Ina Praetorius | © Katja Nideröst
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Ina Praetorius | © Katja Nideröst

«Variationen des Vater-Unsers können existenzielle Veränderungen auslösen»

Wattwil SG, 5.11.17 (kath.ch) Vom wohl bekanntesten christlichen Gebet existieren viele Variationen. 150 davon sind in einem Buch versammelt, das der Sprachwissenschaftler Rainer Stöckli und die evangelische Theologin Ina Praetorius kürzlich herausgegeben haben. Im Interview erklärt Praetorius, dass solche Variationen die Freiheit schaffen, den bekannten Text in das eigene Leben zu integrieren.

Sylvia Stam

Beten Sie das «Vater-Unser»?

Ina Praetorius: Ja, ich bete es morgens und abends in der klassischen Form, die ich als Kind gelernt habe. Ich benutze einzig die Anrede «du» anstelle von «Vater». Im Sonntagsgottesdienst, wo die Vater-Anrede üblich ist, bete ich ohne innere Aggression mit, weil ich mir die Freiheit nehme, diese Anrede zu variieren.

Das Gebet ist für Sie mit dem Duft von Zwiebeln und Rotwein verbunden. Wie kommt das?

Praetorius: Obwohl meine Eltern mich nicht sehr fromm erzogen haben, nahmen sie mich schon mit in die Kirche, bevor ich sprechen konnte. Frauen, die in den Sonntagsgottesdienst gingen, nahmen damals den Küchendunst des Sonntagsbratens in die Kirche mit, ihre Mäntel rochen danach. Das ist meine allererste Erfahrung mit dem «Unser-Vater». Dieser Duft hat sich mit der Sinnlichkeit des gemeinsamen Gemurmels vermischt, das hat sich mir gleichsam einverleibt.

Das Gebet sei «nicht wegzukriegen», schreiben Sie in einem Essay des Buches. Hätten Sie es denn gerne abgeschafft?

Praetorius: In meinen feministischen Revoltenjahren wollte ich dieses Gebet abschaffen. Ich musste aber feststellen, dass das nicht geht. Das hat mit der oben beschriebenen Kindheitserfahrung zu tun. Ich bin daher auf dem Weg, mir das Gebet konstruktiv anzueignen, indem ich mir die Freiheit des Variierens nehme. Das geht recht gut. Es ist bibelwissenschaftlich erwiesen, dass das «Unser Vater» keine feste Form sein will, sondern eher eine Anleitung zum Beten.

Fremde Texte schaffen Freiheit, das Gebet zu variieren.

 Welches ist Ihre persönliche Lieblingsversion?

Praetorius: Natürlich sind mir die Mutter-Unser-Texte nahe, etwa die Varianten von Dorothee Sölle und Luise Schottroff. Ich schätze aber auch die altsprachlichen und exotischen Sprachvarianten wie beispielsweise die sardische Version. Texte, bei denen ich nicht jedes Wort verstehe, schaffen eine interessante Distanz zum scheinbar Altbekannten. Gleichzeitig schaffen sie eine Freiheit, das Gebet selber zu variieren. Unsere Textsammlung ist für mich wie ein Haus mit verschiedenen Räumen, in denen ich immer wieder Neues entdecke.

Tatsächlich versammelt die Anthologie 150 Vater-Unser-Versionen, darunter Literarisierungen, Dialekt- und altsprachliche Fassungen. Richtet sich das Buch eher an sprachlich oder an theologisch Interessierte?

Praetorius: Das Faszinierende an diesem Buch ist für mich, dass dieser Unterschied verschwindet. Die Sammlung wurde weitgehend vom Sprachwissenschaftler Rainer Stöckli angelegt. Zusammen mit mir als Theologin haben wir sie gesichtet und in Form gebracht. Das Buch möchte den Lesenden sicher keine theologische Wahrheit verkündigen, aber es vermittelt, gerade weil es literaturwissenschaftlich konzipiert ist, die Freiheit, selber zu beten. Das ist sehr theologisch!

