Marc de Pothuau, Abt von Hauterive, erklärt sich
Schweiz

Übergriffe durch Ex-Bruder: Abtei Hauterive ruft Betroffene auf, sich zu melden

Ein Ex-Mönch der Gemeinschaft von Hauterive in Posieux FR hat sich an mindestens sechs erwachsenen Frauen vergriffen. Nun ruft die Zisterziensergemeinschaft mögliche weitere Betroffene proaktiv dazu auf, sich zu melden. Sie wolle die «Wahrheit ans Licht bringen».

Regula Pfeifer

Der Zeitpunkt fällt auf: Wenige Tage vor der Publikation der Pilotstudie zum Missbrauch in der Katholischen Kirche tritt die Abtei Hauterive an die Öffentlichkeit. In einer Mitteilung äussert sie «ihr schmerzvolles Bedauern» für das übergriffige Verhalten eines ehemaligen Mitbruders. Dieser habe sich in den 1980er- und 1990er-Jahren «mit unsittlichen Berührungen an volljährigen Frauen vergangen».

Passiert da etwas im Versteckten? - Licht fällt auf den Beichtstuhl.
Passiert da etwas im Versteckten? - Licht fällt auf den Beichtstuhl.

Der Zeitpunkt habe nichts mit der baldigen Publikation der besagten Studie zu tun, sagt Xavier Pilloud, der für die Abtei die aktuelle Kommunikation bestreitet. Vielmehr hätten interne und externe Vorgänge zum Entscheid geführt, jetzt an die Öffentlichkeit zu treten.

Anerkennung als Unterstützung der Betroffenen

Der Gemeinschaft sei es bewusst, dass sexuelle Übergriffe schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben können, so die Mitteilung. Einige Frauen würden wohl ihr ganzes Leben lang darunter leiden. «Wir hoffen, dass die Gemeinschaft der Abtei Hauterive durch die öffentliche Anerkennung dieser Tatsache dazu beitragen kann, ihnen ein klein wenig zu helfen.»

Der Abt von Hauterive, Marc de Pothuau, erklärte die Situation in einer Botschaft ausführlicher. Demzufolge habe er das Ausmass des Problems erst 2019 zu erfassen begonnen, als er eine betroffene Frau mehrmals zum Gespräch getroffen hatte. Es sei ihm klar geworden, dass das Leiden für sie immer noch gegenwärtig sei.

Die Gemeinschaft habe sich dann darüber ausgetauscht und gemerkt, «dass es unsere Pflicht ist, mehr zu tun». Sie beschloss, aktiv nach weiteren potenziellen Opfern zu suchen.

Die Klosterkirche Hauterive in der Saaneschlucht.
Die Klosterkirche Hauterive in der Saaneschlucht.

Taten verjährt

Inzwischen sind der Gemeinschaft von Hauterive sechs Frauen bekannt, die Übergriffe durch den Mönch erlitten hatten, wie Pilloud bestätigt. Es handle sich um erwachsene Frauen. Die Übergriffe hätten zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren stattgefunden. Die Taten seien alle verjährt, erfuhr die Abtei demnach von der Kantonspolizei. «Auch ein kirchenrechtliches Verfahren ist nicht möglich, weil der Bruder 1996 die Gemeinschaft verlassen und geheiratet hat», fügt Pilloud an.

Jener Mönch war in den 1980er-Jahren für den Gästebereich der Gemeinschaft zuständig. Dazu habe auch geistliche Begleitung und spirituelle Unterstützung gehört. «Dabei respektierte er nicht immer den gebührenden Abstand zu einigen Frauen», schreibt der Abt in der Botschaft.

Erster Hinweis 1992

Eine erste Frau hatte sich bereits 1992 an den damaligen Abt von Hauterive gewandt. Der Abt habe dem Bruder darauf das Gästehaus-Amt entzogen und ihn zwischenzeitlich zur Strafe in eine andere Gemeinschaft versetzt. Und er habe Bekannte des Bruders informiert. Darauf habe sich eine weitere Frau gemeldet, die berichtete, der Bruder habe sie auf den Mund geküsst.

Mauro-Giuseppe Lepori
Mauro-Giuseppe Lepori

Abt Mauro-Giuseppe Lepori, ab 1994 im Amt, erhielt demnach keine Beschwerden. Er entdeckte aber, dass der Bruder eine Beziehung zu einer Frau unterhielt und stellte ihn zur Rede. Der Bruder verliess 1996 die Gemeinschaft und heiratete. Inzwischen leide er «an einer senilen Demenz», heisst es in der Botschaft.

Betroffene können sich an die Abtei Hauterive wenden, Telefon 026 409 71 00, temoignage@abbaye-hauterive.ch

Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene

Eine Liste mit kirchlichen und weiteren Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene ist hier zu finden.

Für eine unabhängige Beratung ist die «Opferhilfe Schweiz» zu empfehlen. Wer die eigene Geschichte öffentlich machen möchte, kann sich an die Redaktion von kath.ch wenden. Diese betreibt einen kritischen und unabhängigen Journalismus. Die Redaktions-Mailadresse lautet redaktion@kath.ch.


Marc de Pothuau, Abt von Hauterive, erklärt sich | © Bernard Hallet
5. September 2023 | 09:00
Teilen Sie diesen Artikel!