Schweiz

«Verhältnis von Kirche und Politik muss neu und vertieft diskutiert werden»

Engelberg OW, 30.1.19 (kath.ch) Der Mitinitiant des neuen «Schweizer Thinktank Kirche/Politik», alt Abt Berchtold Müller des Kloster Engelbergs, fordert von der Einrichtung Sachlichkeit. Erst müsse die «Gruppe» Erkenntnisse und Thesen vorlegen, bevor Konsequenzen vorgeschlagen oder Entscheidungen initiiert werden, sagte Müller gegenüber kath.ch.

Georges Scherrer

Warum braucht es diesen Thinktank?

Berchtold Müller: Im Rahmen eines Gesprächs über Themen der «Paulus Akademie» haben Béatrice Acklin und ich auch über das Thema Kirche und Politik gesprochen. Uns schien, dass in diesem Verhältnis auf beiden Seiten und aus unterschiedlichen Gründen erhebliche Irritationen bestehen, die sachliche und emotionale Reibungen verursachen.

Um diese Gründe besser zu erfassen und daraus Konsequenzen zu ziehen, schlugen wir vor, eine kleine Gruppe von Interessierten zu einer Diskussionsrunde einzuladen.

«Auf beiden Seiten bestehen Empfindlichkeiten und Frustrationen.»

Nach dem ersten Gespräch waren die Beteiligen einverstanden, zu einem weiteren Treffen zusammenzukommen. In Zukunft sollte die Gruppe erweitert und die Überlegungen in einem weiteren Schritt in einem öffentlichen Forum zur Diskussion gestellt werden.

Welche Funktion übt dieser Thinktank im öffentlich Auftritt und der Sichtbarmachung der Kirche in der Schweizer Gesellschaft aus?

Müller: Die erste Diskussionsrunde zeigte durch dezidierte Stellungnahmen von beiden Seiten die Notwendigkeit, dass das Verhältnis von Kirche und Politik neu und vertieft diskutiert werden muss. Auf beiden Seiten bestehen Empfindlichkeiten und Frustrationen. Ob die Diskussion im Rahmen eines «Thinktanks» – was für ein Begriff! – stattfinden soll, blieb offen. Ebenso ist es müssig, in der Anfangsphase der Diskussion angeben zu wollen, welche Bedeutung diese Gespräche für die Kirche oder die Gesellschaft haben werden.

Über welche Themen soll der Thinktank verhandeln?

Müller: Meiner Meinung nach geht es vorläufig nicht ums «Mitreden», sondern um den Versuch, die Veränderungen im Verhältnis von Gesellschaft, Politik und Kirchen zu verstehen. Wenn die Gruppe Erkenntnisse und Thesen vorlegen kann, müssen diese im weiteren Rahmen von Interessierten und Verantwortlichen diskutiert werden, bevor Konsequenzen vorgeschlagen oder Entscheidungen initiiert werden.

Sollen kirchliche Amtsträger zu politischen Themen schweigen?

Müller: Kirchliche Amtsträger, die dazu befugt und befähigt sind, haben einen klaren Auftrag, das Evangelium Jesu Christi zu verkünden. Sie sollen es kompetent und verständlich tun. Selbstverständlich sollen sie sich in Wort und Tat engagieren und sich auf sichere Erkenntnisse der Theologie und von anderen Wissenschaften stützen.

«Es geht um den Versuch, die Veränderungen zu verstehen.»

In diesem Rahmen sollen sie sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen äussern, aber es muss klar ersichtlich sein, ob sie im eigenen Namen und Interesse sprechen oder im Sinn und Geist Jesu und im Auftrag seiner Kirche. Die Eigenständigkeit der Politik als Kunst des Machbaren und Dienst für das Allgemeinwohl muss respektiert werden.

Welche Erfahrungen kann ein Ordensmann in den Thinktank einbringen?

Müller: Ich bringe mich wie jeder andere Teilnehmer in die Diskussion ein. Ich bin motiviert durch das Interesse und die Sorge über die Veränderungen im Verhältnis von Kirche und Politik. Einerseits sehe ich das Problem der überorganisierten katholischen Kirche, die von Innen her schwächelt. Signale dafür sind Kirchenaustritte, abnehmende Identifikation der Getauften mit der Kirche, Missbräuche und Skandale.

«Amtsträger sollen sie sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen äussern.»

Anderseits empfinde ich das Schweigen und Ausweichen von Politikern in wichtigen Fragen, die das christliche Fundament der Gesellschaft betreffen, besorgniserregend oder peinlich.

Welche Erfahrungen bringt der alt Abt von Engelberg ein?

Müller: Als Benediktiner habe ich mich entschieden, mein ganzes Leben auf Gott, Jesus Christus und sein Evangelium auszurichten. Daher stehen für mich die theologischen, ethischen und kirchlich-katechetischen Implikationen der Fragen im Vordergrund. Als Abt, Lehrer und Staatsbürger war ich ebenso konfrontiert mit wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Fragen und Auseinandersetzungen.

Ich sehe meine Funktion in der Diskussion um das Verhältnis von Staat und Kirche als Initiator und Gastgeber und hoffe, dass kompetente Leute die Diskussion über dieses Verhältnis fortsetzen und daraus Erkenntnisse und belastbare Ergebnisse gewinnen.

Alt Abt Berchtold Müller | © Xaver Feierabend
30. Januar 2019 | 14:43
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