Waffenwall statt Strahlenkranz: Wie eine ukrainische Künstlerin die Schwarze Madonna von Einsiedeln deutet
Die ukrainische Künstlerin Nataliia Bielitska (49) besuchte das Kloster Einsiedeln und war von der Schwarzen Madonna sehr beeindruckt. Sie verewigte ihren Besuch mit einem Aquarell der Gnadenkapelle, das sie danach dem Kloster schenkte. Statt des Strahlenkranzes hat ihre Madonna einen Waffenwall.
Wolfgang Holz
«Als ich die Schwarze Madonna zum ersten Mal gesehen habe, spürte ich intuitiv, wie eine grosse Last von meinen Schultern fiel», erzählt Nataliia Bielitska. Sie sei sehr ergriffen gewesen bei ihrer ersten Begegnung mit dem weltberühmten Gnadenbild in der Einsiedler Klosterkirche, wie sie am Telefon mit kath.ch berichtet.
Raketen prallen an Madonna ab
Sie habe den barocken Lichterkranz, der die Schwarze Madonna umstrahlt, sofort als Schutz und Verteidigung für die unter russischen Raketen und Bombardierungen leidende Bevölkerung in ihrer ukrainischen Heimat gedeutet.
Deshalb hat sie auf ihrem Aquarell, das sie nach ihrem Besuch in Einsiedeln im Januar malte, den goldenen Strahlenkranz malerisch zu einem Waffenwall umgestaltet. Die Raketen, in beängstigender Vielfalt auf die Marienfigur niedersausend, prallen am Lichterbogen hinter der Madonna ab. Gleichzeitig finden viele Menschen, als hellblaue Umrisse markiert, Schutz hinter der Schwarzen Madonna.
Mütter mit Kindern, weinende Menschen
Unter den dargestellten menschlichen Chiffren sind Mütter mit ihren Kindern im Arm, zusammengekauerte Wesen und erschrockene Gesichter zu entdecken. Nataliia Bielitska hat es auf abstrahierend-realistische Weise geschafft, mit wenigen Pinselstrichen den Schrecken des Kriegs in der Ukraine aufzuzeigen. Man kann regelrecht die Angstschreie und das Weinen der Kinder aus dem Bild heraushören.
«Das Bild von Nataliia Belitska ist aktuell in der Turmkapelle zu sehen, wo wir einen Gebetsort um Frieden in der Ukraine gestaltet haben», teilt Pater Philipp vom Kloster Einsiedeln mit. «Ob wir das Bild dann bei den «Ex Votos» aufhängen werden oder ob das Bild einen anderen Ehrenplatz bekommen wird, wissen wir aktuell noch nicht.»
Zwei Versionen der Schwarzen Madonna gemalt
Vorerst bleibe es auf jeden Fall in der «Turmkapelle». Ex-Votos sind Darstellungen, die von Gläubigen aufgrund von Gelübden, Versprechen und Dank gegenüber Heiligen entstanden sind – im Fall von Einsiedeln an die Schwarze Madonna.
Eine andere Version der Schwarzen Madonna der ukrainischen Malerin hängt in der katholischen Kirche Bruder Klaus in Diessenhofen. Im Kloster St. Katharinental in Diessenhofen existiert nämlich eine Kopie der Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna von Einsiedeln aus dem Jahre 1735. «Diese Madonna inspirierte mich zum zweiten Bild», sagt Nataliia Bielitska.
Bombenhagel in Kiew vor der Abreise
Die Flucht der 49-jährigen Kiewerin ist traumatisch verlaufen. «Vor unserer Abfahrt Ende Februar vom Kiewer Bahnhof gerieten meine Tochter und ich in einen Bombenhagel – es war schrecklich.» Zudem sei ihr Ehemann noch vor ihrer Abreise an einem Herzinfarkt verstorben. Er war erst 45!
Von 1986 bis 1991 hatte Bielitska an der Kunstfachschule im russischen Nowgorod den Studiengang «Künstlerische Gestaltung und Lehrerin für bildende Kunst» absolviert.
«Ich habe hier meine Ruhe gefunden und sehr viele nette Menschen getroffen, die sich um mich kümmern.»
Nataliia Belitska, ukrainische Künstlerin
Knapp 30 Jahre später, Anfang März 2022, landete Nataliia Bielitska nach einer kurzen Odyssee über Deutschland in der Schweiz, wo es sie ins Rheinstädtchen Diessenhofen verschlug. Die idyllische Kleinstadt mit historischer Altstadt gefällt ihr sehr gut. «Ich habe hier meine Ruhe gefunden und sehr viele nette Menschen getroffen, die sich mit Anteilnahme um mich kümmern», erzählt sie.
Künstlerin hilft Künstlerin
Zu den ersten Kontakten gehörte dabei die Diessenhofer Künstlerin Madeleine Felber, die Bielitska über die katholische Kirche kennen lernte. Die beiden Kunstschaffenden verstanden sich auch ohne gemeinsame Sprache – ausser den paar Brocken Deutsch, welche die Ukrainerin noch von ihrer Kindheit in der DDR in Erinnerung hat.
Sie wurde nämlich in Dresden 1974 geboren und verbrachte ihre Primarschulzeit dort – weil ihr Vater, ein Ukrainer, dort beim Militär arbeitete. Ihre Mutter ist Russin.
Bielitskas ältere Tochter, von Beruf Geigerin, blieb nach der viertägigen Busreise in Zürich. Ihre zweite Tochter ist Pianistin und nach wie vor in der Ukraine tätig. Ihre Mutter landete ohne Gepäck wie gesagt in Diessenhofen.
Nichts dabei, nicht mal Malsachen
«Absolut nichts hatte ich dabei, als ich in Diessenhofen ankam. Durch Madeleine Felber und andere Leute wurde ich aber mit Papier und Farben versorgt und in den örtlichen Künstlertreff eingeführt», sagt Nataliia Bielitska gerührt über die spontane Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit der Menschen. «Es ist zauberhaft für mich hier, klein und gemütlich, mit wunderschönen Häusern und malerischen Hügeln.»
«Ich versuche meine Traumata durch das Malen zu heilen.»
Nataliia Belitska
Mit ihrem Klappstuhl, Papier und Farben lässt sie sich da nieder, wo die Sinneseindrücke es ihr gerade befehlen. Bielitska taucht in ihre Welt ein, ihre Kriegsschrecken weichen einer Befindlichkeit des Glücks. Die Diessenhofener Künstlerin Madeleine Felber sagt über Bielitskas Aquarelle. «Ich bin tief beeindruckt, in welcher Stimmung und mit welcher Fertigkeit sie die Impressionen gemalt hat.»
Die Aquarellimpressionen von Diessenhofen, die sie seit ihrer Ankunft gemalt hat, wurden bereits in einer Ausstellung letzten Oktober gezeigt: «Ich versuche meine Traumata durch das Malen zu heilen.» Man hört, wie sie am Telefon ein paar Tränen verdrückt.
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