Wer soll dieses Buch unbedingt lesen?

Praetorius: (lacht) Alle natürlich! Das Buch ist wichtig für Menschen, die das Gefühl haben, in der Kirche gehe es vor allem darum, etwas richtig zu machen. Menschen also, die finden, «geheiligt werde der Wortlaut», wie es in meinem Essay heisst. Gottesbeziehung hat nichts damit zu tun, dass man sich an einen Wortlaut klammert. Ich wünsche solchen Menschen, dass sie es als Befreiung erfahren, wenn man sich das «Unser-Vater» aneignet und es in den eigenen Lebensvollzug integriert. Man kann mit diesem Gebet kämpfen und streiten, aber auch seine Schönheit geniessen, indem man wahrnimmt, wie andere es umschreiben oder persiflieren.

Geheiligt werde dein Wortlaut.

Auch Menschen, die die Kirche für hinterwäldlerisch, unaufgeklärt und verstaubt halten, können am Buch Gefallen finden. Sie können entdecken, dass die Kirchen in Bewegung sind.

Was können feministische Leserinnen aus dem Buch mitnehmen?

Praetorius: Das Buch kann Feministinnen, die in der Opposition gegenüber diesem patriarchalen Gebet feststecken, ebenfalls befreien. Feministische Theologinnen können ziemlich dogmatisch werden, wenn es darum geht, über patriarchale Sprache zu urteilen. Anhand des Buches sieht man zudem, dass die Frage von «Vater- oder Mutter-Unser» schon älter ist als die feministische Theologie im engeren Sinne.

Die Schreibweise des Titels «Vater Mutter Unser» legt eine Gleichwertigkeit von männlichem und weiblichem Gottesbild nahe. Im Untertitel heisst es dann aber lediglich: «Das Gebet des Herrn». Ist das nicht ein Widerspruch?

Praetorius: Ja, ein schöner ironischer Widerspruch, ein Zugeständnis an die Tatsache, dass wir alle miteinander in Bewegung und niemals perfekt und widerspruchsfrei sind.

Wir sind niemals perfekt und widerspruchsfrei.

Im Nachwort heisst es, die Texte laden dazu ein, die eigene Gottes-Anschauung zu revidieren. Wie ist das zu verstehen?

Praetorius: Das lässt sich gut am Beispiel der feministischen Theologie erklären. Zuerst gingen wir davon aus: Gott ist und bleibt ein Mann, daran kann man nichts ändern, weil das Patriarchat stark ist, und das ist schrecklich. Dann kam die Vorstellung der Muttergottheit auf: Man trieb den Vater aus, indem man die Mutter an seine Stelle setzte. Dorothee Sölle vergleicht dieses Vorgehen rückblickend mit einem Exorzismus.

In Gottesdiensten wird noch immer derselbe klassische Text gesprochen.

Die Auseinandersetzung mit der «Bibel in gerechter Sprache» hat schliesslich zu einer Befreiung hin zur Vielfalt geführt. Hier wurde sichtbar, dass patriarchale Gottesbilder quantitativ gesehen in der Bibel zwar häufig sind, aber wenn man die biblischen Texte genau anschaut, erkennt man eine Vielfalt in den Gottesvorstellungen. Die Variationen des Gebets sind also nicht nur sprachwissenschaftlich interessant, sondern die Auseinandersetzung damit kann existenzielle Veränderungen auslösen oder begleiten.

Existenzielle Veränderungen mag es bei Einzelnen geben, aber der Text selber, wie er in der Liturgie verwendet wird, bleibt seit Jahrzehnten gleich. Warum ist es so schwer, dieses Gebet zu verändern?

