Turm zu Babel oder gemeinsamer Aufbau Jerusalems
Schon länger wusste man, dass sich Papst Leo mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Und mit seinem Namen erinnert er bewusst an Leo XIII., den «Begründer» der Katholischen Soziallehre. Seine erste Enzyklika löst beides ein – und bringt neue Akzente.
Thomas Wallimann*
Gleich zu Beginn zeigen zwei biblische Geschichten, wie unterschiedlich die Herausforderungen durch die Künstliche Intelligenz (KI) und die neuen Techniken betrachtet werden können (Nr. 7 ff). Während der Turmbau zu Babel für Machbarkeit und (gottähnliche) Macht im Umgang mit Technik und KI steht und bis zum Grössenwahn, verbunden mit technokratischer Machtkonzentration und Kriegslogik reichen kann, steht die Geschichte des Wiederaufbaus Jerusalems für ein kooperatives, solidarisches und subsidiäres Gestalten der Zukunft.
Tradition und Unerwartetes
Ausführlich schildert Leo die Geschichte der Katholischen Soziallehre und versteht sie als «Hilfe für die gemeinsame Entscheidungsfindung» (Nr. 24). Gleichwohl grenzt er sich auch ab – etwa wenn er den Begriff der «Ökologie» seines Vorgängers Franziskus zwar erwähnt, aber gleichwohl die enge Verknüpfung von Sorge für die Zukunft, für den Planeten und für die Armen nicht mehr in gleicher Art betont oder das Solidaritätsprinzip neu interpretiert.
Hier nimmt er eine Unterscheidung vor, die wohl noch zum weiteren Nachdenken anregen wird. Er scheint Solidarität primär als individuelle Tugend zu verstehen – im Sinne eines beständigen Einsatzes für das Gemeinwohl mit spezieller Aufmerksamkeit für die Schwächsten. Die strukturelle Dimension des Solidaritätsprinzips verbindet er dann neu mit der von ihm als Prinzip genannten «Sozialen Gerechtigkeit», die in den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnungen gelten soll.
KI entwaffnen
Unerwartet deutlich ist seine Forderung nach einer «Entwaffnung» der KI (Nr. 110). Damit meint er den Abbau der Wettbewerbslogik, die Wirtschaft und Denken prägt. KI ist für ihn nie moralisch neutral. Dies betrifft nicht nur ihre Anwendung. Denn wer KI entwickelt, Algorithmen formt, bringt seine Wert- und Weltvorstellung (Narrativ, Babel oder Jerusalem?) in die Technik ein und entscheidet damit über weit mehr als nur die Anwendung (Nr. 90).
Gerade auch deswegen kritisiert Papst Leo die Machtkonzentration bei wenigen Tech-Konzernen und Personen. Neu sind also nicht mehr nur Staaten und ihre Macht ein Thema der Soziallehre, sondern auch Konzerne und Unternehmer (Nr. 95). Hier warnt die Enzyklika vor einer neuen Form der Sklaverei – sowohl für die oft ausgebeuteten Arbeiter, die für «Hungerlöhne» Algorithmen trainieren, wie auch für Nutzer und Nutzerinnen, die (oft unwissentlich) Daten preisgeben. Dass sich Leo für die Fehler der Kirche angesichts der Sklaverei in der Geschichte entschuldigt, verdient besondere Anerkennung
KI und Arbeit
KI betrifft nicht nur den Umgang mit Wahrheit, sondern auch die Arbeitswelt. Trotz vielen Erleichterung gilt es Arbeitsplätze zu schützen – insbesondere dürfen sie nicht höheren Gewinnen geopfert werden (Nr. 152). Leo anerkennt Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften als Mitstreitende bei diesen Anliegen (Nr. 155).
