Schweiz

Wahlen 15 – Christophe Darbellay beantwortet Gretchenfragen zu Religion

Martigny, 29.9.15 (kath.ch) Wie halten Sie es mit der Religion? Diese Frage stellt kath.ch Politikerinnen und Politikern vor den Wahlen 2015. Es handelt sich frei nach Goethe um die «Gretchenfragen»: Religiöse Symbole, Religion im Unterricht, Anerkennung des Islams, Religion und Politik in Bundesbern. Christophe Darbellay ist Präsident der CVP Schweiz.

Charles Martig

Welche Bedeutung dürfen religiöse Symbole in der Öffentlichkeit haben?

Christophe Darbellay: Die Schweiz ist ein christlich geprägtes Land. Anderthalb Jahrtausende Christentum hinterlassen ihre Spuren in der Kultur eines Landes. Es ist kein Zufall, dass beispielsweise ein Kreuz und nicht ein Halbmond auf der Schweizerfahne zu sehen ist. In vielen Werten, Normen und Symbolen sind Religion einerseits und schweizerische, kantonale oder regionale Kultur andererseits derart verbunden, dass man sie nicht mehr trennen kann. In diesem Sinne kommt christlichen Symbolen in der Schweiz eine besondere Bedeutung zu, welche den Symbolen anderer Religionen nicht zukommt. Die Praxis des Bundesgerichts, das z. B. die Entfernung von Kruzifixen aus Schulen verlangte, scheint mir deshalb nicht angemessen zu sein. Hier werden regionale Traditionen einer extensiven Interpretation der Religionsfreiheit untergeordnet, obwohl die Bundesverfassung die Regelung des Verhältnisses von Staat und Religion – unter dem Vorbehalt der individuellen Religionsfreiheit – den Kantonen zuordnet.

Gilt das für alle Religionen?

Die Symbole anderer Religionen sind im Rahmen der Glaubens- und Kultusfreiheit geschützt. Sie können aber nicht als Teil der traditionellen Kultur der Schweiz betrachtet werden. Wie weit religiöse Symbole beispielsweise in kantonalen Gebäuden zugelassen werden sollen, sollte den einzelnen Kantonen überlassen bleiben. In staatlichen Institutionen – Schulen, Armee usw. – bestimmt richtigerweise das Gesetz, welche Symbole zulässig sind und welche nicht.

Soll christliche Religion in der Schule unterrichtet werden?

Darbellay: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man den schweizerischen Staat und die Gesellschaft verstehen kann, wenn man nicht gewisse Grundkenntnisse des Christentums hat. Insofern ist die Vermittlung eines christlichen Grundwissens Teil des Bildungsauftrags. Ob die Schule in der normalen Schulzeit mit den staatlichen Lehrern Religionsunterricht erteilen soll oder einfach Zeit für einen Religionsunterricht durch die verschiedenen religiösen Gemeinschaften einräumen soll, kann eine offene Frage bleiben. Das hängt vermutlich auch von den konkreten Gegebenheiten ab und bleibt deshalb richtigerweise den kantonalen Institutionen überlassen. Selbstverständlich muss die Teilnahme in beiden Fällen freiwillig sein.

Wie weit sollen sich Kirchen in der aktuellen Flüchtlingsfrage engagieren?

Darbellay: Die Kirchen sind, wie alle anderen in der Gesellschaft tätigen Organisationen, aufgerufen, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen und nach Möglichkeit zu Lösungen beizutragen. Wie sehr sie dies tun wollen, müssen sie natürlich selber entscheiden. Ich habe allerdings bereits früher gesagt, dass ich von der Kirche erwarte, dass sie ihren Worten auch Taten folgen lässt und ich mir vorstellen könne, dass beispielsweise jede Pfarrei Flüchtlinge im Rahmen des Möglichen aufnimmt. Diesen Aufruf hat mittlerweile auch Papst Franziskus an die europäischen Pfarreien gemacht und bereits haben einige Kirchenvertreter ihre Türen geöffnet. Eben hat Bischof Felix Gmür bekannt gegeben, dass im Schloss Steinbrugg des Bistums Basel drei Flüchtlingsfamilien aufgenommen werden sollen. Das ist für mich echtes Engagement.

Wie stellen Sie sich zur staatlichen Anerkennung des Islams in der Schweiz?

Darbellay: Grundsätzlich fällt die Beantwortung dieser Frage in die Kompetenz der Kantone. Diese haben sehr unterschiedliche Lösungen gefunden. In Genf mit seiner Trennung von Kirche und Staat ist die Gleichbehandlung realisiert. Es gibt weder christliche noch islamische Landeskirchen. Der Kanton Bern kennt ein dreistufiges System mit Religionsgemeinschaften als Vereinen, als öffentlich-rechtlich anerkannte Religionsgemeinschaften und drei Landeskirchen.

Die CVP steht zur Religionsfreiheit und den damit verbundenen Rechten und Pflichten. Eine Religion kann in der Schweiz aber auch ausgeübt werden, ohne dass die Glaubensgemeinschaft auf nationaler Ebene als Landeskirche akzeptiert ist. Die Grundlage der Schweiz beruht auf einer christlich-abendländischen Kultur. Trotz eines respektvollen Nebeneinanders verschiedener Kulturen und Religionen ist die CVP gegen eine weitere Landeskirche neben der christlichen.

Erleben Sie die Kirchen und Religionsgemeinschaften im Bundeshaus als Lobbyisten?

Darbellay: Lobbying erfolgt in der Schweiz immer noch primär über das traditionelle Mittel der Vernehmlassung. So erlebe ich auch das kirchliche Lobbying, wobei es auch zu persönlichen Treffen und Austausch kommt.

Nehmen Sie die Aussagen von Religionsgemeinschaften zur Kenntnis und fliessen solche Informationen in Ihre politische Haltung mit ein?

Darbellay: Treffen mit Kirchenvertretern und Stellungnahmen der Kirchen und Religionsgemeinschaften betrachte ich als Informationsquellen, die bei meiner Entscheidfindung durchaus ein gewisses Gewicht haben. Wie für alle Stellungnahmen Dritter gilt aber auch hier, dass ich für meine politischen Entscheidungen selber verantwortlich bin.

Welchem Kirchen- oder  Religionsvertreter würden Sie von sich aus eine Zutrittserlaubnis für das Bundeshaus erteilen?

Darbellay: Vertreter der katholischen Kirche oder der evangelisch-reformierten Kirchen.

Was wünschen Sie sich als Politiker von der katholischen Kirche?

Darbellay: Ich wünsche mir, dass die katholische Kirche ihre Verantwortung aus dem Glauben heraus ernst nimmt und entsprechend politisch handelt. Was sie aus dieser Grundlage heraus tun soll, kann oder muss die Kirche selber entscheiden. Nur so ist sie ein wirklich wertvoller Gesprächspartner.

Welche Rolle spielen Kirche und Religion in Ihrem Leben?

Darbellay: Ich bin ein gläubiges Mitglied der römisch-katholischen Kirche und möchte meine Kinder in dieser Tradition erziehen. Mehr möchte ich hier nicht sagen, weil es in meinen Augen dabei nicht um  Wahlkampf gehen soll.

 

Kurzporträt Christophe Darbellay

Partei: CVP
Wohnort: Martigny-Combe VS
Alter: 44
Beruf: Ing. ETHZ, Politiker
Zivilstand: verheiratet
Christiophe Darbellay, Präsident CVP Schweiz | © 2015 zvg
30. September 2015 | 07:15
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