Michel Houellebecq: Für einmal nackt und bloss als reuiger Büsser
Eigentlich hält es der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (67) nicht so mit Gott. In seinem jüngsten Buch «Einige Wochen in meinem Leben», das bislang nur auf Französisch erschienen ist, kommt das katholisch erzogene «Enfant terrible» der Literatur neben seinen Verwicklungen in einen Pornofilm-Dreh vor allem auf die Religion zu sprechen.
Wolfgang Holz
Michel Houellebecq ist ein genialer Autor. Keine Frage. Kein zeitgenössischer Literat fängt die Destruktion menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen – von der Vereinsamung des Individuums bis zur Tristesse des «Animal Triste» – sprachgewaltiger und kontroverser ein. Beispielweise hat er den landesweiten «Gelbe-Westen» Protest in Sachen Energiepreiserhöhungen gegen die Regierung von Emmanuel Macron 2018 in einem Roman prophezeit.
«Agent provocateur»
Gleichzeitig will Houellebecq nicht nur Romancier, sondern in der Tradition der französischen Intellektuellen immer auch ein politischer «Agent provocateur» sein, der gehört wird. Dabei verletzt er immer wieder viele und tritt ungeniert von einem Fettnäpfchen ins nächste.
Das gilt insbesondere für seine Äusserungen zum Islam. Seitdem er 2001 in einer Pressekonferenz zu seinem Roman «Plattform» den Islam als die «dümmste Religion» bezeichnete, gilt er nicht nur in islamischen Gesellschaftskreisen als islamophob. Eine Position, die 2015 bekanntermassen zu einem tödlichen Attentat in Paris führte.
Elf Tote bei «Charlie Hebdo»-Attentat
Denn ausgerechnet an dem Tag, an dem auf dem Titelblatt der satirischen Zeitschrift «Charlie Hebdo» eine Karikatur von Michel Houellebecq erschien, stürmten Islamisten die Redaktion des Pariser Blatts und töteten elf Personen.
Die Titelseite vom besagten tragischen 7. Januar 2015 von «Charlie Hebdo» thematisierte den am selben Tag erschienenen Roman «Unterwerfung» von Michel Houellebecq. In seinem Buch wird ein islamisiertes Frankreich des Jahres 2022 beschrieben, in dem die Scharia eingeführt wird. Und in dem erstmals ein Muslim zum Präsidenten gewählt wird.
Erneut Öl ins Feuer gegossen
Seitdem gibt es keine Ruhe mehr zwischen Michel Houellebecq und Vertretern des französischen Islam. Zumal der 67-jährige Skandalautor in einem XXL-Exklusiv-Interview im Dezember 2022 in der Zeitschrift «Le Front Populaire» mit dem Philosophen Michel Onfray erneut Öl ins Feuer gegossen hat.
In dem Interview sagt er nicht nur die Gefahr von bewaffneten antiislamistischen Anschlägen voraus – indem sich Franzosen Gewehre zulegen und Attentate auf islamische Institutionen vorbereiten werden.
Rektor der Pariser Moschee droht
Er meint ausserdem, die «angestammten Franzosen, wie man sie nennt», wünschten nicht, dass die Muslime im Land sich assimilieren, sondern vielmehr, «dass sie aufhören, sie zu bestehlen und anzugreifen. Oder, andere Lösung: dass sie fortgehen». Daraufhin kündigte der Rektor der Grossen Pariser Moschee an, Strafanzeige gegen Houellebecq wegen Aufstachelung zum Hass zu erstatten.
Nun wurde es Houellebecq offenbar doch endgültig zu heiss – obwohl eine frühere Anklage gegen ihn wegen Rassismus und Islamophobie unter Hinweis auf das Grundrecht, Religionen zu kritisieren, gerichtlich abgewiesen wurde.
100-Seiten-Büchlein
In seinem neuen 100-Seiten-Büchlein «Einige Monate in meinem Leben» (»Quelques mois dans ma vie» Octobre 2022 – Mars 2023), das bislang nur auf Französisch erschienen ist, rudert der Literat nun plötzlich zurück.