Praetorius: Das ist tatsächlich ein Dilemma, an dem ich leide. In verschiedenen christlichen Kreisen und in Gesprächen erfahre ich ganz viel Freiheit und Kreativität, gerade auch im Umgang mit dem Gebet. Wenn ich dann aber in einen Gottesdienst komme, wird noch immer derselbe klassische Text gesprochen. Ich frage mich, was das bedeutet. Natürlich kann es sein, dass all die Leute, die im Sonntagsgottesdienst neben mir sitzen, in ihrem Inneren etwas ähnlich Vielfältiges vollziehen wie ich. Vielleicht aber auch nicht.

Die reformierte Kirche hätte das Potenzial fortschrittlich zu sein.

Die Kirche muss sich öffnen für die wunderbare Vielfalt, die sich in theologischen Entwicklungen oder im interreligiösen Dialog entfaltet. Wenn das in der Liturgie und in der Gottesdienstsprache nicht sicht- und spürbar wird, dann habe ich wenig Hoffnung für die Kirche.

Gilt das für die römisch-katholische und die reformierte Kirche?

Praetorius: Ja. Bei der katholischen Kirche liegt es wohl an den verkrusteten Strukturen. Die reformierte Kirche hätte das Potenzial, fortschrittlicher zu sein: Sie ist jünger und demokratischer aufgebaut. Aber ich sehe nicht, dass sie dieses Potenzial ausschöpft. In der reformierten Kirche ruht man sich aus auf der eigenen Liberalität. Das wird schnell langweilig und geistlos.

Das Buch ist sehr bibliophil und hat Gewicht.

Natürlich gilt das nicht für alle Kreise, aber insgesamt bin ich manchmal ziemlich erschüttert, wie wenig sich bewegt. Insbesondere wenn ich mit jungen Leuten aus frommen Kreisen zu tun habe, merke ich, dass Veränderungen wie die Infragestellung des männlichen oder des herrschaftlichen Gottesbildes auch vollkommen an einem vorbeiziehen können.

Was gefällt Ihnen selber besonders an dem Buch?

Praetorius: Es ist sehr bibliophil und sorgfältig aufgemacht, dadurch hat es Gewicht. Es ist also ein richtiges Buch und erweckt nicht den Anschein, dass es eigentlich gar keine Bücher mehr braucht, weil alles virtuell zu finden ist. Ein schönes Buch, das schon jetzt viele schätzen, auch wenn es ein wenig teuer ist.

Ina Praetorius (*1956) ist Germanistin und evangelische Theologin. Sie ist als freie Autorin und Referentin in den Arbeitsbereichen postpatriarchale Ethik und Spiritualität tätig. Sie lebt in Wattwil SG.

Hinweis: Buchvorstellung am 5. November, 15.30 Uhr, Katharinen Festsaal, Katharinengasse 11 in St. Gallen und am 15. Dezember in Schwellbrunn AR.

Ina Praetorius | © Katja Nideröst
Ina Praetorius | © Katja Nideröst
Zwei Seiten aus dem Buch "Vater unser Mutter unser" | © Georges Scherrer
Zwei Seiten aus dem Buch "Vater unser Mutter unser" | © Georges Scherrer
Zwei Seiten aus dem Buch "Vater unser Mutter unser" | © Georges Scherrer
Zwei Seiten aus dem Buch "Vater unser Mutter unser" | © Georges Scherrer

Vater Mutter Unser

Das Lesebuch versammelt 150 Versionen des Vaterunser-/ Unservater-Gebets aus 250 Jahren. Die Sammlung enthält Umschreibungen, Altsprachliche Fassungen, Mutter-Unser-Gebete, Dialektfassungen, Fassungen in exotischen Sprachen und Pervertierungen.

Ziel der Herausgeberin und des Herausgebers ist es laut Klappentext, einerseits Poetisierungen, andererseits Verfremdungen zu vermitteln, die «zum Überdenken unseres Gottesbildes animieren.» (sys)

Rainer Stöckli, Ina Praetorius (HG): Vater Mutter Unser. Das Gebet des Herrn in 150 Variationen aus 250 Jahren. Appenzeller Verlag 2017. ISBN 978-3-85882-775-3

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