rassismus-Kampagnen

Als hätten gerade der Fussball und seine Fans den grössten Nachholbedarf in Sachen Wokeness. Spieler verschiedener Hautfarbe sind in den internationalen Mannschaften meist bestens integriert und von den Fans akzeptiert – nicht zuletzt infolge der schon seit Jahren von den internationalen Fussballverbänden propagierten Anti-Rassismus-Kampagnen.

Das neue knallige Auswärtstrikot der Deutschen - nicht allen gefällts.
Das neue knallige Auswärtstrikot der Deutschen - nicht allen gefällts.

Unbestritten ist andererseits, dass Fussball ein unausgesprochener Hetero-Sport ist. Nur wenige Spieler haben sich bislang als homosexuell geoutet – aus Furcht vor Diskriminierung. Ob da aber die Grätsche des Deutschen Fussballbundes (DFB) und von Adidas gegen toxische Männlichkeit und Homophobie in Gestalt des pinklila Trikots tatsächlich etwas verändern wird?

Fussball ist nicht Hollywood

Fussball ist Fussball – und nicht Hollywood, wo Ryan Gosling sich bekanntlich erfolgreich in Rosa stilisierte. Die wenigsten männlichen deutschen Fans in den Stadien werden bei der Heim-EM das knallige Trikot überstreifen. Rosa und Pink sind keine Identifikationsfarben für den Fussball – selbst wenn Lionel Messi bei Inter Miami in der «US-Soccer-Operettenliga» damit schon für Furore sorgte.

Es hat zwar auch schon Rosatöne bei Real Madrid und Juventus Turin gegeben. Wobei Rosa für Juventus schlicht die ursprüngliche Vereinsfarbe war – in ganz unideologischen Zeichen. Seit 1903 kicken die «Bianconeri» in strammem Weiss-Schwarz.

«Fashionstatement»

Das Pinklila-Zeichen für die Vielfalt des Landes ist deshalb unterm Strich ein Fake. Es geht in Zeiten des Barbie-Booms vor allem um die weibliche Fussball-Kundschaft. Denn gerade die vielen jungen Frauen in den Stadien sollen sich animiert fühlen, eines dieser pinklila Shirts zu erwerben.

Fussball im Barbie-Look: Florian Wirtz (20), Mittelfeldstar von Bayer Leverkusen, findet das Shirt "cool" und "aussergewöhnlich".
Fussball im Barbie-Look: Florian Wirtz (20), Mittelfeldstar von Bayer Leverkusen, findet das Shirt "cool" und "aussergewöhnlich".

Dies wird auch deutlich in dem jüngsten «Erklärvideo» von Adidas zum umstrittenen pinklila Auswärtsshirt. Darin ist von der Vielfalt des Landes nämlich plötzlich gar keine Rede mehr. Dafür sagt Lena Gercke, deutsches Model, Fernsehmoderatorin und Ex-Gattin von Ex-Fussballstar Sami Khedira, in dem Video-Clip klipp und klar, dass das pinklila Shirt ein «Fashionstatement» sei.

110 Stutz das Stück

Jetzt wissen wir es also definitiv. Pinklila ist in Wirklichkeit keine Botschaft für Diversität, Wokeness und LGBTQ, sondern schlicht und einfach nur ein frischer, modischer Farbtupfer. Ein hipper Farbklecks im Stadion, der den jungen Leuten gefallen soll – so formulierte es lächelnd Bayern-Star Thomas Müller. Ein Farbtupfer, der sich, wie gesagt, einfach gut verkaufen soll. Zu 110 Stutz das Stück.

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Immerhin. Mittelfeldstar Florian Wirtz von Bayer Leverkusen (20) sagt in der Adidas-Medienmitteilung: «Das Heimtrikot ist mit den schwarz-rot-goldenen Schultern und dem ansonsten klassisch weissen Look für mich ein typisch deutsches Trikot. Das Auswärtstrikot finde ich sehr cool! Mal etwas anderes und wirklich aussergewöhnlich.»


Das neue Pinklila-Fussballshirt der Deutschen soll die Vielfalt des Landes repräsentieren. | © Adidas
18. März 2024 | 14:15
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