Übergriffiger Priester: Bischof Joseph Bonnemain will Akten prüfen und Massnahmen ergreifen
Im neuen Bericht zu Missbrauch im Erzbistum Freiburg ist laut «Sonntagsblick» auch der Fall des Schweizer Priesters Gregor Müller dokumentiert. Die Zeitung hat zudem recherchiert, dass das Bistum Chur den Priester 1992 trotz Bedenken in Schübelbach SZ einstellte.
Barbara Ludwig
Vergangene Woche hat ein neuer Bericht in der Erzdiözese Freiburg im Breisgau die systematische Vertuschung von Missbrauch durch die Verantwortlichen dokumentiert. In dem rund 600 Seiten umfassenden Gutachten ist laut Recherchen von «Sonntagsblick» auch ein Schweizer Priester Thema.
Übergriffe auf Ministranten in Deutschland
Der unterdessen verstorbene Schweizer war Mönch der Zisterzienserabtei von Wettingen-Mehrerau und sowohl in Österreich als auch in Deutschland und der Schweiz tätig. In den 1960er Jahren verging sich Gregor Müller an Ministranten. Das geschah in Birnau am deutschen Bodenseeufer. Einen der Ministranten habe er «in mindestens 30 bis 50 Fällen» missbraucht, zitiert die Zeitung aus dem Gutachten. Einem anderen Ministranten, der sich gegen einen Übergriff gewehrt hat, habe der Priester zehn D-Mark Schweigegeld gegeben.
Sex mit volljährigem Mann im Aargau
Später wechselte der Ordensmann ins Bistum Basel. Von 1971 bis 1987 war er in der Pfarrei Baden AG tätig, wo er auch einen Kinderchor gründete, wie die Presseagentur Kipa bereits am 23. März 2010 meldete. In Baden soll er 1985 Sex mit einem 28-jährigen Tschechoslowaken gehabt haben, schreibt der «Sonntagsblick» unter Berufung auf Akten, die ihm vorliegen.
Der psychisch labile Mann brachte später in Wettingen AG ein 16-jähriges Mädchen mit einem Küchenmesser um. Im anschliessenden Prozess sei es auch um die Frage gegangen, inwiefern der Sexkontakt mit dem Priester zur Tat geführt habe, schreibt die Zeitung.
Wegen Übergriffen demissioniert
Von November 1992 bis am 15. März 2010 war Gregor Müller in Schübelbach SZ im Bistum Chur tätig. Am 17. März nahm der damalige Churer Bischof, Vitus Huonder, die Demission des Pfarradministrators an. Grund: Sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen, die Gregor Müller in den 1970er Jahren in Deutschland und Österreich begangen hatte. Ein Opfer hatte das Bistum Chur darüber informiert.
Chur wusste vom Vorfall in Baden
Laut den Recherchen des «Sonntagsblick» gab es im Bistum jedoch bereits vor der Anstellung des Paters Bedenken. So habe es am 23. September 1992 eine Besprechung in Chur gegeben, an der Gregor Müller, ein Rechtsanwalt und der damalige Generalvikar für die Urschweiz teilgenommen hätten, berichtet die Zeitung unter Berufung auf eine Aktennotiz. Damals leitete Wolfgang Haas, heute Erzbischof von Vaduz, die Diözese Chur.
Thema des Gesprächs war der Vorfall in Baden. In der Aktennotiz steht: «Nach Alkoholgenuss kam es zu homosexuellen Kontakten mit einem Sektenanhänger (einmalig). Der Sektenanhänger ermordete drei Tage später ein Mädchen, um seine Sünde gutzumachen. Es besteht also kein kausaler Zusammenhang, da der Mörder als geistig abnorm eingestuft wurde und die Entgleisung unter Trunkenheiten zustande kam.» Die Aktennotiz hält weiter fest, die Verfehlung sei «einzig durch die Aussage des Mörders» zu Tage gekommen und nur im Gerichtsprotokoll enthalten.
Wolfgang Haas lehnte Verantwortung ab
Laut der Aktennotiz war der Pater auch Thema im Bischofsrat von Chur. Das Leitungsgremium habe 1992 trotz Bedenken seinen Segen zur Anstellung von Gregor Müller gegeben, schreibt die Zeitung. Die Aktennotiz halte fest, dass der Priester und der Ort Schübelbach «das Risiko eingehen und der Bischof und Bischofsrat keine Verantwortung übernehmen».
Im März 2010 liess das Bistum Chur verlauten, es sei während der ganzen Dauer der Anstellung nicht über die sexuellen Übergriffe des Paters auf Minderjährige infomiert worden. Die deutschen Gutachter halten diese Darstellung für unglaubwürdig.
Felix Gmür und Joseph Bonnemain äussern ihr Bedauern
Bereits 2010 bezeichnete das Bistum Basel die Anstellung von Pater Gregor Müller «aus heutiger Sicht als unvertretbare Fehleinschätzung», wie Kipa damals meldete. Der heutige Bischof von Basel, Felix Gmür, bedauert gegenüber dem «Sonntagsblick» die «aus heutiger Sicht grobfahrlässigen Entscheidungen der damaligen Verantwortlichen ausserordentlich».
Auch Bischof Joseph Bonnemain «bedauert sehr, dass die Verantwortlichen im Jahre 1992 sich so verhalten und entschieden haben», schreibt die Sprecherin des Bistums Chur, Nicole Büchel, dem «Sonntagsblick». Der Bischof werde «aus aktuellem Anlass die gesamten Akten nochmals eingehend prüfen, analysieren sowie allfällige Massnahmen treffen».
Daniel Bogner: «Musterbeispiel für Vertuschungspolitik»
Dass der damalige Bischof von Chur keine Verantwortung übernehmen wollte: Darüber empört sich der Freiburger Moraltheologe Daniel Bogner. Ein Bischof habe immer Verantwortung für seine Diözese, so Bogner zur Zeitung. Den Fall Gregor Müller betrachtet er als «Musterbeispiel für die systematische Vertuschungspolitik von Kirchenleitungen bei Missbrauchstätern».
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