Besonders kritisch sieht er das Bruttoinlandprodukt als einzigen Parameter zur Messung des Entwicklungsstands, und mahnt, dies aufzugeben, weil zahlreiche Faktoren für das Wohlergehen von Menschen und Umwelt unberücksichtigt bleiben (Nr. 159). Stattdessen fordert Leo auch in Bezug auf KI Transparenz, Zurechenbarkeit von Entscheidungen, Inklusion sowie Zugang und Massnahmen der Gerechtigkeit in der Verteilung von Macht und Reichtum. Erst sie machen Innovation menschlich und erträglich (Nr. 164).
Soziallehre auch für die Kirche
Wohltuend wirkt, dass Leo die Soziallehre auch für die Kirche selber zur Anwendung bringen will (Nr. 86ff). Es wird interessant sein, wie etwa die angesprochene Mitwirkung in der Leitung konkretisiert wird, wenn – wie Leo es sich wünscht – jeder Paternalismus vermieden wird, «der die Freiheit des Evangeliums erstickt.» (Nr. 87).
Gegen Krieg – für Frieden
Trotz der Schwächung internationaler Zusammenarbeit und dem Machtgehabe vieler Regierungen darf Krieg keine Normalität sein. Auch kann es für Leo nicht sein, dass man Kriege nicht mehr mit der Absicht zu siegen führt, sondern um Macht und Profite zu machen. Besonders gilt diese Kritik der Rüstungsindustrie und dem Waffenhandel (Nr. 193). Durch KI droht die zusätzliche Gefahr, dass Entscheide über Leben und Tod nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen gefällt werden.
Leo betont dagegen Friede als «eine Voraussetzung für das globale Gemeinwohl und ein Prüfstein für die moralische Reife der Völker, insbesondere jener, die Regierungsverantwortung tragen.» (vgl. Nr. 182). Dass der US-amerikanische Papst den aktuellen US-Präsidenten im Blick hat, darf wohl ohne Zögern angenommen werden. Frieden aufbauen vergleicht der Papst mit der Geschichte des Wiederaufbaus von Jerusalem, während Kriegs- und Machtlogik dem Turmbau zu Babel ähneln. Friede ist darum nicht Utopie, sondern anspruchsvolle Arbeit. Dazu braucht es kritisches Denken, ein Herz, das sich hingibt und ein Gewissen, das das Gute erkennt – alles Dinge, die keine künstliche Intelligenz schafft.
Und ein Wermutstropfen
Bei aller Aktualität des Themas fällt auf, wie stark sich auch hier die Päpste immer wieder selbst zitieren. Von 224 Quellen stammen lediglich sechs von Nicht-Theologen, darunter eine einzige Frau, Hanna Arendt. Auch lässt sich keine Quelle aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit KI finden. Diese «Selbstzitate» machen die Enzyklika nicht nur länger, sondern legen auch einen «katholischen Sprachmantel» über die Realität, der eine nüchterne Sprache wie z.T. in Rerum Novarum vermissen lässt.
Dies ist bedauerlich, weil sich auch diese Enzyklika an alle Menschen guten Willens richtet und eine Fragestellung aufgreift, die aktuell und weltweit bedeutsam ist. Der Papst und die Kirche vergeben sich hier eine grosse Chance. Die Soziallehre, deren Stärke bis in die 1980er Jahre in ihrer nüchternen, rational-naturrechtlichen Sprache bestand, entwickelt sich so sprachlich zunehmend zu einer «Bubble», die ihre (rationale) Anschlussfähigkeit riskiert und damit auch jenen, die mit dem «katholischen Mantel» nicht viel anfangen können, «Wert»volle Gedankenanstösse vorenthält.
Wer sich jedoch einmal durch diesen «Sprachmantel» gearbeitet hat, erkennt, wo die Stärke dieser Enzyklika liegt: Es sind die Menschenbilder, die Narrative hinter der Technik, die ethisch relevant sind – und hier hat die Kirche tatsächlich etwas zu bieten.
*Thomas Wallimann ist promovierter Theologe und unterrichtet als Sozialethiker Wirtschafts-, Technik- und Führungsethik an der Hochschule Luzern sowie der Berner Fachhochschule. Zudem leitet er das privat finanhzierte Institut Ethik22 in Zürich.
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