Vreni Peterer über Missbrauchs-Massnahmen: «Vertrauen wächst nur durch Taten»
Vreni Peterer von der IG-MikU hat sich am Montag mit den Bischöfen in Einsiedeln getroffen, an deren Vollversammlung. Im Gespräch mit kath.ch kritisiert sie die Verzögerungen bei der Umsetzung der Missbrauchs-Massnahmen. So würden die «Betroffenen im Regen stehen» gelassen. Und sie findet: «Ob und was das Treffen gebracht hat, wird die Zukunft zeigen.»
Sarah Stutte
Die Meldestelle soll nun erst im Januar 2025 starten. Alle weiteren angedachten Massnahmen benötigen ebenfalls mehr Zeit. Fühlen Sie sich ein wenig im Regen stehen gelassen?
Vreni Peterer*: Nicht ich selbst, sondern vor allem die Missbrauchsbetroffenen. Letzte Woche, kurz nach dem Werkstattgespräch, haben sich auch wieder drei Personen bei uns gemeldet. An die kantonalen Opferhilfestellen kann man sich jetzt schon wenden, aber ihnen fehlt noch das kirchliche Hintergrundwissen, beispielsweise bezüglich den kirchlichen Strukturen und Verfahren.
Ein weiteres Beispiel ist die Einordnung und Bedeutung von spirituellem Missbrauch. Hierbei ist eine kirchenspezifische Beratung vonnöten und in dieser Hinsicht werden die Betroffenen im Moment im Regen stehen gelassen. Aber auch wir, die mit den Betroffenen in Kontakt stehen. Jetzt im Juni sollen die ersten Entscheide hinsichtlich des weiteren Vorgehens des Konzepts gefällt werden. Somit heisst es weiter warten.
RKZ-Präsident Roland Loos meinte am Werkstattgespräch, dass es auf «ein paar Monate mehr oder weniger nicht ankäme». Das haben sie kritisiert.
Peterer: Natürlich ist Zeit ein wesentlicher Faktor für die Betroffenen. Die IG-MikU wird nie müde zu sagen, dass am 12. September 2023 nichts vorbereitet war und die Betroffenen nicht gut aufgefangen worden sind. Ich kann nach wie vor nicht ganz nachvollziehen, dass noch immer nichts steht, zumal von kirchlicher Seite immer wieder betont wird, dass man schon lange vor dem 12. September 2023 damit beschäftigt war. Bischof Bonnemain spricht diesbezüglich unter anderem von fehlenden personellen Ressourcen. Das hilft den Betroffenen aber nicht.
«In allen Bistümern würde es Loppachers benötigen.»
Was sagen Sie zum Rücktritt von Stefan Loppacher als Präventionsbeauftragter des Bistums Chur?
Peterer: Seinen Rücktritt bedauern wir sehr, er überrascht uns aber nicht wirklich. Die Hintergründe der im Mediencommuniqué des Bistums Chur erwähnten Differenzen kennen wir nicht. Wir erleben Stefan Loppacher als mutigen Kirchenmann, der kein Blatt vor den Mund nimmt und vieles, das in der katholischen Kirche schiefläuft, beim Namen nennt.
Deshalb sind wir beruhigt, dass er künftig verstärkt auf nationaler Ebene tätig sein wird. In allen Bistümern würde es Loppachers benötigen, die das Kirchenrecht, aber auch die Opferseite gut kennen.
Sie haben an der Pressekonferenz einen aktuellen Fall erwähnt, indem sich eine missbrauchsbetroffene Person bei einem Bischof gemeldet hat und keine Rückmeldung erhielt. Ist das inzwischen geschehen?
Peterer: Das weiss ich nicht! Ich habe den Fall in Einsiedeln nochmals erwähnt und den betreffenden Bischof auch direkt darauf angesprochen. Es darf nicht mehr vorkommen, dass Betroffene lange auf Antworten warten müssen. Doch leider passiert es immer noch. In diesem Fall hätte der betroffenen Person vorerst eine kurze Empfangsbestätigung gereicht. Betroffene wollen sichtbare Zeichen sehen, dass sie wahr- und ernstgenommen werden. Es geht um Glaubhaftigkeit.
Solange solches passiert, stehen die Opfer nicht im Mittelpunkt. Wenn so etwas Kleines schon nicht funktioniert, wie will man dann im Grossen tätig sein? Obwohl viele für ihr Recht kämpfen, macht sich irgendwann Resignation breit. Keine Antworten zu bekommen, wird zur Normalität. Die Angst der Betroffenen davor, wieder enttäuscht zu werden, ist gross.
Bischof Felix Gmür feierte diese Tage sein Priesterjubiläum. Zum Thema Missbrauch hielt er sich in einem Interview mit kath.ch kurz. Zur Aufarbeitung kam wenig Substanzielles. Wie ordnen Sie so etwas ein?
