Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq bei einem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse. (KEYSTONE/DPA/Boris Roessler)
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Von Michel Houellebecqs Sehnsucht nach der christlichen Auferstehung

Es wird dem französischen Skandalschriftsteller oft Nihilismus unterstellt. Kein Wunder – hat sich Michel Houellebecq in Essays und Romanen immer wieder durch atheistische und agnostische Positionen geoutet. Und doch scheint er von einer Sehnsucht nach Gott und Religion zutiefst beseelt zu sein – gerade im Angesicht des Todes und der eigenen Vergänglichkeit. Nachzulesen in seinem neuen Gedichtband.

Wolfgang Holz

Michel Houellebecq ist ein genialer Autor. Keine Frage. Kein zeitgenössischer Literat fängt die Destruktion menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen – von der Vereinsamung des Individuums bis zur Tristesse des sexuellen «Animal Triste» – sprachgewaltiger und kontroverser ein. Gleichzeitig will Houellebecq nicht nur Romancier, sondern in der Tradition der französischen Intellektuellen immer auch ein politischer «agent provocateur» sein, der gehört wird. Dabei verletzt er immer wieder viele und tritt ungeniert von einem Fettnäpfchen ins nächste.

Die Sache mit der Religion

Eines dieser Fettnäpfchen ist die Religion. Es wird dem mittlerweile 70-jährigen literarischen «Enfant Terrible» oft vorgeworfen, dass er mit Gott nicht viel am Hut habe. Nicht ohne Grund – mit der Institution der katholischen Kirche kann er nicht viel anfangen. Die päpstliche Unfehlbarkeit hält er beispielsweise für eine Absurdität. Und sein radikales, rationales Aufklärertum macht es ihm einfach immer wieder schwer, an Gott zu glauben.

Statue von Blaise Pascal, französischer Philosoph und Literat, am 22. Mai 2023 in Paris (Frankreich).
Statue von Blaise Pascal, französischer Philosoph und Literat, am 22. Mai 2023 in Paris (Frankreich).

Andererseits zeigt Houellebecq, der einmal von Johannes Röser in einem Essay in «Christ in der Gegenwart» (2015) als der «ungläubig-gläubige Thomas» bezeichnet wurde, eine komplexe, prägende Verbindung zur christlichen Theologie und dem Katholizismus. Er, der sich seit frühester Jugend mit dem Philosophen Blaise Pascal und dessen «Gedanken über die Religion» beschäftigt hat, bezeichnet sich als vom Glauben beeinflusst. Er hält die Idee eines Retters für zentral und sieht trotz des Niedergangs des Christentums in Europa Potenzial im Katholizismus.

Christliche Theologie prägend

Houellebecq betont, dass die christliche Theologie ihn stark geprägt habe und er viel über die Apokalypse nachdenke. Er beschäftigt sich intensiv mit der Frage nach einer Welt ohne Gott, was er als «Schrecken» beschreibt. Trotz seiner Faszination bezeichnet er sich immer wieder als Atheist oder Agnostiker, dessen Glauben eher aus kurzzeitigen, intensiven Momenten besteht.

«Der Kommunismus war eine Art falsche Religion, ein schlechter Ersatz, kein wahrer Glaube, obwohl er sich so inszenierte, mitsamt einer eigenen Liturgie.»

«Es ist meine tiefe persönliche Überzeugung, dass eine Religion, ein wahrer Glaube, sehr viel mächtiger in der Wirkung auf die Köpfe ist als eine Ideologie. Der Kommunismus war eine Art falsche Religion, ein schlechter Ersatz, kein wahrer Glaube, obwohl er sich so inszenierte, mitsamt einer eigenen Liturgie», sagte Houellebecq einmal in einem Gespräch mit dem «Spiegel». Eine Religion sei «sehr viel schwieriger zu zertrümmern» als ein politisches System.

Statue von Wladimir Iljitsch Lenin im Budapester Szobor-Park.
Statue von Wladimir Iljitsch Lenin im Budapester Szobor-Park.

Wiederkehr des Katholizismus in Frankreich

Houellebecq bemerkte auch, es gebe eine «bemerkenswerte Wiederkehr des Katholizismus» in Frankreich. In der Tat: Der wiedererstarkte Glaube in Frankreich lässt sich bekanntlich an der zunehmenden Zahl junger Franzosen aufzeigen, die sich seit einigen Jahren taufen lassen. Schon vor gut zehn Jahren sind in Frankreich an Ostern knapp 4000 Erwachsene getauft worden. Die Hälfte dieser religiös interessierten Personen ist zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die Zahl der Erwachsenentaufen hat deutlich zugenommen. Das ist eine erstaunliche Entwicklung im Land der Aufklärung und der Grossen Revolution.

«Meine Verse haben eine spirituelle Qualität.»

Auch in Houellebecqs neuem, 62-seitigen Gedichtband «Combat toujours perdant» («Ewig auf verlorenem Feld»), der jüngst erschienen ist, sind Passagen vorhanden, die in einem theologischen Zusammenhang stehen: «Meine Verse haben eine spirituelle Qualität. An einer Stelle ist auch die Rede vom ›sauveur impensable’, einem Retter jenseits der Vorstellungskraft. Die christliche Theologie hat mich stark geprägt», kommentiert er sein Werk.

Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.
Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.

