Papst Paul III., Gemälde von Tizian, 1543, Neapel, Museo di Capodimonte.
Religion anders

Todestag von Tizian: Er brachte Leidenschaft auf die Leinwand

Ein Bild von einem prachtvollen Palast in Sepia, dann ein funktionaler grauer Bau: Die Welt verliere ihre Schönheit, beklagt ein Trend auf Social Media. Wer es ähnlich erlebt, könnte bei Tizian einen Gegenentwurf finden.

Paula Konersmann

(KNA) In Venedig ist es ja so: Man biegt ohne rechten Plan ab, eine scheinbar unauffällige Ecke – und steht plötzlich auf einem zauberhaften Platz, vor einer Kirche, umgeben von Kunst. Dazu trägt Tizian auch 450 Jahre am 27. August nach seinem Tod einiges bei: In der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari zum Beispiel, nicht einmal die prächtigste Kirche der Lagunenstadt, hängt sein vielleicht bedeutendstes Bild, die «Himmelfahrt der Jungfrau» (1516-1518). Sein Grabmal befindet sich ebenfalls dort.

Die «Assunta» wurde damals als Sensation des jungen Künstlers gefeiert. Knapp sieben Meter hoch, ist sie typisch für sein Frühwerk: leuchtende Farben, klare Pinselstriche, ein Moment, der lebendig scheint.

Später wurde sein Malstil immer freier – zu sehen beispielsweise bei einem Bild, das einen uralten Mythos aufgreift: «Die Vergewaltigung der Europa» (1560-1562). Geboren vermutlich um 1490 in Pieve di Cadore, wo es heute ausgeprägten Tourismus auf seinen Spuren gibt, gilt Tizian als erfolgreichster Künstler der venezianischen Malerei.

Das Tizian-Jahr läuft in Italien bereits

Schon seit Jahresbeginn zeigt das Dolomiten-Städtchen besondere Ausstellungen; bislang unbekannte Werke wurden veröffentlicht und das mutmaßliche Geburtshaus restauriert. Auch das Altarbild «Pala Gozzi» (1520), gemalt für die Franziskanerkirche im weiter südlich gelegenen Ancona, ist erstmals im Geburtsort des Meisters zu sehen. Anfang 2027 soll es zudem eine internationale Tizian-Konferenz geben.

Besuch von Papst Franziskus in Venedig
Besuch von Papst Franziskus in Venedig

In Venedig zeigt die Gallerie dell’Accademia ein Projekt mit Performance-Künstlerin Marina Abramovic; bei der Biennale schlägt der Ghanaer Amoako Boafo eine Brücke zur Porträtkunst Tizians. Diese hatten zu Beginn seiner Karriere das Auskommen des Malers gesichert – mit der Verpflichtung, zu Lebzeiten alle Dogen, die venezianischen Machthaber, zu einem Festpreis zu porträtieren.

Schon früh, im Alter zwischen neun und zwölf Jahren, kam Tizian nach Venedig; er galt als sehr talentiert und lernte bei Künstlern wie Bellini. Gemeinsam mit Giorgione führte er zunächst Restaurierungsarbeiten an Fresken durch, die für beide zum Erfolg wurden. Eine Rivalität entwickelte sich zwischen beiden Künstlern erst später. Giorgione starb 1510, Bellini 1516 – sodass Tizian für ganze sechs Jahrzehnte zum venezianischen Hauptmeister wurde.

Venedig im Kunst-Wettstreit mit Florenz

Damals zählte die Lagunenstadt zu den zehn größten Metropolen der Welt – mit großer Bedeutung auch für den Handel. Der Name «La Serenissima», die Glänzende, hält sich bis heute. Hier entstand auch der Beruf des Farbenhändlers: Alvise dalla Scala belieferte neben Tizian den Habsburger Hof und den Vatikan. Um 1561 stellte der Maler ihn in einem eigenen Porträt dar, das auch durch den Hintergrund besticht – einen Abendhimmel, buchstäblich wie gemalt.

Der Dom in Florenz
Der Dom in Florenz

Eines seiner bekanntesten Gemälde hängt indes in jener Stadt, in der sich damals ein Kultur-Wettstreit abspielte: Die «Venus von Urbino» aus den 1530er Jahren, durchaus erotisch aufgeladen, ist heute in den Uffizien in Florenz zu bewundern.

Während die venezianischen Maler mit ausdrucksstarker Farbmalerei experimentierten, standen beim florentinischen Ideal die Zeichnung, Perspektive und Präzision im Mittelpunkt – wobei Tizian später, 1566, in die florentinische Akademie aufgenommen wurde. Er selbst sprach von seinen Bildern als «poesie», also Gedichten.

Tizian malte für Päpste und Kaiser

Schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit, verlor Tizian früh seine Ehefrau und zog die drei Kinder gemeinsam mit seiner Schwester groß. 1546 folgte er dem päpstlichen Ruf nach Rom, zwei Jahre später dem Karls V. nach Augsburg, um den Kaiser zu porträtieren. 1555 war er beim Konzil von Trient, das in Reaktion auf die Reformation stattfand.

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Eines seiner letzten Werke ist eine Pietà, auf der sich der Künstler selbst verewigt hat. Er starb am 27. August 1576 mit vermutlich 86 Jahren, ein für seine Zeit hohes Alter, und wurde als einziges Opfer der Pest-Epidemie kirchlich beigesetzt. Maler von Peter Paul Rubens über Eugène Delacroix bis Gerhard Richter beriefen sich auf ihn: Letzterer schätzte an Tizians Werk, wie er sagte, seine «schöne Wahrheit».


Papst Paul III., Gemälde von Tizian, 1543, Neapel, Museo di Capodimonte.
24. August 2026 | 07:00
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