Vatikan

Vor 150 Jahren begann das Erste Vatikanische Konzil

Es war die bis dahin grösste Kirchenversammlung aller Zeiten. 774 Kardinäle und Bischöfe der Weltkirche nahmen am Ersten Vatikanischen Konzil teil, das am 8. Dezember 1869, vor 150 Jahren, eröffnet wurde. Schon nach acht Monaten wurde das nach römischer Zählung 20. Ökumenische Konzil wegen politischer Wirren auf unbestimmte Zeit vertagt – und nie wieder zusammengerufen.

Johannes Schidelko und Alexander Brüggemann

Über 300 Jahre, seit Trient (1545-1563), hatte kein Allgemeines Konzil mehr getagt. Es sollte die katholische Welt zu einer machtvollen «Manifestation der Wahrheit» versammeln, die kirchliche Disziplin den veränderten Zeitverhältnissen anpassen und angesichts der «Irrtümer der Zeit» die kirchliche Lehre neu bekräftigen.

Bereits 1864 hatte Pius IX., der sich nach einem vergleichsweise liberalen Beginn seiner Amtszeit zunehmend von «der Welt» abgrenzte, im sogenannten Syllabus errorum diese «Irrtümer» zusammengefasst und verurteilt.

Die Unfehlbarkeit spaltete

Schon vor dem Konzil spitzten sich nun die Spannungen zu, als publik wurde, dass dort die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen verkündet werden solle, notfalls durch Akklamation, also ohne förmliche Abstimmung.

Das Konzil tagte im rechten Querhaus des Petersdoms, das durch eine bemalte, Marmor vortäuschende Holzwand abgetrennt war. Die Akustik war miserabel. Praktisch nur die jüngeren Konzilsväter konnten den meist in schleppendem Kirchenlatein vorgetragenen Interventionen problemlos folgen.

Von 51 zurück auf zwei

Erstmals wurden – wie im noch jungen parlamentarischen Geschäft – stenografische Protokolle angefertigt. Anders als bei früheren Konzilien waren die Vertreter der wichtigen politischen Mächte nicht eingeladen; wohl aber die Patriarchen der von Rom getrennten Ostkirchen – die allerdings fernblieben.

Vor dem Konzil waren 51 Entwürfe für Dekrete erarbeitet worden; zur Beratung und Abstimmung kamen aber nur 2. In der dritten Sitzung wurde im April 1870 die dogmatische Konstitution «Dei filius» über die Lehre von Schöpfung und Glaubensakt sowie über das Verhältnis von menschlicher Vernunft und göttlicher Offenbarung verabschiedet. Auch verurteilte das Konzil Atheismus, Materialismus, Pantheismus, Rationalismus und Traditionalismus.

Die Behandlung des zweiten Teils über die Dreifaltigkeit sowie über Erschaffung, Fall und Erlösung des Menschen wurde auf Drängen vieler Konzilsväter verschoben. Denn mit zu viel Spannung erwarteten sie die Debatte über den Papstprimat – also über den Papst als höchste Rechtsgewalt (Jurisdiktionsprimat) und als höchste Lehrvollmacht, wenn er Entscheidungen zu Lehr- und Moralfragen «ex cathedra» als unfehlbar verkündet.

Eine beachtliche Minderheit, darunter 15 der 20 deutschen Bischöfe, äusserte Bedenken. Eine solche Definition würde dem Missbrauch des kirchlichen Lehramts Tür und Tor öffnen, so der Tenor.

Die Schweizer Position

In der öffentlichen Meinung in der Schweiz gewann schnell die Auffassung Oberhand, das Konzil sei nur einberufen worden, um die Unfehlbarkeit des Papstes zu proklamieren und dessen Prärogativen zu festigen. Der Bundesrat wehrte alle Versuche vonseiten staatskirchlich gesinnter katholischer Radikaler ab, Vorbeugemassnahmen gegenüber den konziliaren Beschlüssen durchzusetzen, schreibt der Schweizer Kirchenhistoriker Victor Conzemius im «Historischen Lexikon der Schweiz».

In der Konzilsaula zeichnete sich eine Spaltung der Bischöfe ab: Eine den Ausbau des päpstlichen Primats favorisierende Mehrheit stand einer Minderheit gegenüber, die eine Öffnung zur Welt befürwortete. Unter den Schweizer Bischöfen gehörten Joseph Franz Xaver de Preux von Sitten und Gaspard Mermillod, apostolischer Vikar von Genf, zur Mehrheit, auch der gemässigte Eugène Lachat von Basel. Carl Johann Greith von St. Gallen hielt sich gemäss Conzemius als angesehener Sprecher der oppositionellen Minderheit zurück.

Abreise und Sturm

In der Vorbereitungssitzung stimmten von 601 anwesenden Konzilsvätern 451 mit Ja, 88 mit Nein; 62 verlangten Änderungen. Nachdem ein letzter Vermittlungsversuch der Kritiker bei Pius IX. gescheitert war, reisten 57 von ihnen vorzeitig ab – um nicht in Anwesenheit des Papstes gegen die Dogmatisierung stimmen zu müssen. So erhielt die Konstitution «Pastor aeternus» bei der Verabschiedung am 18. Juli 1870 lediglich zwei Gegenstimmen. Ehrenhaft und treu – oder feige?