Peterer: Ich bin mir nicht sicher, ob alle Bischöfe «wirklich dazugelernt haben und die Zusammenhänge erkennen». Das ist alles sehr floskelhaft. Ich habe den Eindruck, viele Bischöfe sind des Themas Missbrauch überdrüssig und unsere IG-MikU ist für sie ein rotes Tuch. «Dazugelernt» hat man nichts, wenn Opfer darunter leiden, dass sie keine Bestätigung auf ihre Meldung bekommen.
Das fördert immer neue Verletzungen zutage – sie befürchten dann, ihnen wird nicht geglaubt. Mit Betroffenen muss man empathisch ins Gespräch kommen, um ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Wir können das nur wiederholen an Anlässen wie dem Werkstattgespräch oder dem Austausch in Einsiedeln. Betroffene wollen Antworten. Solange das nicht klar ist, hat man nichts dazugelernt.
«Jedes Opfer hat andere Bedürfnisse.»
Solange die Bischöfe ihr eigenes Versagen in der älteren und jüngeren Missbrauchsgeschichte der katholischen Kirche nicht anerkennen, kann es vermutlich auch keine Missbrauchsaufarbeitung geben, die den Opfern gerecht wird.
Peterer: Jedes Opfer hat andere Bedürfnisse. Der einen Person wird man vielleicht gerecht, wenn die Genugtuung ausbezahlt ist, als Zeichen der Anerkennung. Andere brauchen eine spirituelle Begleitung. Es gibt Betroffene, die Missbrauch erlebt haben und sogar noch in der Kirche arbeiten. Sie finden nirgendwo Hilfe. Wenn sie etwas erzählen, werden sie geächtet und belächelt. Diesen Opfern wird man nicht gerecht.
Die Bedürfnisse herauszufinden, miteinander, in einem guten Vertrauensverhältnis, ist wichtig. Denn die Angst, in diesem ganzen Machtgefüge nochmals verletzt und abgelehnt zu werden, ist gross. Vertrauen wächst nur durch Taten. Allein durch Worte kann es nicht zurückgewonnen werden.
Diesen Montag waren Sie, zusammen mit der Westschweizer Opferhilfeorganisation SAPEC in Einsiedeln, um sich mit den Bischöfen auszutauschen. Was kam dabei heraus?
Peterer: Jacques Nuoffer von der SAPEC sagte zu Beginn, so ein Treffen hätte es in seinen vierzehn Jahren als Präsident noch nie gegeben. Es war ein wichtiger Austausch, es hängt aber von jedem einzelnen teilnehmenden Bischof ab, was daraus wird.
Wurden dabei konkrete Themen besprochen?
Peterer: Jacques Nuoffer und ich haben unsere eigenen Betroffenengeschichten erzählt, aber auch in anonymisierter Form von anderen Betroffenen und ihren Erfahrungen berichtet. Eine jüngere Frau berichtete darüber, wie sie und andere Nonnen in religiösen Gemeinschaften Überforderung und Ausnutzung bis hin zu spirituellem Missbrauch erlebten und die Gemeinschaften – zum Teil ohne Begründung – verlassen mussten. Sie stehen da ohne Arbeit oder Altersvorsorge.
«Wir haben Bereitschaft kommuniziert.»
Gibt es jetzt einen regelmässigen Austausch mit der SBK?
Peterer: Über eine Regelmässigkeit wurde nicht gesprochen. Es gab einzelne Bischöfe, die kommuniziert haben, in Verbindung bleiben zu wollen. Wir haben die Bereitschaft kommuniziert, in punkto Sensibilisierung, Umgang mit Betroffenen und Prävention zur Verfügung zu stehen. Ich bin gespannt, ob und wie dies in Anspruch genommen wird.
Was muss jetzt zeitnah umgesetzt werden, damit Missbrauchsopfer die Unterstützung erfahren, die sie verdienen, und was braucht es dazu?
Peterer: Betroffene müssen sich an die Opferhilfestellen und die kirchlichen Stellen wenden. Es geht um Menschen, bei denen durch den Missbrauch sehr viel zerstört worden ist. Für diese sind gutausgebildete Seelsorger von Nöten, die schon mit Betroffenen zu tun gehabt haben. Dafür werden wir uns auch in Zukunft einsetzen.
Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene
Eine Liste mit kirchlichen und weiteren Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene ist hier zu finden.
Für eine unabhängige Beratung ist die «Opferhilfe Schweiz» zu empfehlen. Wer die eigene Geschichte öffentlich machen möchte, kann sich an die Redaktion von kath.ch wenden. Diese betreibt einen kritischen und unabhängigen Journalismus. Die Redaktions-Mailadresse lautet redaktion@kath.ch.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




