Tanzend zu Gott finden

Zürich, 13.2.18 (kath.ch) In einer Kirche zwischen den Kirchenbänken tanzen – darf man das? Ja, sagt Gianni Malfer, Studienleiter des Studiengangs Bachelor Contemporary Dance an der Zürcher Hochschule der Künste. Anfang Februar haben Studenten in der Kirche Felix und Regula getanzt. Für Malfer ein klares Zeichen: Tanz ist die beste Art eines Rituals.

Francesca Trento

Herr Malfer, warum zwischen Kirchenbänken tanzen?

Gianni Malfer: Es geht nicht nur um die Kirchenbänke. Es geht um den ganzen Raum – um die Kirche.

Wäre eine übliche Bühne nicht einfacher?

Malfer: Vielleicht. Aber Tanz ist Bewegung im Raum, egal in welchem. Den Raum so nutzen wie er ist, ist Teil des Tanzes.

Warum in einer Kirche?

Malfer: Erstens wurden wir von Meinrad Furrer angefragt, der im Auftrag der katholischen Kirche Zürich das Projekt «Urbane Kirche» gestartet hat. Ich sprach also mit der Choreografin Cathy Sharp, die schon einmal mit Tänzerinnen und Tänzern in einer Kirche aufgetreten ist. Nach ein paar Anpassungen an diese bestimmte Kirche, studierte sie es mit den Tänzern ein.

«Tanz ist Bewegung im Raum» | © Betty Fleck

In dieser Choreografie tanzten nur junge Männer. Warum keine Frauen?

Malfer: Die Kirche ist männlich geprägt, geführt, gefüllt. Auch assoziiert man bei Frauen in Kirchen schnell Mitleid, Schutz. Deshalb haben Frauen nicht in diese Choreografie gepasst.

Im Projekt geht es um Spiritualität sakraler Räume. Fühlen Sie sich in einer Kirche spiritueller?

Malfer: Definitiv. Spiritualität ist zwar nicht nur in Kirchen zu finden, aber leichter zugänglich. Das habe ich bei den Tänzern mitansehen können, als die ersten Proben begannen:  Jungs, die sonst sehr energievoll unterwegs sind, wurden plötzlich still, auch viel ruhiger in den Bewegungen.

Spiritualität ist gleich Ruhe?

Malfer: Nicht nur. Ruhe gehört für mich jedoch dazu. Für mich ist es ein In-sich-Kehren, ein Zu-sich-Finden. Ein Fühlen von etwas Grösserem als man selbst ist.

«Der Tanz sollte an das Leiden Jesu erinnern» | © Betty Fleck

Glauben Sie an etwas Grösseres, als Sie selbst sind?

Malfer: Ja. Was genau das ist, kann ich nicht beschreiben. Ich fühle meistens eine Art von Fluss im Leben, der einen Grund hat. Alles, was man tut, kommt irgendwie irgendwo an – und wieder zurück. Genau wie einer Tanzperfomance.

Wie meinen Sie das?

Malfer: Bei einer Aufführung hat man neben den Tänzerinnen und Tänzern auch das Publikum. Tänzer senden mit ihren Bewegungen, mit oder ohne Musik, etwas Bestimmtes aus. Sie tanzen nicht nur, sie füllen den Raum mit ihrer Energie, mit ihren Emotionen. Das Publikum reagiert darauf. Wobei diese Reaktion wiederum etwas mit den Tänzern macht. Und so weiter.

Der Tanz erinnert an das Leiden Jesu.

Was sandten diese Tänzer aus?

Malfer: Das müssten eigentlich Sie sagen (lacht). Das Projekt will das spirituelle Gefühl, das eine Kirche in sich hat, auf eine andere Art und Weise ausdrücken. Der Tanz sollte dies ebenso tun.

Die zurück liegende Choreografie war eine Art Andacht. Der Tanz sollte an das Leiden Jesu erinnern. Jeder Tänzer drückte sein Leiden durch seine Bewegungen aus. Die Andacht galt nicht nur Jesus, sondern auch dem, was höher ist. Etwas, das da ist, man aber nicht definieren kann – oder nicht muss.

«Es geht nicht nur um die Kirchenbänke.» | © Betty Fleck

Was ist Andacht für Sie?

Malfer: Andacht ist eine Art von In-sich-Kehren. Sie ist ein Sich-Öffnen gegenüber etwas Höherem – man kann das auch Gott nennen. Durch die Andacht erhöht man sich selbst, ist man in einer anderen Sphäre als sonst.

Ist Tanz besonders für eine Andacht geeignet?

Malfer: Ja, für mich ist Tanz die Form, die einen Ritus am besten ausdrücken kann. Und Rituale durchführen, gehört eben zur Andacht. Man wird durch das sich Wiederholende mehr und mehr in sich gekehrt, nähert sich etwas Höherem und findet zu sich selbst.

Studienleiter Gianni Malfer | © Francesca Trento

Spiritualität im KirchenRaum

«Spiritualität im Kirchen Raum» ist ein Projekt von urbane Kirche Zürich in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der Kirche St. Felix und Regula

Meinrad Furrer, Beaufratragter für Spiritualität, will mit dem Projekt auch kirchenfernen Menschen die Spiritualität in Kirchen näher bringen, wie er auf Anfrage erklärte. «In Kirchen ist Spiritualität sehr stark erfahrbar. Betritt man sie jedoch nicht, verpasst man dieses Erlebnis.» Diese Veranstaltungen sollen auch kirchenfernen Menschen einen Grund geben, die Kirche zu betreten und diese spirituelle Erfahrung zu erleben.

Die erste Veranstaltung des Projektes mit Tanz fand am 1. und 3. Februar in der Kirche Felix und Regula in Zürich statt.

Nächste Vorstellungen dieses Projekts:

25. und 26. März Musik

The light shines in the darkness, the darkness can not reach it.

Mit Léo Collin, Master ZHdK Komposition 

6. Mai Interaction Design

Mit Aurelian Ammon, Adrienn Bodor, Alessa Gassmann, Vinzenz Leutenegger, Ismaël Mori und Joëlle Bitton, Leiterin Vertiefung ZHdK Interaction Design.

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