Er korrigiert und entschuldigt sich für einige seiner jüngsten islamophoben Aussagen. Im Brustton der Reue revidiert er vor allem seine Äusserungen, dass es sich beim Islam um ein gesellschaftliches Problem Frankreichs handle. «Das Problem ist die Kriminalität», stellt er klar.
Während Houellebecq also in Sachen Islam plötzlich demonstrativ Kreide gefressen zu haben scheint, bringt der Agnostiker sein Unbehagen mit der Religion für einmal auf der Basis seiner eigenen katholischen Sozialisierung ins Spiel.
«Absurdität der päpstlichen Unfehlbarkeit»
In einem Nebensatz macht er klar: «Ich komme aus einer anderen Kultur, geprägt von einem Katholizismus, personell besetzt mit Geistlichen, deren vertikale Struktur mit der päpstlichen Unfehlbarkeit im Absurden kulminiert.»
Und was ist mit seiner äusserst fragwürdigen Rolle als Pornoakteur – zu dem ihn das niederländische Künstlerkollektiv KIRAC überredet hatte?
Rechtfertigungsschrift
In einer Art selbstgerechten Rechtfertigung distanziert sich Houellebecq in seinem neuen Buch von dem Projekt. Jedoch liegt ein gültiger Vertrag vor, den er unterschrieben hatte und der ihn ziemlich machtlos hinterliess, was die Veröffentlichung des Porno-Films angeht.
Er sei angetrunken gewesen und unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden, als er den Vertrag unterschrieben habe, redet er sich heraus. Deshalb habe er einen entscheidenden Vertragspassus erst später gelesen. Mon Dieu!
Houellebecq fühlt sich als Opfer
Houellebecq und seine Frau Lysis haben inzwischen rechtliche Schritte eingeleitet, um den Trailer und den Film, der im März erscheinen sollte, zu verbieten. Der Trailer enthalte falsche Aussagen, die das Paar in seiner Würde verletze. Houellebecq nannte ihn einen Angriff auf seine Ehre und sein Privatleben. Er stilisiert sich als Opfer in dem Buch und vergleicht sich sogar mit einer vergewaltigten Frau.
Im Trailer zu dem Film, der mittlerweile vom Netz genommen wurde, wälzte sich Houellebecq in den Kissen mit einer blonden, jungen Frau, die in etwa seine Enkelin sein könnte. Der Film wurde an sechs Tagen in Paris und Amsterdam gedreht. Houellebecq soll dabei Sex mit mehreren Frauen gehabt haben. Seine Ehefrau Lysis war auch in das Projekt involviert und soll das Drehbuch verfasst haben.
Der Pakt mit der Sünde der Fleischeslust
Aber für wie moralisch oder unmoralisch hält Houellebecq eigentlich Pornos? Der Skandalautor bemüht in seinem Buch durchaus die katholische Moral.
Einerseits hält er nämlich die «Kreuzzüge» französisch konservativer Katholiken gegen Pornos für eine «fremdartige Marotte» ohne irgendwelche Bedeutung. Die europäischen, insbesondere die südeuropäischen Katholiken, hätten, so Houellebecq, schon immer einen «impliziten Pakt» mit der Sünde der Fleischeslust geschlossen.
Sexualität und der «Schmutz»
Andererseits befürwortet der französische Schriftsteller, nur etwa zwei bis drei Prozent der Pornos im Netz herunterzuladen. «Höchstens ein Prozent seelenloser Pornos» würde er ganz verbieten.
Ach ja, die Pornos von KIRAC, denen er aus seiner Sicht selbst zum Opfer wurde, findet er ganz verwerflich: Weil sie durch eine «perverse Intelligenz» genährt würden. Beim Anschauen eines solchen Pornos von KIRAC (»Honeypot»), habe er zum ersten Mal den Eindruck gewonnen, dass Sexualität etwas «Schmutziges» in sich trage. «Zum ersten Mal schämte ich mich, einen Schwanz zu haben und ihn zu gebrauchen.»
*Michel Houellebecq (67) ist ein französischer Schriftsteller, der seit 1991 mit zahlreichen Romanen und Publikationen für gesellschaftliche Diskussionen sorgt. Seine bekanntesten Romane sind «Elementarteilchen» (1998), der auch verfilmt wurde, sowie «Unterwerfung» (2015).
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