Angesprochen auf Teile seines Gedichtbandes, in denen von einem grossen Krieg und von Eindringlingen die Rede ist, und die Frage, wohin das führe, antwortet er: «Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt, ist ein christlicher. Es ist Christi Wiederkehr.» An anderer Stelle stellt er dagegen in einem Gedicht klar, dass die «Religionen darin gescheitert seien, die Klüfte zwischen den Ethnien zu zerstören».

«Die katholische Kirche leugnet den Tod nicht, im Gegenteil, sie betont ihn, sie schwelgt darin; nichts gefällt ihr mehr, als die Vergänglichkeit und Verweslichkeit unseres Fleisches hervorzuheben.»

Am erstaunlichsten erscheint es, dass Houellebecq in seinem von desillusionierender Vergänglichkeitslyrik und Sterbefatalismus geprägten Poesieband ausgerechnet in einem kurzen Prosatext seiner grossen Hoffnung auf eine Auferstehung im katholisch-christlichen Sinn Ausdruck schenkt. Schliesslich berge der Tod in christlicher Perspektive eine frohe Botschaft.

Begräbnis während der Corona-Pandemie
Begräbnis während der Corona-Pandemie

«Die katholische Kirche leugnet den Tod nicht, im Gegenteil, sie betont ihn, sie schwelgt darin; nichts gefällt ihr mehr, als die Vergänglichkeit und Verweslichkeit unseres Fleisches hervorzuheben; doch ist dies für sie nur der erste Moment eines kurzen Dramas in zwei Episoden: Zu Beginn der zweiten Episode greift Jesus ein, triumphiert über den Tod, und dann ist alles gut; von nun an genügt es, Christus zu folgen, um das ewige Leben zu erlangen», analysiert Houellebecq.

Tod nur ein Übergangsstadium

Aus dieser Sicht nimmt der Tod eine völlig neue Perspektive ein, weil der Tod nur ein Übergangsstadium wird, und ein geliebter toter Mitmensch somit am Ende nicht wirklich tot ist. «Christus ist auferstanden, (…) wir alle sind Auferstandene», frohlockt der Dichter. «Dieser Mensch, der dort in seinem Sarg liegt und den wir zu Lebzeiten kannten, lebt deshalb in Wirklichkeit noch immer; er scheint tot zu sein, doch er schläft nur einen leichten Schlaf.»  

So weit so gläubig. Doch Houellebecq wäre, wie gesagt, kein ungläubiger Gläubiger, kein aufklärerisch-rationaler Geist, wenn ihn nicht trotzdem Zweifel an der frohen Botschaft der Auferstehung plagen würden. Grund: Die frustrierende Erfahrung, einem Begräbnis konkret beizuwohnen.

Schock eines Begräbnisses

«Wir taumeln vor Schmerz unter der Last der erdrückenden Erkenntnis: Nein, dieser Leichnam, den wir lieben, wird nicht wieder auferstehen, sein Schicksal ist es zu verrotten, jeder seiner Fleischfetzen wird sich zersetzen, bis nur noch ein Skelett übrigbleibt, das seinerseits zerbröckeln wird, bis es zu Staub zerfällt», so Houellebecq.

Ostern - Auferstehung Jesu
Ostern - Auferstehung Jesu

Was also tun, damit wir und er an die frohe Botschaft des ewigen Lebens und des auferstandenen Christus glauben können? Houellebecqs Antworten bleiben vage, aber gleichzeitig sehr hoffnungsvoll.

«Das Versprechen ist klar und deutlich formuliert: Es ist das Versprechen der Auferstehung des Fleisches.»

«So sehr das Begräbnis nur zu radikaler Verzweiflung führen kann, so sehr kann ein regelmässiger Besuch am Grab des Verstorbenen den Hinterbliebenen, sofern er über genügend Vorstellungskraft verfügt, dazu bringen, die Umrisse einer seltsamen Hoffnung zu entwickeln. Schliesslich ist das Versprechen klar und deutlich formuliert: Es ist das Versprechen der Auferstehung des Fleisches. (…) Denn ist es wirklich unmöglich, dass der Verstorbene von den Toten aufersteht, auf eigenen Beinen geht und wieder unter den Lebenden, seinen Brüdern, wohnt? (…) Tief in unserem Innersten hegen wir diese unausgesprochene Hoffnung.»

Houellebecqs Hoffnung stirbt zuletzt

Die Hoffnung auf eine Auferstehung im christlich-katholischen Verständnis stirbt also zuletzt für Houellebecq. Nicht zuletzt auch, weil für ihn unterm Strich eines klar scheint: «Die Aufklärung hat den Menschen zwar die Religion genommen. Andererseits geht es nicht ohne Religion. Denn das Leben ohne Religion ist einfach so über alle Massen traurig.» Schöne, moralische Bekenntnisse eines rational-romantisch veranlaqten Skandalautors.

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*Michel Houellebecq (70) ist ein französischer Schriftsteller, der seit 1991 mit zahlreichen Romanen und Publikationen für gesellschaftliche Diskussionen sorgt. Seine bekanntesten Romane sind «Elementarteilchen» (1998), der auch verfilmt wurde, sowie «Unterwerfung» (2015).


Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq bei einem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse. (KEYSTONE/DPA/Boris Roessler)
19. April 2026 | 14:00
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