Während der Sitzung ging ein schreckliches Unwetter mit Blitz und Donner über Rom nieder. Ein Zeichen vom Himmel? In der Basilika war es mitten im Juli so dunkel, dass der Text der Konstitution nur mit Hilfe von Kerzenleuchtern verlesen werden konnte. Kardinäle und Bischöfe waren durchnässt, der Boden der Aula lehmverschmiert.

Und das Drama ging weiter: Tags darauf, am 19. Juli 1870, begann der Deutsch-Französische Krieg. Die meisten Bischöfe reisten ab, das Konzil wurde unterbrochen. Napoleon III. zog seine zum Schutz des Papstes in Rom gelassenen Truppen ab. Am 20. September wurde Rom von den piemontesischen Truppen eingenommen; der Kirchenstaat hörte auf zu bestehen. Schliesslich vertagte Pius IX. das Konzil «sine die» – also auf unbestimmte Zeit.

Abspaltung der Altkatholiken

Einer nach dem anderen akzeptierten auch die kritischen Bischöfe die Entscheidung des Konzils. Trotz des gleichzeitigen Verlusts seiner weltlichen Macht ging das Papsttum aus dem Konzil gestärkt hervor. Rom wurde mehr und mehr zum Ankerpunkt der Weltkirche.

Der Entscheidung zugunsten der päpstlichen Unfehlbarkeit folgte aber auch ein Exodus vieler Intellektueller. Aus dieser Protesthaltung entstand im deutschsprachigen Raum die von Rom abgelöste Altkatholische Kirche. In der Schweiz nennen sie sich Christkatholiken. Übrigens hat nur ein Papst seither von einer Ex-cathedra-Entscheidung Gebrauch gemacht: Pius XII., als er 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete. Kritische Katholiken fragen gleichwohl: War es das Zerwürfnis mit der Aufklärung wert? (kna/gs)

Düstere Wolken über dem Vatikan. | © Oliver Sittel
7. Dezember 2019 | 06:04
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Konzil

Konzilien («Beratungen») sind Bischofsversammlungen der
christlichen Kirchen. Dieses Instrument der Kirchenleitung entstand in der
spätantiken Reichskirche – wobei bald zwischen Regional- und
Partikularkonzilien und sogenannten Ökumenischen Konzilien unterschieden wurde.

Das griechische Wort «oikumene» steht für die gesamte
bewohnte Welt. Mithin beanspruchen die Beschlüsse dieser Versammlungen
Gültigkeit für die Universalkirche, also in Antike und Mittelalter den
griechisch-römischen Mittelmeerraum. Die frühen Ökumenischen Konzilien, etwa
Nizäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431 und Chalzedon 451, definierten
theologisch das christliche Glaubensbekenntnis – wodurch auch Kirchenspaltungen
entstanden, die bis heute fortdauern.

Mit diesen Kirchenspaltungen über die Jahrhunderte ging
naturgemäß auch die einheitliche Zählung der Ökumenischen Konzilien verloren. Die
römisch-katholische Zählung, die die Ökumenizität ihrer Konzilien aus dem
historischen Vorrang des Bischofs von Rom («Papst») ableitet, geht von 21
solcher Bischofsversammlungen aus. Die beiden jüngsten waren – nach zuvor 300
Jahren Zwischenzeit – das Erste und das Zweite Vatikanische Konzil (1869/70,
1962-1965).

Das sogenannte Tridentinum (1545-1563), benannt nach dem
norditalienischen Versammlungsort Trient, war die kirchendisziplinarische
Antwort der römischen Kirche auf die Spaltungen der Reformation. Hier wurde
eine über Jahrhunderte gültige Kirchenverfassung ausgearbeitet. Im
Spätmittelalter wurde hitzig darüber diskutiert, ob der Papst über dem Konzil
oder das Konzil über dem Papst («Konziliarismus») stehe.

Die evangelischen Kirchen, die mit der römischen und der
orthodoxen Kirche das Nicäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis teilen,
weisen die römische Auffassung zurück, dass Konzilien und ihre Beschlüsse eine
eigenständige Glaubensnorm neben der Heiligen Schrift seien.

n der Orthodoxie, seit 1054 von Rom getrennt, gilt das
ökumenische Konzil als die höchste Entscheidungsinstanz. Allerdings ist nach
orthodoxem Verständnis nur die Kirche als Ganzes unfehlbar. Eine solche
Willensbildung und -äußerung ist allerdings in der Praxis zahlreicher
Nationalkirchen und unterschiedlicher historischer Traditionen schwer
festzumachen. Zuletzt scheiterte 2016 der Versuch, ein allorthodoxes Konzil auf
Kreta abzuhalten, am Fernbleiben von vier Nationalkirchen. (kna)