Vreni Peterer: Bistum Lugano soll Opfer zur Meldung aufrufen
Vreni Peterer vertritt Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld in der Deutschschweiz – als Präsidentin der IG M!ku*. Sie äussert sich zum Tessiner Priester, der wegen mutmasslichem sexuellen Kindsmissbrauch inhaftiert ist – und zum Verhalten des Bistums Lugano.
Regula Pfeifer
Wie schätzen Sie das Verhalten des Bistum Lugano im Fall des inhaftierten Priesters ein, der mutmasslich Kinder missbraucht hat?
Vreni Peterer: Ich kenne den Fall nur durch die Medien und habe deshalb keinen Einblick in die Fakten. Mir liegt es fern, den Priester vorzuverurteilen. Dass das Bistum Lugano den Fall des Priesters an die Behörden weiterleitete, werte ich als Indiz dafür, dass es sich nicht nur um vage Vermutungen handelt.
«Mir ist nicht ganz klar, was Bischof de Raemy konkret meint.»
Bischof Alain de Raemy hat in einem Brief gegenüber den Gläubigen sein Mitleid ausgedrückt und dazu aufgerufen, einander zu unterstützen in dieser schwierigen Situation. Hilft das allfälligen Missbrauchsbetroffenen?
Peterer: Mir ist nicht ganz klar, was Bischof de Raemy konkret damit meint. Sollen die Nichtbetroffenen die Betroffenen unterstützen? Oder Betroffene sich gegenseitig?
Aufgrund der vielen Gespräche, die ich seit dem 12. September 2023 hatte, wurde mir eines bewusst: Jeder Mensch, und damit auch jedes Missbrauchsopfer, hat seine eigenen, ganz persönlichen Bedürfnisse.
Sollte der Bischof jetzt allfällige weitere Missbrauchsbetroffene dazu aufrufen, sich bei der Fachstelle sexuelle Übergriffe des Bistums zu melden?
Peterer: Die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) hat schon mehrmals öffentlich den Aufruf gemacht, dass sich Missbrauchsbetroffene melden können beziehungsweise sollen. Die IG-MikU ist der Ansicht, dass dieser Aufruf in regelmässigen Abständen erfolgen sollte.
«Betroffene sollen Anlaufpersonen wählen können.»
Wichtig ist, dass Betroffene sich sicher fühlen können, wenn sie beginnen, darüber zu sprechen. Dafür braucht es verschiedene Anlaufpersonen, kirchliche und andere, damit Betroffene wählen können, wem sie vertrauen können. Es braucht viel Mut und Überwindung zu diesem Schritt.
Für das Bistum Lugano wäre genau jetzt der Zeitpunkt, um einen weiteren Aufruf zu machen. Denn mit diesem Fall sehen andere Missbrauchsopfer, dass sie nicht allein sind. Gemeinsamkeit kann stärken!
«An oberster Stelle müssen die Bedürfnisse und das Wohl der Betroffenen stehen.»
Was wäre jetzt ein weiterer wichtiger Schritt seitens des Bistums?
Peterer: Die Bistumsleitung weiss, was zu tun ist! Ich muss ihr nicht dreinreden. An oberster Stelle müssen auf jeden Fall die Bedürfnisse und das Wohl der Betroffenen sowie ihr Recht auf Transparenz stehen.
*Die IG-M!ku ist ein Verein, der Name ist die Abkürzung von «Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld». Die IG bietet niederschwellige Unterstützung Menschen an, die von Missbrauch im kirchlichen Umfeld betroffen sind. Dabei stehen Expertinnen und Experten aus Erfahrung, die also ebenso Missbrauch erlebt haben, als Ansprechpersonen für Betroffene und ihr Umfeld zur Verfügung. «Wir führen Erstgespräche, hören zu und stabilisieren, erleichtern erste Schritte und triagieren an ausserkirchliche Fachstellen oder kirchliche Fachgremien», heisst es auf der Webseite.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
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